Der Poet, der 17 Stunden am Tag Handys baute

Hintergrund

Poesie aus dem Bauch der Gesellschaft: Der Wanderarbeiter Guo Jinniu hat Handys gebaut. Dann fing er an zu schreiben und gewann einen der Hauptpreise bei Chinas aufregendstem Poesiewettbewerb.

Sprechverbot, Zwölfstundenschichten, auf die Toilette nur mit Erlaubnis: Arbeiterinnen beim Elektronikhersteller Foxconn in Shenzhen.

Sprechverbot, Zwölfstundenschichten, auf die Toilette nur mit Erlaubnis: Arbeiterinnen beim Elektronikhersteller Foxconn in Shenzhen.

(Bild: Keystone Ym Yik)

Kai Strittmatter

Vor einem halben Jahrhundert wurde er geboren: Guo Jinniu, der Kurzgeschorene. In Huanggang, einem Flecken am Langen Fluss. Wasserbüffel, Schweine, Weizen, Reis. Die Eltern nennen ihn Jinniu, Goldener Ochse. Stur, ja, zäh, ja. Fürs Feld geboren, nein. Der Weizen verdorrt, der Reis verschimmelt unter seinen Händen, Bruder und Schwester lachen und seufzen. Die Eltern sind froh, als er sich auf den Weg macht. In den Süden, wo man die Hoffnung mit der Seeluft einatmet und das Geld von der Strasse klaubt. Die Heimat ist etwas, das man flieht, ein Meer der Bitternis seit Tausenden von Jahren. Der Strom der Wandernden trägt ihn nach Shenzhen. Eine Stadt geschaffen aus dem Nichts. Ein neuer Ozean, neue Bitternis. Fabriken gross wie Städte schlucken die staunenden Ochsen aus dem Hinterland.

Die 300 Yuan von zu Hause sind schnell aufgebraucht. Er schläft in den Hügeln, wie andere auch, mit nichts als den Kleidern am Körper. Oft verliert er die Arbeit so schnell, wie er sie gefunden hat. Die Vorarbeiter brüllen, demütigen. Als es Prügel absetzt, wehrt er sich, fliegt raus. Am Fliessband jagen die Handys vorbei, mal 11, mal 13, mal 17 Stunden am Tag. Wenn du dich einmal umdrehst, kommt alles aus dem Tritt. Krank sein geht nicht, für jeden Tag, den einer fehlt, werden ihm drei Tage vom Lohn abgezogen. Zum Arzt? «Wer hat denn Geld für einen Arzt?» Wieder fliegt er raus. Einmal sieht er auf der Strasse, wie ein Mann beim Kulturzentrum eine Wandzeitung anklebt: selbst geschriebene Gedichte. Wahnsinn, denkt er: Hier gibt es Leute, die sich fürs Schreiben interessieren. Wie er, der einst zu Hause in sein Tagebuch gekritzelt hatte, während draussen der Reis noch nicht gesetzt war. Er spricht den Mann an. Der Mann gibt ihm ein Bett.

In der Tradition der «Obskuren»

Yang Lian, der Langhaarige, ist zehn Jahre älter. Er kommt in Bern auf die Welt, Sohn eines chinesischen Diplomaten, wächst in Peking auf. Maos Revolution ist nur sechs Jahre älter als er. Eine gute Familie, ein Leben in der Hauptstadt. Und doch versinken sie auch dort bald in Bitternis. Das Schicksal der Chinesen im letzten Jahrhundert. Den 21-jährigen Yang Lian erwischt die Kulturrevolution, sie verkrüppelt eine Nation, ihre Seele. Ihre Sprache. Er wird aufs Land geschickt wie alle Jungen aus der Stadt: von den Bauern lernen. Er schaufelt Gräber.

Nachts, nach der Feldarbeit, setzt er sich auf einen Hocker und schreibt. Wie es anderswo in anderen staubigen Weilern zur gleichen Zeit auch junge Dichter wie Gu Cheng, Mang Ke und Bei Dao tun. Sie wissen nicht voneinander, und doch eint sie ein Verlangen: die von der Propaganda geschundene und entkernte Sprache mit neuem Leben zu füllen. Sie benutzen Worte wie «Sonne», «Erde», «Wasser», «Tod». Das jahrzehntelang nur Parolen gewöhnte Publikum ist irritiert. Sonne? Erde? Man nennt sie, tatsächlich, die «Obskuren». In ihrer Poesie wird die chinesische Sprache wiedergeboren.

Yang Lian ist ein Wandernder, ein Exilant, der sich in der Tradition des grossen Qu Yuan sieht, jenes genialen ersten Dichters, der sich nach einem Leben in der Verbannung vor mehr als 2000 Jahren im Fluss Miluo ersäufte. Nach dem Massaker vom Platz des Himmlischen Friedens 1989 lebte Yang Lian in Neuseeland, in London und in Berlin. China besucht er regelmässig, aber er bleibt einer von draussen, gewollt, das hilft dem klaren Blick. Yang Lian ist heute einer der bekanntesten chinesischen Dichter, bei Hanser erschienen in diesem Jahr seine «Konzentrischen Kreise», in China selbst werden seine Bücher mal gedruckt und mal verboten, so wie das letzte, in dem sich die Zeile vom «blutroten Schlamm unter Panzerketten» findet.

Ein Wanderer ist auch Guo Jinniu, im Geiste wohl auch ein Exilant. «Jemandem wie mir ist es verwehrt, so zu leben, wie er im Innersten gerne möchte. Aber es ist mir nicht verwehrt, so zu schreiben, wie mein Innerstes mir diktiert.» Guo Jinniu lebt noch immer in Shenzhen, ein Wanderarbeiter im Industrieviertel Longhua, auf zwölf Quadratmetern in einem fensterlosen Zimmer mit seiner Frau und zwei Kindern, mit einem alten Autoreifen an der Wand und einem Band «Ausgewählte Gedichte der Weltliteratur» neben dem Bett, das sich die ganze Familie teilt.

Bis vor zwei Monaten hatte niemand ausserhalb dieses Viertels je von Guo Jinniu gehört. Bis vor zwei Monaten war er noch nicht in Peking gewesen. Hatte sein Lebtag nur in Schlafsälen übernachtet. Vor zwei Monaten bezog er ein Zimmer in einem Fünfsternhotel nahe der Verbotenen Stadt. Vor zwei Monaten überreichte in Peking der Dichter Yang Lian dem Dichter Guo Jinniu einen der Hauptpreise des erstmals ausgeschriebenen «Internationalen Preises für chinesische Poesie». Guos Gedichte, sagt Yang Lian, öffneten die Tür zu einer «Welt ohne Stimme».

Der Junge, im Morgengrauen, zählt vom 1. bis zum 13. Stock.Am Ende hat er das Dach erreicht. Er. Flieg, flieg. Der Vögel Flügelschlag, unnachahmlich.
Der Junge zieht eine gerade Linie, so schnell.
Ein Strich von Blitz.
Konnte nur die erste Hälfte sehen.
Die Erde, ein weniger grösser als das Longhuaviertel, trifft ihn frontal.
Geschwindigkeit, trug fort den Jungen;
Sie, Reis, trug fort ein kleines Körnchen Weiss.

Da springt einer. Vom Dach der Fabrik. In der Stadt, in der er ein besseres Leben zu finden glaubte. Es gab diese Sprünge wirklich. 18 junge Arbeiter, innerhalb von ein paar Monaten im Jahr 2010. Bei Foxconn, dort, wo unser iPhone herkommt, unser Wii, unsere Xbox, der grösste Elektronikhersteller der Welt. 240 000 Menschen arbeiten allein in der Fabrik in Longhua, ein kurzer Fussmarsch von Guo Jinnius Kammer entfernt. «Heimkehr auf dem Papier» heisst sein Gedicht.

Was ist das eigentlich für ein merkwürdiges Ding, dieses China? Vor der Ausschreibung des Poesiepreises stand dieses grosse Fragezeichen. Ein Land, das sich kommunistisch nennt und sich dabei kapitalistischer gebärdet als der Kapitalismus. Eine Herausforderung. Am Anfang war es die Idee zweier Leute: Yang Ermin, Gründer der Website Artsbj.com und als Maler so erfolgreich, dass er es sich leisten kann, als Mäzen die Poesie zu fördern. Und Yang Lian. In der Jury sassen sieben der besten Dichter des Landes, im Beirat finden sich Namen wie Adonis, Breyten Breytenbach, Joachim Sartorius.

Eine Sonde wollten sie schicken, tief hinab in die Schichten der chinesischen Gesellschaft. Wissen, Erfahrung, Nachdenken anzapfen über das unerhörte Geschehen, das hier oben, im Chaos Pekings, Shanghais, Shenzhens allen das Hirn durch den Fleischwolf dreht. Warum die Poesie? Aber natürlich die Poesie! Sagt Yang Lian. «Die Globalisierung ist der grosse Ozean. Die Kultur ist unser kleines Boot auf den Wellen. Und die Poesie ist der stabilisierende Ballast, ohne den das Boot kentern und untergehen würde.»

Weder Politik noch Kommerz wissen gross etwas anzufangen mit der Poesie. Das, meint Yang Lian, sei ihr Glück und ihre Chance. «Unser Verdienst damals war nicht, dass wir uns gegen die Diktatur aufgelehnt haben», sagt Yang Lian. «Unser Verdienst war, dass wir die Sprache gereinigt haben. Dass wir sie bereit machten für tiefere Reflexion. Heute ist das vielleicht noch wichtiger als damals.» Damals war es einfach: Der Feind war klar. Aber heute? «Die Globalisierung, der totale Kommerz hat alle benebelt. Die Frage ist doch überall auf der Welt die gleiche: Was soll das Ganze? Was tun wir hier?»

China war immer eine Nation der Poeten, aber wieso schreibt hier ein Wanderarbeiter Gedichte? Sagt der Wanderarbeiter: «Noch im letzten Bauerndorf wirst du hier Menschen finden, die nicht lesen und nicht schreiben können, wohl aber einen Vers von Li Bai oder Du Fu aus der Tang-Dynastie aufsagen.» Chinas Literaten verfassten immer Dichtung, nicht Prosa. Seine Beamten, seine Kaiser ebenso. Die chinesischen Schriftzeichen – vieldeutig, mehrschichtig, zeitlos – betteln geradezu nach Poeten, die sich ihrer bemächtigen.

Und trotzdem: War die Zeit der Dichter nicht auch in China schon zu Ende? Yang Lian selbst und seine Freunde waren noch Popstars, damals, im Taumel Ende der 70er-, Anfang der 80er-Jahre, als das Land sich von Maos Wahnsinn befreite: gefeiert, angehimmelt, ihre Werke gierig verschlungen. Vorbei die Zeiten. «Dichter sind schon lang keine Helden mehr», sagt Yang Lian. Kein Geld, keine Karriere: Loser. Yang Lian gegenüber sitzt eine Pekinger Übersetzerin, sie sagt: «Früher haben die Mädchen einen angehimmelt, wenn er in der Uni Gedichte geschrieben hat. Heute gehen sie ihm aus dem Weg. Viel zu weltfremd, für heutige Chinesen riecht das nach gefährlicher Dummheit.» Als China in diesem Jahr hundert Jahre moderne chinesische Poesie feierte, da waren sich viele Kommentatoren einig: Die Poesie ist erledigt. Weg vom Fenster. Keiner liest mehr, keiner schreibt mehr Gedichte.

Als ob etwas geplatzt wäre

Es hätte also auch schiefgehen können. Im Juni 2012 schalteten sie den Wettbewerb frei auf ihrer Website, jeder, der auf Chinesisch schreibt, konnte sich bewerben, egal wo auf der Welt er lebt. Sie hofften auf ein paar Tausend Einsendungen. «Insgeheim dachte ich: Ok, wenns am Ende eintausend sind, dann sind das auch genug für die sieben Preise, die wir vergeben wollten», sagt Gründer Yang Ermin. Ein Jahr später, im Sommer 2013, waren 80 000 Gedichte eingereicht – und in den Foren war über zwölf Monate hinweg leidenschaftlich diskutiert, zerrissen, gelobt und bejubelt worden.

«So richtig klar wurde mir das erst, als ich alles ausdrucken und binden liess, in Bücher zu je 400 Seiten», sagt Yang Ermin. Am Ende sass er auf 50 Bänden. Schaute. Staunte. Den Preis hat er auch deshalb ins Leben gerufen: «Vor ein paar Jahren noch waren die Menschen in China voller Hoffnungen – das Land aber hat sie ihnen allmählich genommen. Wir brauchen endlich eine kritische, konstruktive Auseinandersetzung mit dem, was hier passiert.» Poesie aus dem Bauch des Dichters, ja, aber auch aus dem Bauch der Gesellschaft.

80'000 Gedichte. Es war, als ob da etwas geplatzt wäre, als ob lange Aufgestautes, lange Verstecktes mit einem Mal nach oben quoll. Die meisten Verse stammen aus China, aber auch aus Taiwan, Hongkong, Amerika, Deutschland. Gedichte von bekannten Dichtern, von Polizisten, Beamten, Kellnern, von einem Gemüseverkäufer aus Sichuan, Künstlername «Stolzer Adler», von einem Wanderarbeiter aus Shenzhen, Künstlername «Impulsiver Diamant». Das ist Guo Jinniu. «In dem Jahr habe ich mehr gelernt als in 20 Jahren zuvor», sagt er. Dass die Poesie in China nicht tot war, wusste Guo Jinniu, er kennt viele der fast 500 Websites, auf denen die Schreiber sich austauschen, auf seine Lieblingswebsite werden jeden Tag mehr als 1000 neue Gedichte hochgeladen. Es ist bloss so: «Es gibt heute mehr Dichter als Leser.»

Die Tränen der Mutter, springen von den Rändern der Ziegel.
Das war der 13. Sprung in sechs Monaten. Die zwölf Namen davor.
Staub, frisch gefallen.
Herbstwind weht die ganze Nacht durch Mutters Schilfgras.
Weisse Asche, leichtes Weiss, fährt mit dem Zug nach Hause, es kümmert ihn nicht das Weiss von Reis.
das Weiss der Schilfähre
das Weiss der Mutter
das Weiss des ersten Frosts
So grosses Weiss, begräbt das kleine Weiss wie eine Mutter, die ihre Tochter begräbt.

Guo Jinniu arbeitet nicht mehr am Fliessband, er ist jetzt bei einer Firma angestellt, die im Auftrag der Stadtregierung die nach Shenzhen einströmenden Wanderarbeiter registriert. Seine Frau Chen Qiong, 18 Jahre jünger als er, hat er so kennen gelernt. Was mochte er an ihr? Er überlegt. «Ich musste ja heiraten», sagt er. «Und fleissig ist sie.» Er hat ihr auch schon Gedichte geschrieben. Sie hat noch nie eines gelesen. Wirklich nicht, Chen Qiong, noch keines? Sie steht neben ihm, schnauft verlegen, murmelt: «Ich bin so ungebildet». Er sagt: «Sie ist mehr praktisch veranlagt.»

Neben dem Zimmer, in dem die Familie lebt, führt eine Tür in einen anderen fensterlosen Schlauch, fleckig grün getüncht, an der Wand ein Computer neben dem anderen: ein kleines Internetcafé. Sie haben das Café vor drei Jahren aufgemacht, es läuft nicht gut, sie haben Schulden, aber immerhin: Die Frau kann so bei den Kindern sein. Zuvor, in der Kabelfabrik, hatte sie 14 Stunden am Tag gearbeitet, sechs Tage die Woche, keine Ferien. Mit Überstunden kam sie da auf 3000 Yuan im Monat, knapp 450 Franken. So viel verdient Guo Jinniu jetzt auch.

Am Ende des Monats bleibt nichts übrig. Sie sind, wie alle Wanderarbeiter, offiziell noch immer Auswärtige, haben keinen Hukou, keine Wohnsitzregistrierung für die Stadt Shenzhen, also müssen sie für die elfjährige Tochter Chenlu und den achtjährigen Sohn Chenggang Schulgeld bezahlen: 14'000 Yuan im Jahr. «Uns geht es eigentlich nicht schlecht», sagt Guo Jinniu: «Unsere Eltern sind tot, also müssen wir nicht für sie sorgen. Mein Leben ist besser als früher. Ich bin jetzt kein Schräubchen mehr in der Fabrik. Aber krank werden darf ich nicht, nicht einen Monat. Ich spüre den Druck.»

Hier, in der dunklen Computerhöhle, zwischen Teenagern, die Ego-Shooter spielen, liest und schreibt er. «Wenn ich Gedichte lese, dann ist es, als sei ich in einem Magnetfeld gefangen. Ich selbst schreibe langsam, quälend langsam.» Noch immer sitzt Guo Jinniu in seiner dunklen Kammer. Aber die Welt hat kurz aufgemerkt: Da ist einer. Der Preis, sagt er, habe ihm einen neuen Anfang geschenkt. «Von hier aus gehe ich weiter. Egal wohin.» Seine Gedichte erscheinen bald in einem Buch. «Stell dir vor, die Gedichte eines Wanderarbeiters.» Im Kopf hat er nun einen Roman. «Ich habe viel gesehen. Um mich herum sind Leute reich geworden, und andere haben ihr Leben gegeben. Manche haben 20 Jahre geschuftet und besitzen keinen Cent, dann wieder gibt es solche wie den aus meinem Dorf, der heute elf Fabriken besitzt, er will jetzt in den USA an die Börse. Manche sind einfach aus solchem Holz geschnitzt, andere wie ich sind zum Schreiben geboren.»

Mit Guo Jinniu im Auto seines Chefs, bei der Schranke zu Foxconn. Die Sicherheitsvorkehrungen sind streng, der Ausweis des Chefs verschafft uns Einlass. Eine kleine Stadt, diese Fabrik: eigene Wohnheime, eigene Banken, eigene Supermärkte, eine eigene Polizeiwache. Hier müsste einer sein Leben lang nicht mehr raus. «Eigentlich sind die materiellen Bedingungen bei Foxconn besser als in den kleinen Fabriken», sagt Guo Jinniu: «Die Gehälter sind höher, es gibt Sozialleistungen.» Und die Selbstmorde? Der Chef seufzt. «Die jungen Leute. Nehmen Gefühle so wichtig. Sind anders aufgewachsen als wir noch, diese Einzelkinder. Immer im Mittelpunkt, immer alle Wünsche erfüllt. Voller Hoffnung. Dann landen sie hier, die Wachleute schubsen sie herum, der Vorarbeiter brüllt. Die sind schockiert.»

Guo Jinniu sagt: «Sie werden gehalten wie Roboter. Kein Wort dürfen sie miteinander sprechen. Zwölf Stunden lang. Auf die Toilette nur mit einer Nummer, die du beantragen musst.» Der Westen vor 100 Jahren, Charlie Chaplins «Moderne Zeiten», das ist Shenzhen heute. Guo Jinniu deutet mit dem Finger nach oben. «Hier schau, da sind sie»: Auf dem ganzen Gelände, hoch über der Strasse, umkränzen sie jedes Gebäude: engmaschige, feste Netze. Keiner soll hier mehr in den Tod springen.

Im 13. Stock wird ein Selbstmordnetz angebracht, das ist meine Arbeit.
Das bringt mir einen Tag Lohn.
Ich drehe langsam eine Schraube fest, im Uhrzeigersinn, sie kämpft und wehrt sich. Je mehr Kraft ich aufwende, um so grösser die Gefahr.
Reis, ihre Lippen feucht und duftend, zwei Tropfen Wasser in den Grübchen. Sie sorgt sich.
Der Herbst verliert jeden Tag ein Kleid.
Mein auf dem Papier heimgekehrter Freund, ausser Reis, deiner Verlobten,
erwähnt kaum noch einer, dass du einmal in diesem Haus in Zimmer 701
eine Pritsche belegt
Dongguan Reisnudeln gegessen hast.

Die Heimat. «Damals, als ich in der Stadt ankam, war ich total verloren», sagt Guo Jinniu. «Wenn ich jetzt in mein altes Dorf heimkehrte, ginge es mir genauso.» Es gibt kein Zurück.

Tages-Anzeiger

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