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Umfragewerte sprechen für ehemalige Guerillakämpferin

Der abtretende Lula hat die Weichen für seine Nachfolge als Staatschef in Brasilien gestellt. Dilma Rousseff – eine ehemalige Guerillakämpferin – liegt in aktuellen Umfragen klar in Front.

Seine Popularität könnte ihr zur Wahl verhelfen: Dilma Rousseff und Lula.
Seine Popularität könnte ihr zur Wahl verhelfen: Dilma Rousseff und Lula.
Keystone

Wenn die Brasilianer am Sonntag einen neuen Präsidenten bestimmen, steht ein Mann nicht zur Wahl, den sie sofort wieder ins höchste Staatsamt hieven würden. Luiz Inacio Lula da Silva, der dem südamerikanischen Riesenland in den vergangenen acht Jahren ein glänzendes Wirtschaftswachstum und mehr Gewicht in der Welt bescherte, darf nach zwei Amtszeiten nicht mehr antreten. Doch Lulas Popularität strahlt ab: Die von ihm als Nachfolgerin auserkorene Kandidatin der Arbeiterpartei (PT), Dilma Rousseff, ist der Wahlsieg Umfragen zufolge fast nicht mehr zu nehmen. Sie wäre die erste Frau an der Spitze Brasiliens.

In einer aktuellen Erhebung des Instituts Sensus kommt Rousseff auf knapp 55 Prozent der Stimmen. Mit diesem Ergebnis wäre sie am Sonntag bereits in der ersten Runde gewählt. Rousseff liege 6,3 Millionen Stimmen über der absoluten Mehrheit, sagt Sensus-Chef Ricardo Guedes. Es sei «sehr unwahrscheinlich», dass sie so viele Wähler kurz vor dem Urnengang noch verliere. Ihr wichtigster Konkurrent, José Serra von der oppositionellen Sozialdemokratischen Partei (PSDB), dümpelt in der Umfrage bei rund 28 Prozent. Zulegen konnte zuletzt lediglich die Grünen-Kandidatin Marina Silva, die Sensus mit 14 Prozent der Stimmen auf dem dritten Rang sieht.

Umfrageinstitut sehen Rousseff als Siegerin

Auch das Umfrageinstitut Santa Fe Ideias zweifelt nicht an einem Erfolg der Lula-Erbin, auch wenn ihre Werte in der vergangenen Woche leicht absackten. Offenbar fruchteten Versuche der Opposition, Rousseff in eine Korruptionsaffäre um Lulas zurückgetretene Kabinettschefin zu verwickeln. Die Wahl der 62-Jährigen sei aber allenfalls «eine Frage des Datums», sagt der Chef von Santa Fe Ideias, Carlos Lopes. Entweder sie gewinne bereits am Sonntag oder in einer möglichen zweiten Wahlrunde am 31. Oktober. «Die Mehrheit der Wähler will die Kontinuität, für die Lulas Kandidatin steht», sagt Lopes.

Dabei ist Rousseff eigentlich keine Politikerin, der die Massen zuströmen. Bis zu ihrer Nominierung im Februar war die Technokratin in der breiten Bevölkerung weitgehend unbekannt. Im brasilianischen Politikbetrieb erarbeitete sie sich den Ruf einer «Eisernen Lady» und scheute sich nicht, Ministerkollegen auch in der Öffentlichkeit zurechtzuweisen. Die Mutter einer Tochter unterzog sich mehreren Schönheitsoperationen, um sich ein telegeneres Äusseres zuzulegen.

Im Kampf gegen Militärdiktatur

In ihrer Jugend kämpfte sie in linken Guerillagruppen gegen die Militärdiktatur (1964 bis 1985). Knapp drei Jahren sass Rousseff im Gefängnis, während der Haft wurde sie auch gefoltert. Nach dem Ende der Diktatur gehörte sie zu den Neugründern der brasilianischen Arbeiterpartei. Der 2002 zum Staatschef gewählte frühere Gewerkschafter Lula holte Rousseff 2003 als Energieministerin in sein Kabinett, machte sie 2005 zur Kabinettschefin und baute sie systematisch zu seiner Nachfolgerin auf.

Rousseff weiss, dass sie mit dem erwarteten Wahlsieg die Früchte von Lulas Arbeit ernten würde. Der scheidende Präsident geniesst Beliebtheitswerte von rund 80 Prozent. Fast 30 Millionen Menschen hob Lula während seiner Amtszeit mit der Schaffung von Jobs und Sozialprogrammen aus der Armut. Die Wirtschaft wächst unaufhörlich, in diesem Jahr wird ein Plus von sieben Prozent beim Bruttoinlandsprodukt erwartet. Als Mitglied der G-20-Gruppe verschafft sich das Schwellenland auf internationaler Bühne zunehmend Gehör.

Auf einer Wahlkampfveranstaltung Anfang der Woche in São Paolo rief Rousseff die Brasilianer auf, für die «Kontinuität» zu stimmen. Dabei hinterlässt Lula der mutmasslichen ersten brasilianischen Staatschefin auch Herausforderungen. Das Land richtet mit der Fussballweltmeisterschaft 2014 und den Olympischen Spielen 2016 zwei sportliche Grossereignisse aus. Die Erwartungen an das boomende Brasilien sind gross. Die Hausaufgaben bei der Kriminalitätsbekämpfung und dem Ausbau der Infrastruktur aber müssen noch gemacht werden.

AFP/mrs

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