Zum Hauptinhalt springen

Wie ein Echo aus der Vergangenheit

Das Spektakel Anita Hill gegen Clarence Thomas wiederholt sich mit dem Fall Kavanaugh unter neuen Vorzeichen.

Martin Suter, New York
Traurige Parallelen. Clarence Thomas wurde vor bald 30 Jahren von der Anwältin Anita Hill beschuldigt, er habe sie sexuell belästigt.
Traurige Parallelen. Clarence Thomas wurde vor bald 30 Jahren von der Anwältin Anita Hill beschuldigt, er habe sie sexuell belästigt.
Keystone

Ein konservativer Anwärter auf den Supreme Court. Eine akademisch gebildete Anklägerin. Sex. Alle drei Zutaten des zunehmend hässlichen Dramas um Brett Kavanaugh waren schon 1991 vorhanden, als Clarence Thomas ins oberste US-Bundesgericht berufen wurde. Vor 27 Jahren schaffte der afroamerikanische Richter die Hürde der Bestätigung durch den Senat. Doch das war damals.

Die Parallelen der zwei Fälle sind fast schon unheimlich. Beide Male nominierten republikanische Präsidenten – George H. W. Bush und Donald Trump – Richter, die bei den Demokraten auf rabiaten Widerstand stiessen. In beiden Fällen überstanden die Anwärter die Anhörungen vor dem Justizausschuss praktisch unversehrt. Und damals wie heute hatten sie in letzter Minute anklagende Frauen gegen sich.

Thomas wurde von der in Yale ausgebildeten Anwältin Anita Hill beschuldigt, er habe sie neun Jahre früher als Vorgesetzter in der Kommission für berufliche Chancengleichheit sexuell belästigt. Der acht Jahre ältere Mann habe ihr Avancen gemacht und dabei anzüglich geredet. Laut Hill brüstete sich Thomas über seine sexuelle Potenz, sprach von Szenen aus pornografischen Filmen und soll einmal sogar gesagt haben: «Wer hat dieses Schamhaar auf meine Cola-Dose getan?»

Nichts von all dem stimme, hielt der angeschuldigte Richter dagegen. Der in ärmsten Verhältnissen aufgewachsene Thomas sagte, er habe Hills Zeugenaussage nicht einmal angeschaut, denn er sei das Opfer eines «high-tech lynching» durch politische Gegner.

Die an zwei Tagen Mitte Oktober direkt übertragenen Senatshearings der zwei Kontrahenten fesselten die Nation und stiessen auch ausserhalb der USA auf grosses Interesse. Dasselbe wird am kommenden Montag geschehen, wenn Kavanaugh vor laufenden Kameras die Vorwürfe von Christine Blasey Ford zurückweisen wird.

Ereignis liegt noch weiter zurück

Die kalifornische Psychologieprofessorin erhebt die vergleichsweise schwerere Anklage einer versuchten Vergewaltigung. Doch das behauptete Ereignis liegt noch weiter zurück als im Fall Thomas/Hill. Mit einiger Wahrscheinlichkeit wird nach dem kommenden Hearing wie nach dem vergangenen die Aussage der Frau gegen die des Manns stehen. Wer wie bilanziert, hat dann weniger mit der Wahrheit als mit politischen Interessen zu tun. Clarence Thomas konnte die Anfeindung durch Anita Hill überwinden und wurde schliesslich mit 52 gegen 48 Stimmen vom Senat bestätigt. Doch hier stossen die Ähnlichkeiten der zwei Fälle an eine Grenze. Dass Kavanaugh die kommende Prüfung übersteht, ist weit weniger klar.

Zum Beispiel ist undenkbar, dass diesmal im Senat eine nennenswerte Zahl von Demokraten für Kavanaugh stimmen werden. 1991 verfügte die gegnerische Partei in der kleinen Kongresskammer sogar über die Mehrheit. Aber einige der demokratischen Senatoren waren Mitte-Politiker mit einer Kompromissbereitschaft, die in der vollends polarisierten Gegenwart verschwunden ist.

Zudem war Thomas in der breiteren Öffentlichkeit populär. Wie sich frühere Beobachter erinnern, hatte er als erster schwarzer Richterkandidat seit Langem eine Zustimmungsquote von rund zwei Drittel der Befragten. Das gab manchem Demokraten im Senat die Möglichkeit, über den eigenen ideologischen Schatten zu springen und Thomas abzusegnen. Auch dies ist in den gegenwärtigen 50:50-Verhältnissen nicht mehr vorstellbar.

Nur Männer im Ausschuss

Ein weiterer Unterschied: Der nur aus Männern bestehende Justizausschuss ging im ersten Fall auf eine heute undenkbare Weise vor. Der republikanische Ex-Staatsanwalt Arlen Specter nahm Anita Hill wie in einem Gerichtssaal aggressiv ins Kreuzverhör, um ihre Glaubwürdigkeit zu erschüttern. Untersucht wurden weniger die behaupteten Übergriffe des Manns als die Motivation der Frau.

Ein grosser Teil der Öffentlichkeit schenkte 1991 jedoch der Frau Glauben und empfand deren harsche Behandlung durch die Senatoren als ungerecht. «Das Hearing sprach der Fairness Hohn», sagt die damals stark involvierte Frauenrechtlerin Judith Lichtman. «Das könnte heute nicht mehr geschehen.» Besonders im Zug der aktuellen #MeToo-Bewegung gegen sexuelle Gewalt werde den Aussagen betroffener Frauen heute mehr Glauben geschenkt als früher.

Das Drama Hill gegen Thomas schrieb Geschichte. Weltweit schuf es Bewusstsein für das verbreitete Problem der sexuellen Belästigung. In den USA führte es ein Jahr später dazu, dass eine noch nie dagewesene Zahl von Frauen in politische Ämter gewählt wurde. Diesem «Jahr der Frau» 1992 verdankt unter anderem auch die Kalifornierin Dianne Feinstein ihre Wahl in den Senat. Es ist eine Ironie der Geschichte, dass Feinstein jetzt im Kasus Kavanaugh eine Schlüsselrolle zukommt, weil sie oder Leute in ihrem Umfeld den Brief der Anklägerin Blasey Ford an die Öffentlichkeit spielten.

Die traurigste Parallele betrifft die Beteiligten. Clarence Thomas wie auch Anita Hill erlitten durch das öffentliche Drama Rufschäden, die sie nie losgeworden sind. Dass es Brett Kavanaugh und Christine Blasey Ford anders ergehen wird, ist nicht zu erwarten.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch