«Nun trägt Obama den Übernamen Cool Hand Luke»

Interview

Die USA feiern den Tod von Osama Bin Laden wie fanatische Fussballfans. TA-Korrespondent Martin Kilian erklärt, weshalb vor allem junge Leute jubeln und weshalb es kaum kritische Stimmen zur Militäroperation gibt.

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Nachdem US-Präsident Barack Obama den Tod von Osama Bin Laden bekannt gegeben hatte, gingen die Menschen auf die Strasse und feierten die Nachricht, als hätte soeben ihr Lieblingsteam den Super Bowl gewonnen. Wie ist die Stimmung in den USA heute? Sie ist immer noch euphorisch. Auffallend ist, dass sich vor allem junge Amerikaner vor dem Weissen Haus versammelten, es war kaum einer über 30 Jahre alt. Bin Ladens Tod hat ihnen Auftrieb gegeben.

Warum gerade den jungen Leuten? Eine mögliche Erklärung ist, dass viele dieser Leute noch Kinder waren, als sich 9/11 ereignete, und sie nun das Thema auf diese Weise verarbeiten und abschliessen. Viele haben nun auch ihren Patriotismus entdeckt. Was mich störte, war die Partystimmung. Diese fand ich unangebracht.

Auch in Europa wurden die feiernden Massen auf den Strassen kritisch wahrgenommen. Und der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel, die ihre Freude über Bin Ladens Tod ausdrückte, wird vorgeworfen, sie führe Deutschland ins Mittelalter zurück. Gab es ähnliche kritische Stimmen in den USA? Es gibt kritische Stimmen, die zur Besinnung aufrufen – vor allem aus der linksliberalen Ecke. Doch solche Voten gehen im Freudentaumel unter. Ein Stück weit kann ich dies verstehen: Schliesslich starben bei 9/11 nicht in der Schweiz oder anderswo in Europa 3000 Menschen, sondern in den USA.

Wird in den USA die Tötung von Bin Laden überhaupt völkerrechtlich infrage gestellt? Seltsamerweise nicht. Ich habe in den Medien wenige Beiträge gesehen oder gehört, die der Frage nachgingen, ob die Tötung gegen Recht verstösst. Die Amerikaner finden es offenbar rechtens, dass ihre Soldaten in einem souveränen Land wie Pakistan eine Militäroperation durchführen. Und auch die Tötung von Bin Laden stört sie nicht.

Das Weisse Haus überlegt sich, ob es Bilder von Bin Ladens Leiche veröffentlichen soll, tut sich aber schwer mit der Entscheidung. Weshalb? Innerhalb der Obama-Administration gibt es eine schwere Auseinandersetzung darüber. Das eine Lager, zu dem CIA-Direktor Leon Panetta gehört, möchte am liebsten alles vorlegen, um zu beweisen, dass der Al-Qaida-Chef wirklich tot ist. Das andere Lager, zu dem Aussenministerin Hillary Clinton und Verteidigungsminister Robert Gates zählen, ist gegen die Publikation. Es besteht die Angst, dass die Bilder gewaltige Reaktionen in der arabischen Welt auslösen könnten.

Welche Seite wird die Oberhand gewinnen? Am Schluss entscheidet Barack Obama. Wie die Diskussion ausgeht, ist aber schwierig abzuschätzen. Meiner Meinung nach müsste man die Bilder sofort veröffentlichen oder gar nicht. Am schlechtesten wäre es, wenn die Regierung so lange zuwarten würde, bis der Druck dermassen zunimmt, dass sie die Bilder doch herausgeben muss.

Nach dem Tod von Bin Laden war zunächst Widersprüchliches zu hören. Zuerst hiess es, Bin Laden sei bewaffnet gewesen, kurz darauf dementierte die US-Regierung diese Information. Betreibt sie eine gute Informationspolitik? Sie könnte besser sein. In der Hitze des Gefechts wurde manches nicht richtig dargestellt. Die Regierung hätte vielleicht besser noch einen halben Tag zugewartet, bis alle Informationen zusammengetragen gewesen wären. Es sieht nicht gut aus, wenn das Weisse Haus zuerst behauptet, Bin Laden sei bewaffnet gewesen, diese Information aber später zurücknehmen muss. Und es sieht auch nicht gut aus, wenn die Regierung sagt, Bin Laden habe eine Frau als Schutzschild missbraucht und sich dies als falsch herausstellt. Solche Widersprüche nähren Verschwörungstheorien.

Gemäss einer Umfrage betrachten nun 58 Prozent der Bevölkerung Barack Obama als «starke und entschlossene» Führungspersönlichkeit. Das sind fünf Prozent mehr als im April. Was bedeutet das für seine Aussichten für die Wiederwahl 2012? Nicht allzu viel, denn die Wahlen sind noch weit weg. Entscheidender für die Wahlen im nächsten Jahr wird sein, wie dann die Wirtschaftslage ist. Bin Ladens Tod nimmt aber den Republikanern etwas Wind aus den Segeln. Sie äusserten stets die Kritik, die Demokraten seien punkto nationaler Sicherheit unfähig und untätig. Sie sagten, Obama sei ein Weichei. Nun trägt Obama den Übernamen «Cool Hand Luke».

Auch die Republikaner könnten Auftrieb erhalten: denn die Folter bei den Verhören, die Ex-Präsident George Bush gebilligt hatte, war offenbar erfolgreich. Das ist die Art und Weise, wie die Republikaner den erfolgreichen Schlag nun ausschlachten. Sie sagen, der Erfolg sei George W. Bush und Donald Rumsfeld zu verdanken. Gemäss der «New York Times» wurden aber die entscheidenden Informationen nicht durch Folterverhöre gewonnen. Auch ich zweifle daran. Aber diese Frage wird jetzt zu einer hochpolitischen Diskussion.

baz.ch/Newsnet

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