Gefesselt auf dem Tigerstuhl

Der Brite Peter Humphrey wehrt sich gegen die chinesische Praxis, erzwungene Geständnisse auszustrahlen.

Ein Jahr nach den Demütigungen im Abendprogramm: Peter Humphrey beim Prozess in Shanghai (August 2014). Foto: Reuters

Ein Jahr nach den Demütigungen im Abendprogramm: Peter Humphrey beim Prozess in Shanghai (August 2014). Foto: Reuters

Lea Deuber@Lea_Deuber

Es ist der 24. August 2013, ein Samstag, als sie ihn aus seiner Zelle holen. In Gefangenschaft sitzt der britische Geschäftsmann Peter Humphrey seit mehreren Wochen, im berüchtigten Shanghaier Gefängnis im Osten der Stadt, auf 15 Quadratmetern mit zwölf weiteren Häftlingen. Seine Frau sitzt in einer Zelle zwei Stockwerke darüber.

Der Polizist, der an diesem Morgen in die Zelle des Briten tritt, sagt: «Unsere Chefs wollen, dass du die Medien triffst.» So erzählt es Humphrey im Rückblick. Wenn er mit den Journalisten rede, verspricht ihm damals der Beamte, könne sich das positiv auf seinen Prozess auswirken. Der zu dem Zeitpunkt 57-Jährige ist skeptisch, erklärt sich aber zu einem Gespräch bereit. Dass er weder gefilmt noch fotografiert werden will, schreibt er noch auf ein Stück Papier und übergibt es den Polizisten.

Aussage unter Drogen

Die Beamten fixieren Humphrey in einem Käfig auf einen Tigerstuhl, wie die eisernen Foltergestelle in China genannt werden. Die Fesseln schnüren so fest in Arme und Beine, dass Humphreys Gliedmassen taub werden. Völlig erschöpft und unter Drogen gesetzt, muss er vor laufender Kamera aussagen.

Die Aufnahmen sind nicht Teil seines Gerichtsverfahrens. Sie laufen später im chinesischen Abendprogramm wie ein Thriller. Nur dass Humphrey kein Schauspieler ist, sondern ein Angeklagter ohne Anklageschrift.

Fünf Jahre später dient das zusammengeschnittene Material als Beweismittel für die britische Medienaufsicht Office of Communications (Ofcom) in London. Dort hat der britische Staatsbürger im November eine Beschwerde eingereicht. Der Vorwurf: Sein erzwungenes Geständnis strahlte das Staatsfernsehen nicht nur in China aus, sondern über seine Kanäle weltweit – auch in Grossbritannien. Das widerspreche dem britischen Medienkodex, argumentiert Humphrey. Bestätigt Ofcom die Beschwerde, könnte der chinesische Staatssender CCTV in dem Land seine Lizenz verlieren und die Medienaufsicht einen Präzedenzfall für Verfahren in anderen Ländern schaffen. Auch in Schweden, Kanada, Frankreich und den USA sind solche Aufnahmen ausgestrahlt worden. Weitere Klagen sind in Vorbereitung.

Pekings Weltsicht geht um die Welt

Die Entscheidung hätte weltweit Signalwirkung. Erst im Dezember haben CCTV und dessen internationaler Sender CGTN ihre Europazentrale in London eröffnet. Mindestens 350 Journalisten sollen von dort berichten – doppelt so viele wie in Washington und Nairobi. Präsident Xi Jinping erklärte im Oktober 2017, der Sender solle die «Herzen und Köpfe im Ausland gewinnen». Dies sei «essenziell für den grossen Wiederaufstieg des chinesischen Volkes».

Sechs Milliarden Dollar stellt der Staat bis 2020 für die internationale Propaganda-Offensive bereit. In Zukunft sollen CCTV, China Radio International und das Chinese National Radio zum Mediengiganten Voice of China verschmelzen.

Das Ziel der Offensive: «die Herrschaft der KP über die Medien und die öffentliche Meinung» zu festigen, wie es in offiziellen Papieren heisst. Dazu übernehmen die Staatssender Medienhäuser weltweit oder kooperieren mit Medien, um dort Artikel der Staatspresse unterzubringen. Getreu dem chinesischen Sprichwort: Leih ein Boot, um das Meer zu überqueren. Pekings Sicht auf die Welt: ausgestrahlt in 60 Sprachen, in 170 Ländern, 24 Stunden am Tag.

Humphrey weiss von nichts

2013 wird Peter Humphrey ein Teil dieser Geschichte. Viele Jahre berieten der Brite und seine Frau Yu Yingzeng internationale Konzerne in China, um unternehmensinterne Korruptions- und Betrugsvorwürfe zu untersuchen. Über 700 Fälle bearbeitet er mit seiner Firma ChinaWhys, die er mit Sitz in Shanghai in den 90er-Jahren gegründet hatte. Im April des gleichen Jahres engagiert ihn das britische Pharmaunternehmen GlaxoSmithKline (GSK). Es sollte sein letzter Auftrag sein.

Der China-Chef des Unternehmens steht zu dieser Zeit unter Druck. Eine Mitarbeiterin, die den Konzern verlassen musste, soll das Unternehmen mit Korruptionsvorwürfen erpressen, angeblich geht es um Rache. Zeitgleich erhält der Vorstand ein Video, aufgenommen in der Wohnung des Managers, das den Mann beim Sex mit einer chinesischen Frau zeigt. Dass die Vorwürfe wahr sind, die chinesischen Behörden längst gegen GSK China ermitteln, weiss Humphrey zu diesem Zeitpunkt nicht. Er erstellt eine Sicherheitsanalyse für das Unternehmen, untersucht die Privatwohnung des Managers. Am 6. Juni reichen er und seine Frau ihren Bericht ein.

100 Geständnisse gesendet

Kurze Zeit später durchsuchen chinesische Behörden die Firmenbüros des britischen Konzerns. Im September 2014 wird GSK China zu einer Rekordstrafe von 3 Milliarden Yuan verurteilt, damals umgerechnet rund 450 Millionen Franken. Der China-Chef kommt mit einer Bewährungsstrafe davon. Für Humphrey ist es damit nicht vorbei. Einen Monat nachdem er seinen Bericht eingereicht hat, wird das Büro seiner eigenen Firma durchsucht. Die Behörden werfen ihm vor, sich «illegal Daten von chinesischen Staatsbürgern» verschafft zu haben.

Humphrey streitet das bis heute ab. Er glaubt, dass es um etwas anderes ging: Die Frau, gegen die er ermittelte, soll ihre Verbindungen zur Shanghaier Stadtregierung genutzt haben, um das Ehepaar verhaften zu lassen. Nach Monaten in Haft werden beide im August 2014 verurteilt. Humphrey zu 30 Monaten, Ehefrau Yu zu 24 Monaten. In dieser Zeit zwingen ihn die Polizisten zweimal, im Fernsehen über die Vorwürfe gegen ihn auszusagen. Über seinen Fall wird international berichtet. Die Behörden hoffen, dadurch die Stimmung gegen den Briten zu kippen.

Humphreys erzwungene Geständnisse, die von Menschenrechtsorganisationen als Folter verurteilt werden, sind kein Einzelfall. Rund 100 solcher Geständnisse wurden seit Juli 2013 in China ausgestrahlt. Sie verstossen auch in China gegen die Verfassung. Mindestens 27 davon sind auch über den internationalen, chinesischsprachigen Kanal CCTV4 in 121 Ländern weltweit ausgestrahlt worden. Der englischsprachige Sender CGTN berichtete in mindestens 8 Fällen. Auch der französischsprachige Ableger des Senders soll erzwungene Geständnisse ausgestrahlt haben, wie die Menschenrechtsorganisation Safeguard Defenders berichtet.

Es gehe auch um die Mithäftlinge

Humphrey lebt mit seiner Frau inzwischen in einem Dorf im Süden Englands. Es ist so klein, dass die Häuser Namen tragen. Nichts erinnert dort an sein altes Leben, an die 20 Jahre, die er in Peking gelebt hat, wo sein Sohn aufgewachsen ist. An einem Tag im Dezember sitzt Humphrey auf seiner Couch und rutscht abwechselnd an die Kante und zurück. Seine Stimme ist rau, man muss sich vorneigen, um ihn zu verstehen. Schaut sich Humphrey die Aufnahmen von damals an, erkenne er sich selbst nicht wieder, sagt er. Immer wieder schaut er zum Fernseher, als würde er erwarten, dass dieser anspringen könnte und er wieder sehen müsste, was er vergessen will. Auch deshalb suchen er und seine Frau häufig nach Aufnahmen, die noch im Internet zu finden sind und von anderen Medien aufgegriffen wurden.

Nach 23 Monaten wurde der ehemalige Privatdetektiv 2015 auf Druck der britischen Regierung vorzeitig entlassen. Ärzte diagnostizierten bei ihm Krebs, sein Gesundheitszustand ist bis heute kritisch. Er kämpft mit einer posttraumatischen Belastungsstörung, bei längeren Gesprächen wird es manchmal einfach schwarz in seinem Kopf. Als hätte jemand das Licht ausgeknipst. Dann muss man seine letzten Worte wiederholen.

Die Klage in Grossbritannien ist für ihn ein Eingeständnis, dass er die Situation in China nicht ändern könne. Dabei, so sagt er, gehe es ihm aber auch um viele seiner Mithäftlinge, für die sich keine Botschaft interessiert, über die kein Journalist berichte. In Grossbritannien stehe niemand über dem Gesetz: «In meinem Land herrscht Rechtsstaatlichkeit.» Und wenn die Partei in China nicht auf Grundlage des Gesetzes regiere, sondern mithilfe des Gesetzes, dann müsse diese mindestens im Ausland spüren, dass es Grenzen gibt.

Die Methode bleibt sich gleich

Die Kritik an den öffentlichen Befragungen ist in China bisher weitgehend folgenlos geblieben. Abgesehen davon, dass die Polizei Häftlinge inzwischen nicht mehr in orangefarbige Kleidung steckt und in Käfige zwängt, sondern ihnen Freizeitkleidung über­streift und sie auf die Bettkanten in Hotels setzt. An der Methode selbst hat sich nichts geändert.

Ein Sendeverbot oder eine mögliche Geldstrafe in Grossbritannien wäre nur ein kleiner Sieg für Humphrey. Aber für ihn geht es auch darum, das zurückzugewinnen, was er im August vor fünf Jahren verloren hat: die Kontrolle über sich und sein Leben. Zumindest in Südengland, im kleinen Haus am Ende der Strasse, sollen sie ihn nicht mehr verfolgen dürfen. Auch nicht im Fernsehen.

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