«Sergeant Psycho» und die verheizten Helden

Hintergrund

Der Mord an 17 Afghanen hat in den USA die Diskussion über den Krieg neu entfacht. Dass der mutmassliche Täter ein amerikanischer Unteroffizier ist, wird der Heldenverehrung allerdings keinen Abbruch tun.

Für viele Amerikaner trotz allem ein Held: Staff Sergeant Robert Bales auf einem Trainingsstützpunkt in Kalifornien. (23. August 2011)

Für viele Amerikaner trotz allem ein Held: Staff Sergeant Robert Bales auf einem Trainingsstützpunkt in Kalifornien. (23. August 2011)

(Bild: Keystone)

Martin Kilian@tagesanzeiger

Der mutmassliche Massenmord des Unteroffiziers Robert Bales an 17 Afghanen, darunter neun Kindern, wühlt die amerikanische Seele auf. Denn die Untat steht in direktem Gegensatz zur allgemein gepflegten Heldenverehrung, wie sie nach 9/11 in Mode kam: Jeder US-Soldat, der in Afghanistan, im Irak oder sonst wo kämpfte oder auch nur einen Schreibtisch in einer Kaserne auf amerikanischem Boden kommandierte, geriet zum Idol einer Nation, die der Institution des Militärs inzwischen mehr traut als jeder anderen.

Soldaten wurden zu Vorbildern aufgebaut, niemals wieder sollte es den Heimkehrern von fernen Schlachtfeldern so ergehen wie den Verlierern des Vietnamkriegs. Diese, so will es ein amerikanischer Mythos, seien von linken Kriegsgegnern sogar angespuckt worden, als sie in den späten Sechziger- und frühen Siebzigerjahren aus Südostasien nach Hause kamen. Nun also verstört der vermeintliche Amoklauf des Unteroffiziers die Nation und kollidiert mit der Heldenverehrung.

Der Massenmörder wird zum Helden

Oder auch nicht: Der bekannte Blogger Charles Johnson wertete rund ein Dutzend konservativer Websites aus, auf denen Leser ihrem Ärger über den Fall Bales Luft machten. «Die Kommentarspalten auf diesen Websites waren voller Leute, die die Morde feierten und den Soldaten priesen, der sie mutmasslich begangen hatte; ausserdem stellten sie in Abrede, dass sich hier ein Verbrechen zugetragen hatte, und versuchten, Präsident Obama die Schuld zuzuschieben», lautete Johnsons deprimierender Befund.

Neu ist daran nichts: Als das Massaker von My Lai, bei dem Hunderte vietnamesischer Zivilisten 1968 von US-Soldaten unter dem Kommando des Leutnants William Calley ermordet wurden, enthüllt und Calley zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt wurde, rollte eine Welle der Sympathie für den Leutnant durch die Vereinigten Staaten. Während einerseits die Zahl amerikanischer Kriegsgegner nach My Lai wuchs und die Unterstützung des Kriegs abnahm, reagierte das konservative Amerika mit einem Aufschrei auf das Urteil.

Im Staat Indiana wurden die Flaggen auf halbmast gesetzt, in Utah kritisierte der Gouverneur das Verdikt, in Arkansas verlangte das Staatsparlament einen Gnadenerweis für Calley. Und in einer Erhebung stellten sich nahezu vier Fünftel der Befragten gegen das Urteil. Ermuntert vom Widerstand gegen die Verurteilung Calleys verfügte Präsident Nixon persönlich, den Leutnant bis zu seinem Berufungsverfahren auf freien Fuss zu setzen. Am Ende blieb es statt lebenslanger Haft bei drei Jahren Hausarrest für Calley.

Veteranen ohne Haus und Arbeit

So ungeschoren wird Robert Bales nicht davonkommen, sofern er die Morde in Kandahar tatsächlich beging. Wenn in der Tat zutrifft, dass er als Einzeltäter und nicht, wie von manchen Afghanen behauptet, im Verein mit anderen US-Soldaten handelte, wird das amerikanische Gewissen indes weniger belastet werden: Bales wäre dann ein Verrückter, ein Durchgeknallter, ja ein «Sergeant Psycho», wie die Zeitung «New York Daily News» schrieb – worauf die Heldenverehrung weiter vonstattengehen kann, obschon US-Soldaten sowohl im Irak als auch in Afghanistan Kriegsverbrechen begangen haben.

Schlechter unter den Teppich kehren lässt sich allerdings der Umstand, dass der amerikanische Dauerkrieg seit 2001 viele GIs in menschliche Wracks verwandelt hat, die nach zwei, drei oder im Fall von Robert Bales sogar vier aufeinander folgenden Kriegseinsätzen an schwerem posttraumatischem Stress und anderen physischen wie psychischen Blessuren leiden. Dass die Veteranen der Kriege zudem überdurchschnittlich arbeits- und obdachlos sind, zeigt an, wie wenig sich der Heldenkult in wirklicher Hilfe niederschlägt.

Das Image des Afghanistan-Kriegs leidet

Wurde Bales nach dem Bekanntwerden der Bluttat zunächst als tragischer Patriot gezeichnet, der sich nach 9/11 freiwillig – und also heldenhaft! – zum Dienst in der Armee meldete, ein zweifacher Vater zumal, dessen Vorgesetzte ihn rühmten und dessen Ehefrau in einem Blog ihre Enttäuschung über eine ausgebliebene Beförderung des Gatten äusserte, so hat sich das Image des Unteroffiziers zwischenzeitlich getrübt: Immerhin beging Bales als Aktienmakler einen Betrug und wurde zur Rückerstattung von 1,4 Millionen Dollar verurteilt, die er dem betrogenen Klienten freilich nie bezahlte. 2002 hatte er überdies einen Kasinoangestellten in Las Vegas attackiert.

Gleichwohl mischt sich in die Betroffenheit der amerikanischen Öffentlichkeit ein diffuses Gefühl, der Krieg in Afghanistan sei schon deshalb ein Desaster, weil er Soldaten wie Robert Bales zugrunde richte. Eine Mehrheit der Amerikaner lehnt den Krieg nach mehr als zehn Jahren ab und glaubt, Afghanistan wie die Afghanen seien die amerikanischen Opfer nicht wert.

Als beim Aufruhr über die Koran-Verbrennungen im Februar insgesamt sechs GIs von afghanischen Sicherheitskräften zur Vergeltung getötet wurden, erhärtete sich die Meinung vieler Amerikaner, der Krieg müsse schnellstmöglich zu einem Ende gebracht werden. Wenn nicht einmal den afghanischen Alliierten getraut werden könne, sei ein weiteres Verbleiben am Hindukusch zwecklos. Nach der Anklageerhebung gegen Robert Bales wird sein Verteidiger John Henry Brown vor einem Militärgericht darzulegen versuchen, wie die Nation ihre vermeintlichen Helden verheizt. Der Heldenverehrung wird es keinen Abbruch tun.

baz.ch/Newsnet

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