«Muslime werden zu Unrecht in Sippenhaft genommen»

Nach dem Pariser Attentat befürchten muslimische Organisationen in der Schweiz Anschläge auf religiöse Einrichtungen. Um den sozialen Frieden zu erhalten, seien auch die Medien gefordert.

Erhöhte Alarmbereitschaft: Minarett der Mahmud-Moschee in Zürich. Foto: Alessandro Della Bella (Keystone)

Erhöhte Alarmbereitschaft: Minarett der Mahmud-Moschee in Zürich. Foto: Alessandro Della Bella (Keystone)

Benjamin Hämmerle@tagesanzeiger

«Was in Paris geschehen ist, ist traurig und abscheulich», sagt Sadaqat Ahmed, Imam der Mahmud-Moschee in Zürich. «Es ist nicht nur ein Angriff auf ‹Charlie Hebdo› und die freie Presse, sondern auch ein Angriff auf alle friedfertigen Muslime.» Dass es in Frankreich nach dem Angriff auf die Redaktion von «Charlie Hebdo» bereits zu Anschlägen auf muslimische Einrichtungen gekommen ist, beunruhigt Ahmed. Konkrete Anzeichen für eine Gefährdung der Mahmud-Moschee sieht er jedoch nicht. Man habe deshalb keine speziellen Sicherheitsvorkehrungen ergriffen, so der Imam. Das Gebetshaus aus der Forchstrasse ist die älteste Moschee der Schweiz und eine von wenigen, die über ein Minarett verfügen.

Muhammad Hanel von der Vereinigung der Islamischen Organisationen in Zürich (Vioz) geht davon aus, dass die Angst vor Anschlägen auf religiöse Einrichtungen innerhalb der muslimischen Gemeinschaften in der Schweiz zunehmen wird. Er sorgt sich zudem, dass es zu tätlichen Übergriffen auf Muslime kommen könnte – insbesondere auf Frauen, die durch ihre Kleidung als Musliminnen erkennbar sind. «Dieses Attentat bedeutet leider ganz klar eine ernsthafte weitere Gefährdung des sozialen und religiösen Friedens», sagt Hanel. Er bedauert, dass «die Gesamtheit der Muslime völlig zu Unrecht aufgrund der Verbrechen Einzelner oder marginaler Gruppen in Sippenhaft genommen werden wird».

Medien in der Kritik

Um eine Gewaltspirale zu verhindern, müssten nun die besonnenen Kräfte näher zusammenrücken, sagt Hanel. Damit meint er nicht nur die Exponenten der muslimischen Organisationen, sondern auch die Medien: «Dass die Medien, unterstützt durch bestimmte politische Fraktionen, nach dem Motto ‹only bad news is good news› in den vergangenen Jahren dazu beigetragen haben, die Muslime und den Islam in einem einseitigen, ungünstigen Licht darzustellen, ist ernsthaft nicht zu bestreiten», so Hanel. Er fordert deshalb «eine differenziertere Berichterstattung hinsichtlich der verschiedenen Phänomene globaler und nationaler Gewalt».

Auch Sadaqat Ahmed kritisiert, dass die Medien nur über gewalttätige Muslime berichten würden. Der Imam fordert, dass die muslimischen Meinungsführer ihre Anhänger und die Gesellschaft über den wahren Islam informieren und verhindern, dass sich junge Muslime radikalisieren. Seine eigene Organisation, die Ahmadiyya-Gemeinde, nehme diese Aufgabe unter anderem mit Veranstaltungen, Flugblättern und Plakaten wahr.

Muslime rufen zu Teilnahme an Trauerkundgebung auf

Derweil fordern zwei grosse islamische Dachverbände, die Föderation Islamischer Dachorganisationen der Schweiz (Fids) und die Koordination Islamischer Organisationen Schweiz (Kios), die Schweizer Muslime dazu auf, an einer Kundgebung für die ermordeten Zeichner von «Charlie Hebdo» teilzunehmen. Die von den Jungen Journalisten Schweiz organisierte Demonstration findet heute Donnerstagabend um 18.30 Uhr auf dem Bürkliplatz in Zürich statt.

«Wir laden die Muslime ein, an der Veranstaltung teilzunehmen als Ausdruck der hohen Wertschätzung der islamischen Glaubensgemeinschaft für die Freiheit der Medien und die Demokratie in der Schweiz», heisst es im gemeinsamen Communiqué der Organisationen. Und weiter: «Wir bitten alle Imame der Schweiz, in den Moscheen für die Opfer und den Trost der Trauerfamilien zu beten.»

baz.ch/Newsnet

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