«Sie reden nicht viel mit uns»

Dass der syrische Konflikt seit Juni auch die Wirtschaftsmetropole Aleppo erreicht hat, sehen die Anwohner mit gemischten Gefühlen. Die Rebellen, die grösstenteils vom Land kommen, sind über diese Reaktionen verblüfft.

«Alles, was wir haben, das ist Chaos»: Ein Anwohner geht an zerstörten Gebäuden vorbei. (31. Juli 2012)

«Alles, was wir haben, das ist Chaos»: Ein Anwohner geht an zerstörten Gebäuden vorbei. (31. Juli 2012)

(Bild: AFP)

Keine farbigen Lichter, keine Menschenmassen auf den Märkten: Der Fastenmonat Ramadan ist in diesem Jahr in der syrischen Stadt Aleppo anders als sonst. Wegen der Kämpfe zwischen den Rebellen und Regierungstruppen liegt der Müll am Strassenrand. Menschen mit besorgten Gesichtern huschen schnell vorbei.

Lange blieb die Wirtschaftsmetropole Aleppo mit ihren zweieinhalb Millionen Einwohnern von dem Konflikt verschont. Doch im Juni griff er auch auf die Stadt über, als Kämpfer aus der Provinz nach Aleppo kamen, um die Bürger von Staatschef Baschar al-Assad «zu befreien». Die Armee schlug mit Kampfhelikoptern und Artillerie zurück.

Manche Bewohner begrüssen es, jetzt unter der Herrschaft der Opposition zu leben. Sie gestehen aber ein, dass das neue Leben nicht so angenehm ist wie erhofft.

«Immer nocht unterdrückt»

«Wir haben kaum Strom und Wasser», sagt der 45-jährige Bauarbeiter Dschumaa am Rande der Stadt in einer ärmlichen Siedlung, wo niedrige Häuser aus Betonziegeln stehen. «Unsere Frauen und Kinder haben sich in Sicherheit gebracht, und wir passen auf die Häuser auf. Es ist ein trauriger Ramadan.»

Und doch ist Dschumaa angesichts der Rebellen in seiner Stadt guter Dinge. «Wenn ich sie von meiner Haustür aus sehe, habe ich das Gefühl, dass das Regime untergeht.»

Sein Nachbar Amr sieht die Lage anders: «Alles, was wir haben, das ist Chaos.» Die lautstarken Einwände seiner Nachbarn lässt er nicht gelten. «Ich bin immer noch unterdrückt und muss mich zwischen zwei Seiten entscheiden. Ich will einfach nur leben.»

Rebellen erstaunt über Reaktionen

Selbst beim Nachwuchs scheint die Stimmungslage gespalten zu sein. Wenn Rebellen der Freien Syrischen Armee mit ihren Lastern vorbeifahren, werden sie von einigen Kindern begrüsst. Andere halten sich an ihren Müttern fest und blicken zu Boden.

Die Rebellen, die vor allem vom Land kommen, sind über die geteilten Reaktionen verblüfft. Ein Kämpfer namens Mustafa beklagt, die Bewohner von Aleppo wollten die syrische Regierung loswerden, aber die Landbevölkerung solle die Arbeit machen. «Sie wollen das erreichen, ohne selbst zu leiden», sagt Mustafa.

Familien gehen aufs Land

Auf einem Markt in einem Vorort Aleppos sind die meisten Geschäfte geschlossen. Diejenigen, die Kunden empfangen, bieten vor allem Konserven an.

Jeden Tag fahren Minibusse und Taxis aus der Stadt. In den Autos drängen sich Familien und haben Kissen und Decken dabei. In einer Gasse packt eine Familie ihre Habseligkeiten in einen Umzugswagen. «Wir gehen aufs Land», sagt der Vater, hält sich aber über die Hintergründe bedeckt. «Es ist nur so ein Gefühl.»

Näher am Stadtzentrum sieht die Versorgungslage besser aus. In Gassen werden Nüsse, frisches Gemüse und Fleisch angeboten. Aber nur wenige Bewohner kaufen etwas. Manche mustern misstrauisch die Rebellen, die an Maschinengewehren postiert sind und in Seitenstrassen Ausweise kontrollieren.

Die Rebellen scheinen voll beschäftigt zu sein, in den von ihnen kontrollierten Vierteln für Ordnung zu sorgen. Bewaffnete Kämpfer regeln den Verkehr und lachen Taxifahrer an, die mit ihnen scherzen: «Wie ist es so, Regierung zu spielen?»

Erwartungen und Unsicherheit

Immer, wenn Rebellen ihre Lastwagen in der Strasse abstellen, kommen Anwohner zu ihnen und fragen nach Benzin für ihre Autos. Manche bitten die neuen Machthaber, doch mehr Bäckereien zu eröffnen, damit die Menschen nicht mehr stundenlang in der sengenden Hitze warten müssten.

Eine Frau in einer Warteschlange freut sich, dass die Rebellen in der Stadt sind. Niemand sei jetzt mehr etwas Besseres und könne sich vordrängeln. Und die Bäcker dürften die Preise nicht erhöhen. «Zum ersten Mal habe ich in dieser Stadt das Gefühl, dass alle gleich sind», sagt die Frau.

In der selben Strasse beobachtet eine Männergruppe die Rebellen, wie sie ein ausgebranntes Polizeigebäude untersuchen, das in der vergangenen Woche eingenommen wurde. Auf dem Boden sind Akten, Schuhe und Polizeimützen verstreut.

Ein Beobachter schüttelt den Kopf. Ein anderer Mann flüstert: «Wir kennen die Kämpfer noch nicht einmal. Sie reden nicht viel mit uns.» Aber die Bewohner Aleppos arrangierten sich mit jedem, der an der Macht sei. «Ich ergreife für niemanden Partei. Ich bin für die Wahrheit, und die finde ich nur bei Gott.»

Erika Solomon, Reuters

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