Der Popstar als Zuhälter

Der südkoreanische Musiker Lee Seung-hyun ist in einen Sexskandal verwickelt. Das Verfahren hat eine Volksbewegung ausgelöst.

Steckt mitten in einem Skandal, der das ganze Land bewegt: Musiker Lee Seung-hyun. Foto: Reuters

Steckt mitten in einem Skandal, der das ganze Land bewegt: Musiker Lee Seung-hyun. Foto: Reuters

Christian Zürcher@suertscher

Sie nannten ihn den Great Gatsby von Südkorea. Aus voller Bewunderung. Heute sagen sie ihm Verräter der Nation. Lee Seung-hyun, Künstlername Seungri, hat es geschafft, seinen Ruf innert weniger Monate zu zerstören.

Der 28-jährige Musiker machte K-Pop in der Boyband Bigbang – eine der erfolgreichsten des Landes. Er war Tänzer, Sänger, Pianist. Mit dem Erfolg wurde er dann auch Schauspieler und DJ. Er stand für Glamour und Partys. Die Vergangenheitsform zeigt: All das ist Seungri nicht mehr. Er steckt mitten in einem Skandal, der immer grössere Kreise zieht. Er ist zum Symbol dafür geworden, wie noch immer viele Männer in Südkorea ihre Macht missbrauchen und Frauen sexuell benutzen.

Seungri soll in seinem Nachtclub Prostituierte im Stile eines Zuhälters für ausländische Investoren organisiert haben, um im Gegenzug mit ihnen Geschäfte machen zu können – Prostitution ist in Südkorea zwar verbreitet, doch verboten. Diese Geschäfte organisierte er auch über Chats. Chats sind ein Grund, weshalb die K-Pop-Szene momentan derart unter Verruf steht. In einem anderen Chat, in dem Seungri nicht Teil war, teilten K-Popper versteckt gefilmte Sexvideos und prahlten mit ihnen. Ein Musiker zum Beispiel schrieb gemäss Medienberichten: «Ich gab ihr Schlafpillen und hatte Sex mit ihr.» Darauf die Antwort: «Du hast sie vergewaltigt. Lol.»

Er ist zum Symbol dafür geworden, wie noch immer viele Männer in Südkorea ihre Macht missbrauchen und Frauen sexuell benutzen.

Der Skandal hat im ganzen Land Reaktionen ausgelöst, die Parallelen zur #MeToo-Bewegung aufweisen. Wie in den USA begannen die Opfer, darüber zu sprechen, und machten ein Thema sichtbar, das sich jahrelang nur im Geheimen abspielte. So bestätigte im April eine Frau in einer gerichtlichen Erklärung, dass sie von fünf Männern im oben genannten Chat sexuell missbraucht worden sei.

Als die Chatprotokolle den Weg in die Zeitungen fanden, gab es in Südkorea einen Aufschrei: Über 200'000 Menschen forderten mit ihrer Unterschrift, dass der Fall gründlich untersucht werde. Viele Frauenrechtlerinnen protestierten vor dem Blauen Haus, der Residenz des Präsidenten, manche hielten Schilder mit der Botschaft «Vergewaltigungskartell» in die Höhe. Sie protestierten gegen die Verbandelung von Unterhaltungsindustrie, Politik und Justiz.

Die Musikkritikerin Mano Lee aus Seoul sagt, dass sich der Skandal nicht nur um die Unterhaltungsindustrie drehe, die Sache sei eben grösser: Es gehe um «die Rechte der koreanischen Frauen». Tatsächlich gibt sich das patriarchisch geprägte Land gerne progressiv, doch bei der Gleichberechtigung hat es einigen Rückstand.

Bisher keine Strafe

Doch langsam tut sich etwas. Machtmissbrauch von Männern ist kein Tabu mehr. Ein Politiker musste kürzlich wegen sexueller Übergriffe drei Jahre ins Gefängnis. Es gab eine gross angelegte Untersuchung zu Missbräuchen im Sport, und im März wurde ein Ring von Voyeuren aufgedeckt, die in 30 Hotels 1600 Gäste heimlich gefilmt und die Videos im Internet hochgeladen hatten.

Im Musikgeschäft sind inzwischen sieben K-Pop-Künstler verhaftet worden. Seungri ist mittlerweile wieder auf freiem Fuss – unter grossem öffentlichem Protest –, doch die Polizei ermittelt weiter. 18-mal hat sie ihn in den vergangenen drei Monaten befragt. Es drohen ihm drei Jahre Gefängnis.

Anmerkung: Anfänglich stand im Text, dass Seungri Teil des Chats war, in dem Sexvideos veröffentlicht wurden. Das ist nach heutigem Stand der Ermittlung nicht der Fall.

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