Umgekehrter Rassismus in New York

Eine Annonce, bei der gezielt nach farbigen Lehrkräften gesucht wird, sorgt für ordentlich Zündstoff. Sie stellt nämlich einen Verstoss gegen das Gebot der Neutralität bezüglich Rasse dar.

Bill de Blasio, der Bürgermeister von New York, segnete das umstrittene Programm gegen die angebliche ‹weisse Vorherrschaft› ab.

Bill de Blasio, der Bürgermeister von New York, segnete das umstrittene Programm gegen die angebliche ‹weisse Vorherrschaft› ab.

(Bild: Reuters)

Martin Suter@sonntagszeitung

Bezirk eins des öffentlichen Schul­systems im südlichen Manhattan sucht ab Herbst Lehrkräfte. Eine Ende April geschaltete Online-Annonce begann mit den üblichen Angaben. Jobtyp: Vollzeit, Salär: $24 bis $34 pro Stunde. Was folgte, war aber unerhört. Der Bezirk, hiess es, suche «teachers of color» – farbige Lehrer.

Unverblümt signalisierte die Schule, dass weisse Lehrerinnen oder Lehrer bei der Jobvergabe nichts zu suchen hätten. Das war ein klarer Verstoss gegen das Gebot der Neutralität bezüglich Rasse. Nach einer Vorschrift des bundesstaatlichen Büros für gleiche Beschäftigungschancen ist eine Jobanzeige illegal, wenn sie eine Bevorzugung enthält oder jemanden aufgrund von Rasse, Hautfarbe, Religion, Geschlecht oder anderen Charakteristiken davon abhält, sich für den Arbeitsplatz zu bewerben.

Weisse Frauen aus Spitzenpositionen entfernt

Nachdem ein früherer Lehrer die Annonce entdeckt und gemeldet hatte, wurde sie als «nicht autorisiert» vom Netz genommen. In Wahrheit entsprang die Anzeige aber dem Denken, das New Yorks Erziehungsbürokratie beherrscht. Abgesegnet von Bürgermeister Bill de Blasio, drückt Schulkanzler Richard Carranza seit seinem Amtsantritt vor einem Jahr im Erziehungsdepartement ein Programm gegen die von ihm behauptete weisse Vorherrschaft durch.

Der Sohn mexikanischer Einwanderer glaubt, implizite rassistische Vorurteile seien an ungleichen Ausbildungs­resultaten schuld. Bereits hat Carranza drei weisse Frauen aus Spitzen­positionen entfernt, nur wegen ihrer Hautfarbe, wie die Betroffenen in einer Gerichtsklage behaupten.

Das Gift des rassistischen Denkens

Den bisher strikt neutralen Zugangstest für Eliteschulen will er mit indirekten Quoten verwässern. Und zu Kosten von 23 Millionen Dollar will er allen 130'000 Lehrkräften mit Umerziehungslektionen die rassistischen Neigungen austreiben.

Damit wird Carranza die – zugegeben grossen – Probleme des New Yorker Schulwesens mit seinen 1,1 Millionen Schülerinnen und Schülern jedoch nicht lösen. Es gibt keine Beweise für systemischen Rassismus bei Unterrichtenden oder in der Verwaltung. Carranza reitet auf dem Thema nur herum, weil er die Welt durch die Rassenbrille sieht. Sein Feldzug könnte übel enden. Spannungen zwischen Bevölkerungsgruppen werden steigen, Schulresultate leiden. Statt Harmonie verbreitet sich das Gift rassistischen Denkens. Die Annonce vom April war dafür ein Warnzeichen.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt

Loading Form...