Das Phantom von Scheremetjewo

Edward Snowden hält sich angeblich auf dem Moskauer Flughafen auf. Reporter konnten ihn dort jedoch nicht aufspüren. Sollte er für längere Zeit im Transitbereich festsitzen, wäre er nicht der erste, dem dies passiert.

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Für täglich Tausende Passagiere ist der Moskauer Scheremetjewo-Flughafen eine Durchgangsstation. Der frühere US-Geheimdienstmitarbeiter Edward Snowden jedoch hält sich dort seit mehreren Tagen auf - dies hat zumindest die russische Regierung erklärt. Seine Lage ist damit zwar ungewöhnlich, aber nicht beispiellos: Snowden wäre nicht der erste, der in der rechtlichen Grauzone des Transitbereichs eines internationalen Flughafens gestrandet ist. Der von den US-Behörden wegen Geheimnisverrats Gesuchte sei am Sonntag von Hongkong kommend im Transitbereich von Scheremetjewo eingetroffen, sagte der russische Präsident Wladimir Putin. Snowden hält sich damit nach Moskauer Lesart offiziell nicht in Russland auf und kann seine Reise jederzeit fortsetzen. Die USA haben jedoch einen Haftbefehl für ihn ausgestellt und seinen Reisepass für ungültig erklärt. Welche Optionen ihm so noch bleiben, ist offen.

In der Vergangenheit haben im Transitbereich von Scheremetjewo zahlreiche Menschen aus Ländern wie Afghanistan und Somalia auf ihre offizielle Anerkennung als Flüchtlinge gewartet. Sie lebten in dieser Zeit auf den Fluren des Flughafens. Russland wurde beschuldigt, den Flughafen zu benutzen, um Asylanträge auf bequeme Art zu blockieren. Das US-Aussenministerium führte 2010 den Fall von 16 Asylbewerbern aus Somalia an, die «mehrere Monate im Transitbereich des Flughafens verbrachten und zeitweise gezwungen waren, bei Passagieren um Essen zu betteln». Sie hätten nicht in Russland Asyl beantragen können und mussten die UN um Hilfe bitten. Die iranische Menschenrechtsaktivistin Sahra Kamalfar verbrachte 2006/2007 mit ihren beiden Kindern mehr als neun Monate im Transitbereich, bis Kanada ihr Asyl gewährte.

Flughafen als Asyl

Auch auf anderen Flughäfen sassen Passagiere unfreiwillig längere Zeit fest: Der chinesische Menschenrechtsaktivist Feng Zhenghu kampierte 2009 drei Monate lang auf dem Tokioter Narita-Flughafen, weil ihm die chinesischen Behörden die Rückkehr in seine Heimat verwehrten. Er schlief auf einer Plastikbank und lebte von Essensgaben von Passanten. Die chinesischen Behörden gaben schliesslich nach und liessen ihn nach Shanghai fliegen. Der Japaner Hiroshi Nohara verbrachte 2008 fast drei Monate auf dem Flughafen von Mexiko-Stadt, wurde zu einer lokalen Berühmtheit und gab zahlreiche Fernsehinterviews. Wie sich herausstellte, hatte er ein gültiges Visum für Mexiko; warum er auf dem Flughafen lebte, verriet er nicht. Der berühmteste Flughafenbewohner war Mehran Karimi Nasseri.

Der Iraner lebte 18 Jahre lang im Terminal 1 des Pariser Flughafens Charles de Gaulle. Er hatte Dokumente verloren, in denen sein Flüchtlingsstatus bestätigt wurde, und geriet in einen bürokratischen Teufelskreis. Mehrere europäische Staaten lehnten es ab, ihm Dokumente auszustellen, mit denen er das Terminal hätte verlassen können. Er schlief auf einer roten Plastikbank, Schnellimbisse versorgten ihn mit Mahlzeiten. Die kafkaeske Situation endete erst, als Nasseri 2006 in ein Krankenhaus eingeliefert wurde.

Der genaue Aufenthaltsort des Mannes, der das geheime Datenüberwachungsprogramm der USA publik gemacht hat, war derweil unklar. Reporter aus aller Welt durchkämmten am Mittwoch den grössten Moskauer Flughafen auf der Suche nach Snowden, fündig wurden sie nicht. Der riesige Transitbereich umfasst drei Terminals und besteht im wesentlichen aus einem langen Gang mit Gates auf der einen Seite und Duty Free Shops, Boutiquen, Souvenirläden und etwa einem Dutzend Restaurants auf der anderen. Journalisten befragten Passagiere, Flughafenbeschäftigte, Kellner und Verkäuferinnen - nirgends fand sich eine Spur von Snowden.

Snowden in Hotel vermutet

Russische Nachrichtenagenturen berichteten unter Berufung auf nicht genannte Quellen, Snowden halte sich in einem Hotel im Transitterminal auf. Im einzigen Hotel des Bereichs, dem «Air Express», war er nicht zu sehen. Das Hotel bietet winzige Räume an, die Passagiere für einige Stunden mieten können. Mitarbeiter wollten keine Auskunft darüber geben, ob sich Snowden dort aufhielt. «Wir haben nur eine Menge Journalisten gesehen, das ist mal sicher», sagte Maxim, ein Kellner eines nahe gelegenen Imbisses. Auch der Pressedienst des Flughafens lehnte eine Stellungnahme zum Aufenthaltsort Snowdens ab.

Sicher ist: Er wird mit Haftbefehl gesucht und hat keinen gültigen Reisepass - seine Reisemöglichkeiten sind also extrem begrenzt. «Reisedokumente zu haben ist keine Bedingung für einen Asylantrag», sagt Laura Padoan von der UN-Flüchtlingsbehörde. Staaten dürften Reisedokumente ausstellen, um Flüchtlingen eine Umsiedlung zu ermöglichen. Ecuador hat bereits erklärt, ein Asylantrag Snowdens liege vor. Aussenminister Ricardo Patiño wies aber am Mittwoch darauf hin, dass eine Entscheidung darüber Monate dauern könne.

lvm/sda

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