Wer für Trump arbeitet, bezahlt einen Preis

Dem US-Justizminister William Barr geht es so wie vielen, die sich in den Dienst des Präsidenten stellten: Seinen guten Ruf ist er los.

Wird nun als Lügner, als Opportunist und als Speichellecker beschimpft: US-Justizminister William Barr. (Archivbild)

Wird nun als Lügner, als Opportunist und als Speichellecker beschimpft: US-Justizminister William Barr. (Archivbild)

Alan Cassidy@A_Cassidy

Was nur ist mit William Barr passiert? Es ist erst wenige Monate her, da sass der 68-Jährige mit der Hornbrille vor dem Senat, lächelte bescheiden und erklärte, warum er Justizminister werden wolle. Er müsse niemandem mehr etwas beweisen, er stehe an einem Punkt im Leben, an dem er wahrhaft unabhängig handeln könne. Barr war unter George H. W. Bush schon einmal Justizminister gewesen, er galt selbst vielen Demokraten als konservativer, aber vertrauenswürdiger Jurist. Und was Barr im Januar zu den Senatoren sagte, klang ja auch beruhigend: Im jetzigen Klima müssten die Amerikaner die Gewissheit haben, dass es in ihrer Regierung noch Stellen gebe, die nicht der Politik verpflichtet seien, sondern dem Recht. Barr wurde vom Senat problemlos bestätigt.

Inzwischen herrscht statt Erleichterung Entsetzen darüber, dass Barr sein Amt dazu missbraucht hat, um das zu tun, was er in seiner Anhörung zu vermeiden gelobt hatte: Politik. Über den Russland-Bericht von Sonderermittler Robert Mueller informierte Barr die Öffentlichkeit auf eine Art und Weise, die es US-Präsident Donald Trump während Wochen erlaubte, sich als «total entlastet» zu feiern. Als sich Mueller bei Barr über die Präsentation seiner Arbeit beschwerte, behauptete der Minister vor dem Kongress, davon nichts zu wissen. Barr wird nun als Lügner beschimpft, als Opportunist, als Speichellecker. Was immer seine Karriere noch bringt: Seinen Ruf ist er los.

Es geht ihm dabei wie so vielen Leuten vor ihm, die sich mit intakter Reputation in den Dienst Trumps stellten – und dann zur Kenntnis nehmen mussten, dass auch ein illustrer Lebenslauf nicht vor Schaden schützt, der ihnen dadurch entsteht. Rex Tillerson, John Kelly, Gary Cohn, Michael Flynn – die Liste jener Leute, die ihr Ansehen verloren, ist lang.

Loyaler Justizminister

Im Fall von Barr fragen sich viele, warum er nicht einmal mehr versucht, den Anschein eines unabhängigen Ministers zu wahren. In der «New York Times» lieferte James Comey einen Erklärungsversuch. «Trump isst deine Seele in kleinen Happen», schrieb der frühere FBI-Chef. Das beginne damit, dass Trump auf die Leute in seinem Umfeld ohne Unterbrechung einrede. Indem diese still dasässen, während er lüge, mache er sie zu Komplizen. Es gehe weiter mit den Loyalitätsschwüren, die Trump von seinen Untergebenen verlange, wenn er sich von ihnen vor laufenden Kameras preisen lässt wie ein Gott­könig. Danach sei es für die meisten zu spät. Selbst wenn sie im Inneren erschüttert seien über Trumps Gerede, könnten sie nicht mehr zurück.

Möglich, dass es auch Barr so erging. Möglich aber auch, dass sich Barr gar nicht Trump persönlich verpflichtet fühlt, sondern dem Präsidentenamt: Er ist schon lange der Ansicht, dass die Machtfülle des Präsidenten fast unbegrenzt ist. Auch das würde erklären, warum er sich jetzt derart vor Trump stellt, wenn diesem vorgeworfen wird, die Justiz behindert zu haben. Das Resultat ist dasselbe: Der Präsident ist mit seinem Justizminister sehr zufrieden. Doch geht es Barr so wie all den anderen Ministern und Beratern vor ihm, wird sich das irgendwann ändern. Und wenn er dann einmal weg ist, wird Trump über Barr genauso herziehen, wie seine Kritiker es jetzt schon tun.

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