China wirft den USA «Heuchelei» vor

In Amerika sind fünf Chinesen der Cyberspionage angeklagt, jetzt dreht Peking den Spiess um.

Prochinesische Demonstranten fordern die USA auf, ihre Computer in Ruhe zu lassen (Mai 2013).

Prochinesische Demonstranten fordern die USA auf, ihre Computer in Ruhe zu lassen (Mai 2013).

(Bild: Reuters Bobby Yip)

Kai Strittmatter

Chinas Regierung hat die Cyberspionage-Vorwürfe der USA als «erfunden» und «absurd» bezeichnet. Das Aussenministerium in Peking bestellte schon am Montagabend den amerikanischen Botschafter Max Baucus ein und verlangte von den USA die Zurücknahme der am selben Tag in Washington vorgestellten Anklage gegen fünf Angehörige der chinesischen Volksbefreiungsarmee. Chinas Verteidigungsministerium beschuldigte in einer Erklärung am Dienstag die USA der «Heuchelei» und der «Doppelmoral». China sei «ein Beschützer der Internetsicherheit», hiess es im Dokument weiter. Chinas Regierung und Militär hätten «sich niemals beteiligt am Diebstahl von Wirtschaftsgeheimnissen». China sei im Gegenteil selbst «Opfer von Cyberdiebstahl und Abhöraktivitäten» seitens der USA. Schon am Montagabend hatte China erklärt, das Land stelle aus Protest seine Mitarbeit in der erst ein Jahr alten chinesisch-amerikanischen Cyber-Arbeitsgruppe ein.

Der Schlagabtausch zwischen Peking und Washington um Cyberspionage hat in den letzten zwei Jahren erheblich an Schärfe gewonnen. Die nun auf Eis gelegte gemeinsame Arbeitsgruppe war erst im April des vergangenen Jahres gegründet worden. Damals stand vor allem China im Kreuzfeuer der Kritik. Ein Bericht des amerikanischen Sicherheitsanbieters Mandiant hatte im Februar 2013 detailliert die Arbeit einer geheimen Abteilung der Volksbefreiungsarmee aufgedeckt, die von einem Bürogebäude in Shanghai aus offenbar jahrelang Cyberangriffe in grossem Stil auf amerikanische Behörden und Firmen geplant und ausgeführt hatte. Die fünf nun von den USA angeklagten und offiziell gesuchten Männer gehören der Klage zufolge dieser Einheit an. Opfer sollen demnach unter anderem der amerikanische Atomkraftwerkbetreiber Westinghouse sowie die amerikanische Tochter der deutschen Solarworld sein. Das US-Justizministerium nannte die Klage, die nun vor einem Bundesgericht in Pennsylvania verhandelt werden soll, einen «Weckruf».

Der Dieb, der «Haltet den Dieb» ruft

Spätestens seit den NSA-Enthüllungen des Whistleblowers Edward Snowden allerdings ist die Glaubwürdigkeit der USA selbst angeschlagen. Die Dokumente über das Prism-Programm deckten auf, wie die NSA flächendeckend chinesische Netzwerke und Universitäten infiltrierte und unter anderem den von einem ehemaligen VBA-Offizier gegründeten chinesischen Telecomanbieter Huawei ausspioniert. Die USA ziehen in ihrer Argumentation und auch in der Anklage vom Montag nun eine Linie zwischen Spionage im Interesse der nationalen Sicherheit – die sie selbst eingestehen – auf der einen Seite und Wirtschaftsspionage auf der anderen Seite. Die NSA behauptet bis heute, keine Wirtschaftsspionage zu betreiben. In der Debatte in China ist diese Unterscheidung allerdings kein Thema, auch nicht in Chinas sozialen Netzwerken und Internetforen. Der Tenor ist klar: Die USA seien «der Dieb, der ‹Haltet den Dieb›» rufe, hiess es in mehr als einem Kommentar. Auch Chinas Verteidigungsministerium verwies am Dienstag auf Snowdens NSA-Enthüllungen, um zu belegen, dass «Chinas Militär ein ernsthaftes Opfer von US-Aktivitäten» sei.

Die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua veröffentlichte derweil neue Zahlen des staatlichen Internetinformationsamtes, die das Ausmass amerikanischer Cyberspionage in China belegen sollen. Demzufolge hätten chinesische Experten allein in den vergangenen zwei Monaten unter anderem mehr als 1,18 Millionen Rechner in China entdeckt, die durch Trojaner oder andere Spionagesoftware von den USA aus kontrolliert würden. Die amerikanischen Angriffe galten demzufolge Behörden ebenso wie Universitäten und Unternehmen. «Chinas Führer sind ebenso Ziel wie einfache Bürger und jeder mit einem Handy», schreibt Xinhua. Die von den USA veröffentlichten Steckbriefe der fünf nun Angeklagten machten ihre eigene Karriere in Chinas sozialen Netzwerken. «Helden», schrieb ein Nutzer darunter.

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