«So würde es keine Vergewaltigungen geben»

Hintergrund

Indische Politiker versuchen immer wieder Vergewaltigungen auf absurde Weise zu rechtfertigen. 42 Parlamentarier sind selber wegen Übergriffen angeklagt. Nun droht ihnen der Ausschluss.

  • loading indicator
Martin Wilhelm@martin_wilhelm

Seit Tagen klagen Tausende von Inderinnen und Indern die Politik an. Es gelingt ihr nicht, die verbreitete Gewalt gegen Frauen zu verhindern. Etliche Politiker verharmlosen sogar Vergewaltigungen oder versuchen sie mit an den Haaren herbeigezogenen Gründen zu rechtfertigen. Doch damit nicht genug: Zahlreiche indische Politiker werden sogar selber der Vergehen gegen Frauen beschuldigt – in einigen Fällen sogar der Vergewaltigung.

Werden in Indien Abgeordnete des nationalen oder eines der regionalen Parlamente eingeschworen, müssen sie jeweils offenlegen, ob gegen sie Vorstrafen oder Anzeigen vorliegen. Insgesamt gaben 48 Parlamentarier an, dass sie der Vergehen gegen Frauen bezichtigt werden, berichtet die Vereinigung für Demokratische Reformen. Die Organisation wurde von indischen Professoren gegründet und untersucht Politiker auf einen möglichen kriminellen Hintergrund. Zu den mutmasslichen Vergehen der Politiker zählen Belästigung und Körperverletzung. Sechs regionale Parlamentarier gaben an, der Vergewaltigung beschuldigt zu sein.

27 Kandidaten sollen Vergewaltiger sein

Untersucht hat die Partei auch die Kandidaten der Regionalwahlen in den vergangenen fünf Jahren. 27 der Kandidaten wurden nach eigenen Angaben der Vergewaltigung bezichtigt, während ganze 260 Kandidaten andere Vergehen gegen Frauen begangen haben sollen.

Wie die Nachrichtenagentur dapd berichtet, will das oberste Gericht Indiens nun morgen über eine Petition der ehemaligen Ministerin Promilla Shanker befinden. Sie verlangt, dass Abgeordnete suspendiert werden, wenn Ermittlungen wegen krimineller Übergriffe auf Frauen gegen sie laufen.

Absurde Begründungen

Viele indische Politiker haben Vergewaltigungen in der Vergangenheit verharmlost oder auf absurde Gründe geschoben. Die englischsprachige Zeitung «Daily News & Analysis» hat eine Liste solcher früherer Äusserungen von Politikern zusammengestellt:

  • «Röcke sollten in Anbetracht der Zunahme krimineller Vergehen an Frauen verboten werden. Die Schule sollte deshalb Hosenanzüge als Uniformen für die Mädchen verwenden.» (Banwari Lal Singhal, Abgeordneter in Rajasthan)
  • «Ich sage ohne zu zögern, dass 90 Prozent der Mädchen Sex wollen, aber nicht wissen, dass sie Opfer einer Gruppenvergewaltigung werden, wenn sie sich auf muntere und überzeugende Personen einlassen.» (Dharam bir Goyat, Kongresssprecher)
  • «Armut und Rausch sind die häufigsten Gründe für Vergewaltigungen; ebenso wie die Tatsache, dass junge Menschen häufig auf falsche Art und Weise zusammensitzen. Aber auch das Essen von Chowmein verursacht ein hormonelles Ungleichgewicht, das Vergewaltigungen verursacht.» (Jitender Chhataar, Chef einer konservativen ländlichen Dorfgemeinschaft im Norden Indiens)
  • «Ich finde, das Mädchen mit sechzehn verheiratet werden sollten, so dass sie ihre Ehemänner haben, die ihre sexuellen Bedürfnisse befriedigen können, und sie nicht anderswo hingehen müssen. So würde es keine Vergewaltigungen geben.» (Sube Singh, ebenfalls Angehöriger einer Dorfgemeinschaft)
  • «Vergewaltigungen passieren, weil Männer und Frauen freier miteinander umgehen.» (Mamata Banerjee, Regierungspräsidentin von West-Bengalen.)

Brutale Vergewaltigung

Die Gewalt gegen Frauen auf die politische Agenda gebracht hat die Vergewaltigung einer Studentin durch sechs Männer in einem öffentlichen Bus. Seit Tagen wird deswegen in Indien demonstriert. Heute zogen Tausende von Inderinnen zum Gandhi-Denkmal in Neu Delhi. Der Fall hat auch international ins Bewusstsein gerufen, dass in Indien teilweise ein Frauenbild aus Kolonialzeiten herrscht. 100'000 Akten von Vergewaltigungsfällen sollen in Gerichten verstauben. Zudem werden immer wieder Mädchen abgetrieben oder nach der Geburt getötet.

baz.ch/Newsnet

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt