«Von welchem Propheten reden sie?»

Weltweit verurteilen Vertreter der Muslime den Angriff auf das Satiremagazin «Charlie Hebdo» aufs Schärfste. Aber müssen sich Muslime von Terroristen distanzieren, die sich auf Allah berufen?

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Anna Jikhareva@Anna_Jik

«Sie haben nicht den Propheten gerächt –, sondern unsere Religion und Werte betrogen», erklärte Tariq Ramadan nach dem gestrigen Anschlag auf das französische Satiremagazin «Charlie Hebdo». Der Genfer Islamwissenschaftler reagierte damit auf die Tat dreier Fanatiker, die vermutlich im Namen Mohammeds 12 Menschen ermordeten.

Viele Vertreter der muslimischen Welt taten es ihm gleich – und setzten ein Zeichen gegen den feigen Angriff. «Von welchem Propheten reden sie? Es ist nicht der Unsrige», fragte der französische Imam Hassen Chalghoumi. Und der Pariser Vertreter der Muslime nannte die getöteten Satiriker und Journalisten «Märtyrer der Freiheit». Auch auf offizieller Seite herrscht der gleiche Tenor. Ob die ägyptische Muslimbruderschaft, die Arabische Liga, Saudiarabien oder der Iran: Sie alle verurteilten die Attacke aufs Schärfste.

Und in der «Rundschau» sprach der Berner Imam Mustafa Memeti von einem «barbarischen Akt, der uns alle provoziert – nicht als Muslime, sondern als Gesellschaft». Die Kommentare der Schweizer Muslimverbände fallen ähnlich aus, sie alle zeigen sich nach dem Anschlag bestürzt.

«Überraschende» Reaktion?

Es ist eine Antwort, die den Berner Islamwissenschaftler Reinhard Schulze überrascht, wie er gestern gegenüber der «Tagesschau» sagte. «Mich überrascht vor allem die Klarheit der Verurteilung: Damit wird die Identifikation der Muslime mit der Meinungsfreiheit zum Ausdruck gebracht», so Schulze.

Und tatsächlich: Wohl selten hat ein ähnliches Ereignis eine solche Reaktion in der muslimischen Welt ausgelöst. Dabei wird von Vertretern muslimischer Einrichtungen immer wieder gefordert, sich öffentlich von Taten wie denen des Islamischen Staates (IS) zu distanzieren. Angesichts der Bilder vom IS verfolgter Christen hatte vergangenes Jahr etwa die Schweizer Bischofskonferenz Schweizer Muslimverbände aufgerufen, deutlich Stellung zu beziehen.

Ähnliche Aufforderungen sorgen immer wieder für heftige Diskussionen unter Muslimen und Islamkennern. So sprach die Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor gestern in der deutschen ARD vom «Rechtfertigungsdruck auf Muslime, etwas Unerklärbares zu erklären». Aber müssen sich Muslime von Terroristen distanzieren, die sich auf Allah berufen, während sie Unschuldige töten?

Müssen sich Muslime distanzieren?

Für Saïda Keller-Messahli vom Forum für einen fortschrittlichen Islam (FFI) ziele diese Argumentation an der Realität vorbei, wie sie im September gegenüber der «Neuen Zürcher Zeitung» erklärte. «Die Mehrheit der 400'000 Muslime ist areligiös und will gar nicht, dass irgendwelche Verbände in ihrem Namen sprechen.»

Und die aus Tunesien stammende FFI-Präsidentin machte auf einen weiteren Aspekt aufmerksam, der immer wieder für Diskussionsstoff sorgt. «Als Anders Breivik in Oslo unter anderem im Namen des Christentums mordete, hat auch niemand von den Christen verlangt, sich öffentlich von Breivik zu distanzieren», erklärte sie.

Die Forderung, ein deutliches Zeichen gegen den Terror zu setzen, hält Autor Peter Schneider für «absurd und unverschämt», wie er zuletzt im «Tages-Anzeiger» schrieb. Es unterstelle eine latente Komplizenschaft, von der man sich als Muslim erst durch ein öffentliches Bekenntnis lösen könne. Entsprechend reagierte nach dem gestrigen Attentat auf «Charlie Hebdo» der deutsche Innenminister Thomas de Maizière. Anschläge wie der von Paris richteten sich gegen die gesamte Gesellschaft und ihre Werteordnung, sagte er der «Süddeutschen Zeitung» – doch sie hätten nichts mit dem Islam zu tun.

Für Imam Benjamin Idriz ist dieser Gewaltakt der von «Wahnsinnigen», wie er gegenüber der gleichen Zeitung sagt. Und als solcher «gegen den Islam». Als Beweis erinnert er an eine Szene aus dem Leben von Prophet Mohammed. Dieser habe Mekka verlassen müssen, weil die Bewohner der Stadt ihn und seine Lehren ablehnten. Als Mohammed nach Jahren zurückkam, fürchteten die Kritiker von einst seine Rache. Doch die Reaktion Mohammeds fiel anders aus als erwartet. «Gott möge euch verzeihen! Macht, was ihr wollt. Ihr seid frei», erklärte der Prophet.

baz.ch/Newsnet

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