Ein Sohn fleht um das Leben seiner Mutter

Sakineh Ashtiani soll von iranischen Sittenwächtern gesteinigt werden. Während sie in einer Zelle auf ihre Hinrichtung wartet, sendet ihr Sohn einen Hilferuf an die Welt.

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Olivia Kühni

Sakineh Ashtiani, 43 Jahre alt und Mutter zweier Kinder, wartet auf ihren Tod. Ein Richter im iranischen Tabriz hat sie zu einer Hinrichtung durch Steinigung verurteilt, weil Ashtiani Ehebruch begangen haben soll. Die Frau wird bei Vollzug des Urteils bis zum Hals eingegraben und mit Steinen beworfen. Diese sollen gross genug sein, um Schmerzen zu verursachen, aber nicht gross genug, um sie sofort tödlich zu verletzen.

Grund für das Todesurteil sind zwei mutmassliche Affären Ashtianis. Nach dem Tod ihres Ehemannes soll sie Sex mit zwei Männern gehabt haben. Sie wurde darum 2006 mit 99 Peitschenhieben bestraft, einer Strafe, die bei einer strengen Auslegung des islamischen Rechts für Sex vor der Ehe ausgesprochen wird. Noch im selben Jahr jedoch wurde ein Mann angeklagt, ihren Ehemann umgebracht zu haben. Im Rahmen des Prozesses wurde Ashtiani vorgeworfen, bereits zu Lebzeiten ihres Mannes aussereheliche Beziehungen gehabt zu haben. Diesen Sommer nun wurde sie verurteilt. «Aufgrund richterlichen Ermessens», wie ihr Sohn Sajad schreibt.

«Juristisch ist es vorbei»

Der 22-jährige Sajad Ashtiani hat am 26. Juni gemeinsam mit seiner fünf Jahre jüngeren Schwester Farideh einen Hilferuf auf Facebook veröffentlicht. «Bitte helfen Sie unserer Mutter, wieder nach Hause zu kommen», schreiben sie dort. «Helfen Sie uns, damit dieser Albtraum nicht Wirklichkeit wird.» Es gebe keinen einzigen zivilen Kläger gegen ihre Mutter, «sie hat nichts Schlechtes getan».

Die Menschenrechtsanwältin Mina Ahadi, die selbst einst aus dem Iran nach Deutschland geflüchtet ist, hat den beiden Kindern geholfen, ihren Brief zu verfassen. Ausserdem hat sie gemeinsam mit Amnesty International Medien und Regierungen in Europa und den USA angeschrieben und sie gebeten, gegen die drohende Hinrichtung von Sakineh Ashtiani zu protestieren.

Laut Ahadi hat der Sohn bereits vergeblich versucht, die Justizbehörden in Teheran zu einer Begnadigung seiner Mutter zu überreden. «Juristisch ist es vorbei, die Hinrichtung ist beschlossene Sache», sagte Ahadi am Mittwoch gegenüber CNN. Die einzige Chance für Ashtiani sei nun eine internationale Kampagne zu ihrem Schutz.

Steinigungen selten

Der Einsatz des Sohnes zeitigt offenbar Wirkung: Von CNN über BBC bis «Guardian» berichten diese Woche sämtliche grösseren Medien über den Fall. Nach verschiedenen Menschenrechtsorganisationen gaben am Mittwoch die britische, die amerikanische und die norwegische Regierung eine Stellungnahme ab, wonach eine Hinrichtung Ashtianis «die Welt abstossen» würde. «Steinigungen sind eine mittelalterliche Strafe, die keinen Platz in der modernen Welt hat», liess sich der britische Beauftragte für Aussenpolitik Alistair Burt zitieren. Auch britische Rechtsprofessoren veröffentlichten eine gemeinsame Erklärung: «Als Anwälte und Akademiker bitten wir die iranische Regierung mit allem Respekt, Gande walten zu lassen und dieses Gesetz zu ändern», heisst es darin. «Solche Strafen beschädigen das Ansehen Irans in der Welt.»

Der Iran hat laut Amnesty International im vergangenen Jahr 388 Menschen zum Tode verurteilt. Die meisten von ihnen werden am Galgen hingerichtet. Steinigungen von Frauen wegen Ehebruchs sind eher selten. Anwältin Ahadi kennt nach eigenen Angaben die Namen von elf weiteren Frauen, die wie Ashtiani auf eine Hinrichtung wegen Ehebruchs warten. Zwei von ihnen sitzen ebenfalls im Gefängnis Tabriz ein.

baz.ch/Newsnet

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