Sind Spezialtruppen im Einsatz, steigt die Gefahr von Gräueltaten

Die USA setzen vermehrt auf unkonventionelle Kriegsführung: Sonderkräfte statt Panzer, «Kill Teams» statt Infanteriebrigaden.

US-Verteidigungsminister Robert Gates bewertet eine Wiederholung von Afghanistan oder Irak als «niedrig»: Soldaten der Sondereinheit ‹SWAT› während einer Übung in Baghdad, Irak.

US-Verteidigungsminister Robert Gates bewertet eine Wiederholung von Afghanistan oder Irak als «niedrig»: Soldaten der Sondereinheit ‹SWAT› während einer Übung in Baghdad, Irak.

Martin Kilian@tagesanzeiger

Er habe, gestand der Soldat Jeremy Morlock, seinen «moralischen Kompass» verloren. Danach verurteilte ihn Oberstleutnant Kwasi Hawks, ein Militärrichter in Tacoma im US-Bundesstaat Washington, am Mittwoch zu 24 Jahren Haft. Morlock und vier weiteren US-Soldaten, darunter dem vermutlichen Rädelsführer Calvin Gibbs, wurden Morde an afghanischen Zivilisten zur Last gelegt. Die GIs gehörten einem «Kill Team» der Armee an, das 2010 unschuldige Afghanen umbrachte.

Nachdem das Nachrichtenmagazin «Der Spiegel» am Montag Fotos veröffentlicht hatte, die Morlock und seine Kameraden mit den blutigen Leichen ermordeter Afghanen zeigten, entschuldigte sich die US-Armee umgehend: Die Handlungen von Morlock und Konsorten seien «nicht mit den Werten der Armee vereinbar».

Einsatz in Libyen möglich

Nach beinahe zehn Jahren Krieg in Afghanistan, im Irak und nun in Libyen sowie zahlreichen verdeckten Operationen mit «Special Forces» aber kann kaum ausbleiben, dass US-Krieger Gräueltaten begehen. Und je mehr sich die Weltmacht im Zuge unkonventioneller Kriegsführung auf paramilitärische Sonderkräfte der CIA und auf die «Schlangenfresser» des «Joint Special Operations Command» (JSOC) in Fort Bragg in North Carolina verlässt, desto grösser wird die Gefahr klandestiner Kriegsverbrechen.

Noch wird der Einsatz von Sonderkräften in Libyen nur vereinzelt gefordert; falls sich die Rebellen im Osten des Landes jedoch als militärisch unfähig erweisen, könnte der Ruf nach der Entsendung von Ausbildnern der «Special Forces» lauter werden. Ebenfalls vorstellbar wäre die Entsendung von «Kill Teams» zur Jagd auf Muammar al-Ghadhafis inneren Kreis. Immerhin jagen US-Kommandos Terrorverdächtige und Taliban in Pakistan wie in Afghanistan, im Jemen und im Irak, in Somalia und in Westafrika.

Keine Armeeangehörigen für den Landkrieg

In Afghanistan wurde die geheimnisumwitterte «Taskforce 373» zur Hatz auf Taliban- und Al-Qaida-Führer organisiert, im Irak befehligte der spätere Oberkommandierende in Afghanistan, General Stanley McChrystal, Sonderkräfte aller Waffengattungen im Kampf gegen Aufständische. Seit JSOC im Gefolge von Jimmy Carters fehlgeschlagener Geiselbefreiung im Iran 1980 ins Leben gerufen wurde, haben Sonderkräfte zusehends grösseren Einfluss auf US-Kriegsstrategien genommen; in Zukunft dürften sie eine noch wichtigere Rolle spielen, da US-Regierungen konventionelle Landkriege wie im Irak tunlichst meiden werden.

«Meiner Meinung nach sollte sich jeder künftige Verteidigungsminister, der einem Präsidenten rät, neuerlich eine grosse US-Armee zu einem Landkrieg nach Asien oder den Nahen Osten oder Afrika zu entsenden,‹seinen Kopf überprüfen lassen›, wie General McArthur so treffend sagte», warnte Verteidigungsminister Robert Gates Ende Februar in einer Rede an der Militärakademie in West Point im Staat New York. Die «Chance einer Wiederholung» von Irak oder Afghanistan bewertete Gates als «niedrig».

«Ein schlechter Krieg zu einer schlechten Zeit»

Sonderkräfte statt Panzer, «Kill Teams» anstelle von Infanteriebrigaden: Die US-Militärdoktrin passt sich den Erfordernissen von Guerillakriegen und Terror an, gleichzeitig aber wächst die Gefahr von Übergriffen auf die Zivilbevölkerung sowie der Misshandlung von Gefangenen.

Sein Mandant, so Jeremy Morlocks Anwalt Geoffrey Nathan vor dem Kriegsgericht in Tacoma, sei ein «wirklich guter Kerl; das ist einfach ein schlechter Krieg zu einer schlechten Zeit in der Geschichte unseres Landes».

Tages-Anzeiger

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