«Ich verlor meinen Bruder durch ein fehlerhaftes System»

Allen diplomatischen Bemühungen zum Trotz: Indonesien richtete sieben Ausländer hin. Australien, Brasilien und die Niederlande zogen ihre Botschafter aus Jakarta ab. Die Angehörigen trauern gemeinsam.

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Indonesien hat die Hinrichtung von acht wegen Drogenvergehen zum Tode verurteilten Häftlingen bestätigt. Generalstaatsanwalt Muhammad Prasetyo sagte an einer Pressekonferenz, die Exekutionen seien in der Nacht zum Mittwoch von einem 13 Mitglieder starken Erschiessungskommando ausgeführt worden.

Unter den Getöteten waren auch die beiden Australier Myuran Sukumaran und Andrew Chan, um die die Regierung in Canberra bis zuletzt auf höchster diplomatischer Ebene gekämpft hatte. Die Hinrichtung einer Philippinerin wurde als einzige verschoben, wie der indonesische Generalstaatsanwalt Muhammad Prasetyo am Mittwoch mitteilte.

Ob die Exekution der beiden Australier sowie vier Nigerianer, eines Brasilianers und eines Indonesiers wie geplant kurz nach Mitternacht in der Nacht zum Mittwoch ausgeführt wurde, sagte er nicht. Doch berichteten indonesische Medien übereinstimmend, dass die Erschiessungen stattgefunden hätten. Gegen 0.30 Uhr waren von der Exekutionsinsel Nusakambangan zudem Schüsse zu hören. Vier Stunden nach den berichteten Vollstreckungen fuhren Rettungswagen mit Särgen durch die Stadt Cilacap, in der die Fähre von der Gefängnisinsel landet. In ihnen befanden sich mutmasslich die acht Leichname.

Australien zieht Botschafter ab

Australiens Premierminister Tony Abbott gab bekannt, sein Land werde als Reaktion auf die mutmasslichen Hinrichtungen seinen Botschafter aus der indonesischen Hauptstadt Jakarta abziehen. Auch Brasilien und die Niederlande, die sich mit Appellen in letzter Minute für die Inhaftierten eingesetzt hatten, beorderten ihre Botschafter aus Protest zurück.

«Diese Exekutionen sind sowohl grausam als auch unnötig», sagte Abbott vor Reportern. «Grausam deshalb, weil Andrew Chan und Myuran Sukumaran etwa ein Jahrzehnt im Gefängnis verbracht haben, bevor sie hingerichtet wurden, und unnötig, weil sich diese beiden jungen Australier vollständig in Haft rehabilitiert haben.»

Brasiliens Präsidentin Dilma Rousseff teilte mit, die mittlerweile zweite Hinrichtung eines brasilianischen Staatsbürgers in Indonesien in diesem Jahr «markiert einen ernsthaften Vorfall in den Beziehungen zwischen den beiden Ländern».

(Video: Twitter/Louise Milligan)

125 Menschen im Todestrakt

In Indonesien sitzen im Moment 125 Menschen im Todestrakt. 49 davon wurden wegen Drogenverbrechen zum Tode verurteilt. Präsident Joko Widodo hatte gelobt, bei Drogenkriminellen keine Gnade walten zu lassen.

Die 30-jährige Philippinerin Mary Jane Fiesta Veloso war 2010 am Flughafen in der indonesischen Stadt Yogyakarta festgenommen worden. Dort fanden Beamte rund 2,5 Kilogramm verstecktes Heroin im Gepäck der Frau. Nach Angaben Prasetyos wurde die Hinrichtung der Frau verschoben, weil ihr mutmasslicher Boss auf den Philippinen in Gewahrsam genommen worden sei und die dortigen Behörden indonesische Hilfe in dem Fall beantragt hätten.

Nach der Nachricht von ihrer Tochter sprach Velosos Mutter von «einem Wunder». Der Sprecher des Aussenministeriums in Manila, Charles Jose, sagte: «Wir sind erleichtert, dass die Hinrichtung von Mary Jane Veloso heute Nacht nicht durchgeführt wurde. Der Herr hat unsere Gebete erwidert.» Die Nachricht wurde bei einer Mahnwache vor der indonesischen Botschaft in Manila von mehr als 250 Teilnehmern mit Jubel quittiert.

«R. I. P., mein kleiner Bruder»

Die Ausführungen des Generalstaatsanwaltes dürften die Euphorie jedoch dämpfen. «Diese Verzögerung bedeutet keine Absage der Hinrichtung. Wir wollen hinsichtlich des rechtlichen Prozesses auf den Philippinen nur Chancen ermöglichen», sagte Prasetyo. Ein Termin für die aufgeschobene Exekution wurde nicht genannt.

Indonesien fordere Gnade, wenn seine eigenen Bürger in anderen Ländern hingerichtet werden sollen. Angesichts dessen sei es «völlig unbegreiflich, wieso es auf seinem eigenen Territorium Gnade für weit geringere Verbrechen verweigert». Der Bruder von Andrew Chan reagierte wütend. «Ich habe gerade einen tapferen Bruder an ein fehlerhaftes indonesisches Rechtssystem verloren. Ich vermisse dich schon. R. I. P. (ruhe in Frieden), mein kleiner Bruder», schrieb Michael Chan auf Twitter. Seine Familie teilte gemeinsam mit den Angehörigen von Sukumaran mit: «Heute haben wir Myu und Andrew verloren, unsere Söhne, unsere Brüder.»

Kritik von UNO und Amnesty

Amnesty International rief Indonesien dazu auf, Pläne weiterer Exekutionen aufzugeben. Die Menschenrechtsorganisation verurteilte die Vollstreckung als «sinnlosen, tragischen und verheerenden vom Staat sanktionierten Mord». Sie warf Indonesien Missachtung aller Menschenrechtsstandards vor.

Auch der UNO-Hochkommissar für Menschenrechte, Said Raad al-Hussein, verurteilte die Hinrichtung. «Es ist äusserst bedauerlich und äusserst traurig, dass diesen Menschen des Leben genommen wurde», erklärte sein Sprecher Rupert Colville am Mittwoch in Genf.

chk/AP

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