Mit Atomwaffen in den Cyberkrieg

Hintergrund

Die Obama-Administration dramatisiert die Gefahr eines Cyberkriegs mit katastrophalen Folgen. Zur Abschreckung rät ein Pentagon-Gremium sogar zum Einsatz von Atomwaffen.

Soll Cyberattacken gegen die USA abwehren: Computerspezialist im Sicherheitszentrum der Air Force Base in Colorado Springs.

Soll Cyberattacken gegen die USA abwehren: Computerspezialist im Sicherheitszentrum der Air Force Base in Colorado Springs.

(Bild: Reuters)

Martin Kilian@tagesanzeiger

Zuerst mahnte der Präsident: «Wir können nicht in einigen Jahren zurückschauen und uns wundern, warum wir nichts gegen die wirklichen Bedrohungen unserer Sicherheit und Wirtschaft unternommen haben», sagte Barack Obama im Februar in seiner Rede zur Lage der Nation über die Cyberbedrohung. Dann schob Obamas oberster Geheimdienstberater James Clapper bei einer Anhörung vor dem nachrichtendienstlichen Ausschuss des Senats in der zweiten Märzwoche nach und setzte den Cyberkrieg ganz oben auf die Liste der nationalen Bedrohungen – vor die Terrorgefahr. In einem neuen Report des Defense Science Board, so der Name des wissenschaftlichen Beirats des Pentagons, wird jetzt sogar der Einsatz von Nuklearwaffen als Antwort auf eine katastrophale Cyberattacke nicht ausgeschlossen.

Schon 2012 hatte der Sicherheitsexperte Andrew Krepinevich in einem Bericht des Center for Strategic and Budgetary Assessments die «wachsende Sorge» amerikanischer Politiker und Militärs wegen Cyberangriffen mit «katastrophenhaften Zerstörungen» von Computernetzwerken und US-Infrastruktur beschrieben. Und vor seinem Ausscheiden aus dem Amt hatte Verteidigungsminister Leon Panetta gar vor einem «Cyber Pearl Harbor» gewarnt. Zwar ist die Zahl chinesischer Hackerattacken auf US-Unternehmen und Regierungsstellen angewachsen, Obama-Berater Clapper aber wiegelte eher ab: Zumindest in den kommenden zwei Jahren sei eine geballte Cyberattacke auf die USA nicht zu erwarten, so der Ex-General.

«Eine Beleidigung der Opfer von Hiroshima»

Das wiederum hielt den Defense Science Board in seinem 146-seitigen Report nicht davon ab, apokalyptisch zu werden: Eine Abschreckung gross angelegter Cyberangriffe erfordere neben elektronischen Gegenmassnahmen und konventionellen Waffen auch «eine Verankerung mit Atomwaffen». Und weiter: Im «extremsten Fall» dürfe eine «nukleare Antwort» nicht ausgeschlossen werden. Dann zogen die Autoren des Reports sogar einen Vergleich mit der Geschichte des Kalten Krieges: «Die politischen Konsequenzen» der Cyberbedrohung seien der nuklearen Bedrohung während des Kalten Krieges «ähnlich».

Daraufhin meldeten sich in der Zeitschrift «Foreign Policy» gleich zwei Kritiker zu Wort: Der Sicherheitsexperte Thomas Rid vom King's College in London bezeichnete die Aussagen des Pentagon-Reports als «eine Beleidigung der Opfer von Hiroshima» und wies darauf hin, dass Cyberangriffe bislang kein einziges Menschenleben gefordert hätten. Während Rid den «Hype» beklagte, fragte der Nuklearphysiker Yousaf Butt vom Monterey Institute of International Studies, ob der Wissenschaftsrat des Pentagons noch recht bei Trost sei: Unter der Überschrift «Ist das Pentagon verrückt genug, Atomwaffen zum Cyberkampf zu bringen?» wies Butt unter anderem darauf hin, dass der Ursprung einer Cyberattacke im Gegensatz zu einem Atomangriff mit ballistischen Raketen nicht genau geortet werden könne.

Hype um Cyberbedrohung

Vergeltungsmassnahmen mit Atomwaffen seien schon deshalb eine schlechte Idee, zumal nicht staatliche Gruppen oder beispielsweise eine Gruppe russischer Teenager ohne Wissen von Eltern wie Staat einen Hackerangriff gegen die Vereinigten Staaten durchführen könnten, schrieb Butt. «Es gibt eine Anzahl von Dissidenten- und Terrorgruppen in China – oder auch extremistische staatsfeindliche Milizen in den Vereinigten Staaten –, welche die USA gern in einen Krieg mit China zerren würden», so Butt. Auch Thomas Rid warnt vor einer Dramatisierung der Lage. «Der Hype verdeckt die dringend benötigte Sicht» auf das wirkliche Ausmass der Gefahr, meint er und kritisiert die US-Dienste: Obwohl die amerikanischen Geheimdienste besser informiert seien als etwa Sicherheitsfirmen wie McAfee oder Symantec, hüllten sie sich in Schweigen – und leisteten so dem Hype um die Cyberbedrohung Vorschub.

baz.ch/Newsnet

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