Lost in Transit

Edward Snowden ist nicht der Erste, der in einem Transitbereich feststeckt. Es ist ein passender Ort für tragische Helden.

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Philippe Zweifel@delabass

Edward Snowden war am vergangenen Sonntag von Hongkong nach Moskau geflohen. Dort steckt er ohne gültigen Reisepass im Transitbereich des Flughafens fest. Offenbar hat der Computerexperte und frühere CIA-Mitarbeiter keine gültigen Reisepapiere, nachdem die USA ihm den Pass entzogen haben. Nun rätselt die Welt, wie es mit ihm weitergeht – und was er im juristischen Niemandsland des Scheremetjewo-Flughafens tut.

Der Fall erinnert an die Geschichte des Iraners Mehran Karimi Nasseri. Dieser lebte vom August 1988 bis August 2006 im Pariser Flughafen Charles de Gaulle. Dies, nachdem ihm seine Reisedokumente gestohlen wurden, Nasseri konnte weder seinen Status als Flüchtling noch seine Identität nachweisen. Sein Schicksal wurde bereits 1993 in der französischen Komödie «Die vom Himmel Gefallenen» und 2001 in der britischen Dokumentation «Here to Where» verfilmt.

2004 adaptierte Steven Spielberg den Stoff. In «Terminal», mit Tom Hanks in der Hauptrolle, erzählt er die Geschichte von Viktor Navorski, der in die USA fliegt, während in seiner Heimat «Krakozhien» ein Putsch erfolgt. Weil seine Papiere nun ungültig sind, ist ihm die Rückreise unmöglich, aber auch die Einreise in die USA wird ihm verwehrt. Er sieht sich gezwungen, im Transitbereich zu verweilen, wo er dem Sicherheitschef, der ihn unbedingt loswerden will, das Leben schwer macht.

Mit dem Tod konnotiert

Spielbergs Film ist ein Kommentar auf die Sicherheitsparanoia nach 9/11 und das dadurch gesteigerte Misstrauen gegenüber Einwanderern. «Terminal» bezieht so Stellung für eine offene Gesellschaft, was an Snowdens Absichten erinnert. Auch die kafkaeske Situation Navorskis ähnelt jener von Snowden. Beide stecken wegen fehlender Papiere quasi identitätslos im System fest. Durch eine Regelungslücke aber – das System hat keinen Zugriff auf sie – wird der Spiess umgekehrt: Der Bürger ist es, der die Bürokratie zermürbt.

Auch «Happiness Is a Warm Gun» spielt im Transitbereich. Der Schweizer Film erzählt die Geschichte einer Friedenskämpferin, die mit einer Kugel im Kopf im Flughafen halluzinierend um ihr Leben ringt. Der Schauplatz ist gut gewählt – der Transitbereich als Zwischenraum von Leben und Tod. Das Wort Terminal ist metaphorisch ähnlich aufgeladen. Die Termini waren im alten Rom Götter, deren Schreine als Grenzsteine verwendet wurden. Im heutigen Sprachgebrauch bedeutet das Wort «endgültig», es ist auch mit dem Tod konnotiert.

Für immer in einem Zwischenreich gefangen sein, wird so zu einer Art ewigen Vorhölle. Es ist ein passendes Bild für Edward Snowden, für dessen Vergehen amerikanische Hardliner auf dem Sender Fox bereits die Todesstrafe fordern.

baz.ch/Newsnet

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