Was der Rüstungsstreit mit Erdogan für den Westen bedeutet

Bringt das Ausscheren der Türken das Verteidigungsbündnis Nato ins Wanken?

Türkische Journalisten berichten im Flughafen von Ankara über die Ankunft von Teilen des russischen Luftabwehrsystems. Foto: Getty Images

Türkische Journalisten berichten im Flughafen von Ankara über die Ankunft von Teilen des russischen Luftabwehrsystems. Foto: Getty Images

Paul-Anton Krüger@pkr77

US-Präsident Harry Truman versuchte Ende der Vierzigerjahre, mit militärischer und wirtschaftlicher Hilfe zu verhindern, dass Griechenland und die Türkei in den Einflussbereich der Sowjetunion fallen. Die Türkei wurde aus Furcht vor Stalins Begehrlichkeiten Nato-Mitglied und ist seither ein strategischer Verbündeter der USA. Sie bildet zusammen mit Athen die südöstliche Flanke der Verteidigungs­allianz. Heute bemisst sich die Bedeutung der Türkei mehr an ihrer Rolle im erweiterten Nahen Osten, der vor allem für Europa von grosser politischer Relevanz ist.

Doch das Verhältnis zwischen Ankara und den USA, aber auch dem Westen ist schlecht wie selten zuvor. Der Streit um den Kauf des russischen Luftabwehrsystems S-400 ist das sichtbarste Zeichen hierfür – und ein Triumph für Russlands Präsident Wladimir Putin. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hätte durchaus Alternativen gehabt. Doch er ist getrieben von Misstrauen gegen die USA. Die Entfremdung hat einen Grund darin, dass sie auch unter Präsident Donald Trump den Prediger Fethullah Gülen nicht aus­liefern, den Erdogan als Drahtzieher des Putsches im Jahr 2016 sieht. Und in der Kooperation der USA mit den Kurden in Syrien, die Erdogan als verlängerten Arm der PKK betrachtet.

Die Allianz zu schwächen, ist das eigentliche Ziel in Moskau.

Den USA bleibt nichts, als die Türkei aus dem Programm für das Kampfflugzeug F-35 zu werfen. Der Tarnkappenjet ist das Rückgrat der US-Luftstreitkräfte für die nächsten Jahrzehnte und auch vieler Nato-Verbündeter. Zu gross ist das Risiko, dass geheime Informationen über die Fähigkeiten des Fliegers an Russland abfliessen. Putin erklärt schon freudig, Moskau könne der Türkei auch Kampfflugzeuge liefern. Ungleich höher als der wirtschaftliche Nutzen ist für ihn der politische, die Türkei langsam aus der Nato herauszulösen. Denn die Allianz zu schwächen, ist das eigentliche Ziel in Moskau.

Der Hebel dafür sind nicht die veränderten strategischen Interessen der Türkei – denn die sind in vielen Fällen nach wie vor nur schwer mit denen Russlands in Einklang zubringen. Das gilt in Syrien, im Kaukasus, im Schwarzen Meer oder auch in Zentralasien,wo Ankara und Moskau als Konkurrenten auftreten. Doch Putin umgarnte Erdogan persönlich, empfing ihn nach dem gescheiterten Putsch 2016 und bot ihm das Luftabwehrsystem an. Die beiden eint die Sehnsucht nach vergangener Grösse einstiger Reiche.

Spitz bemerken Erdogans Kritiker, der selbstherrliche Präsident setze auf russische Raketen, um die in den USA produzierten Kampfjets seines Militärs abschiessen zu können – und seine zunehmend autoritäre Herrschaft damit gegen einen weiteren Putsch abzusichern. Zweifellos will er gegenüber den USA und Europa politische Unabhängigkeit demonstrieren. Doch was als Zeichen der Stärke gedacht ist, legt offen, wie sehr sich Erdogan verrannt und die Türkei ins Abseits manövriert hat. Für die Nato heisst es, strategische Geduld zu zeigen. Die Türkei wird auf absehbare Zeit ein schwieriger Partner bleiben. Aber Erdogans Eitelkeiten sollten die Bündnisarchitektur nicht ins Wanken bringen.

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