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Mauer teilt Amerikaner und Mexikaner

Die USA errichten an ihrer Südgrenze einen Schutzwall gegen illegale Einwanderer. Die Mexikaner sind empört. Ausser in der Grenzstadt Nogales. Hier bleibt man trotz allem gelassen.

Sandro Benini
Am helllichten Tag überquert ein Mann bei Nogales jene Grenzmauer, welche die Mexikaner von der Migration in die USA abhalten soll.
Am helllichten Tag überquert ein Mann bei Nogales jene Grenzmauer, welche die Mexikaner von der Migration in die USA abhalten soll.
Keystone

Für einmal mussten selbst die amerikanischen Behörden zugeben, ihren Abwehrkampf gegen die illegalen Einwanderer aus Mexiko übertrieben zu haben. Im Juli errichteten sie in einem unterirdischen Kanal der vom Grenzverlauf entzweigeschnittenen Stadt Nogales eine Mauer, weil Immigranten den Tunnel immer wieder benutzt hatten, um auf die andere Seite zu gelangen, in den Bundesstaat Arizona.

Kurz darauf ging ein heftiges Gewitter nieder. Die sich stauenden Wassermassen sprengten den Asphalt, schossen an die Oberfläche und überschwemmten vorwiegend das mexikanische Nogales. Der Schaden belief sich auf 8 Millionen Dollar. Als sich auch noch herausstellte, dass die Amerikaner ihr unterirdisches Bollwerk auf nachbarlichem Territorium gebaut hatten, mussten sie es abreissen und finanzielle Wiedergutmachung versprechen.

1100 Kilometer Schutzwall

Für einmal hatte Mexiko gegenüber seinem mächtigen Nachbarn einen kleinen Triumph errungen. Die Überzeugung, wonach die Anti-Immigrationspolitik der USA einer einzigen nationalen Demütigung gleichkomme, vermochte die Episode allerdings nicht zu erschüttern. Am 26. Oktober 2006 unterzeichnete George W. Bush ein Gesetz, um die südliche Grenze durch den Bau eines 1100 Kilometer langen Schutzwalls zu sichern. Seither entsteht an einigen Stellen eine eigentliche Mauer, an anderen ein Zaun. (vergl. Kasten). In Mexiko reagierte man empört. Während sich Präsident Felipe Calderón an den Eisernen Vorhang erinnert fühlte, betonten Zeitungskommentatoren einhellig, wie sehr die US-Wirtschaft von billigen Arbeitskräften aus dem Süden profitiere. Selbst der für seine amerikafreundlichen Ansichten bekannte peruanische Schriftsteller Mario Vargas Llosa sprach von einer «Mauer der Schande».

Erstaunlicherweise reagieren die Stadtregierung und Bevölkerung von Nogales gelassen, ja geradezu verständnisvoll auf den Schutzwall. Antiamerikanischer Protest ist bisher ausgeblieben, denn schliesslich lebt der rund 300'000 Einwohner zählende Ort mit seinem sich über das ganze Zentrum ausbreitenden Knäuel aus Restaurants, Bars, Kleiderläden, Apotheken und Sexlokalen nicht zuletzt von den Stippvisiten der US-Touristen.

Ein Mitglied der Stadtregierung, das anonym bleiben will, nennt einen weiteren Grund: «Die meisten Migranten kommen aus Mexikos Süden. Wenn sie beim Überwinden der Grenze scheitern, bleiben sie oft hier hängen und beginnen zu betteln oder zu stehlen. Beliebt sind sie nicht.» Für jemanden, der beweisen kann, dass er offiziell in Nogales lebt und einer geregelten Arbeit nachgeht, ist es hingegen durchaus möglich, ein US-Visum zu bekommen.

Mehr als 60 Tote in Nogales

Ausserdem hat der zwischen den mexikanischen Drogenkartellen tobende Krieg seit Jahresbeginn in der Stadt mehr als 60 Tote gefordert, und viele Schlepperbanden mischen im Kokaingeschäft mit. «Dass sich die Gringos schützen wollen, ist verständlich», sagen mehrere Passanten. Mit Unmut reagierten dagegen Einwohner und Ladenbesitzer auf der amerikanischen Seite, weil die Behörden zunächst denselben hässlich-braunen Metallzaun aufziehen wollten, der die Grenze des Umlands sichert. Stattdessen ist das Stadtzentrum nun von einer hellgrauen Mauer durchzogen.

Privatleute überwachen Grenze

Der 20-jährige Antonio Pérez aus Chiapas ist einer der Gestrandeten. Täglich erhält er in einer von der Kirche betriebenen Notküche einen Teller Reis mit Bohnen. Nach einem fünftägigen Fussmarsch durch die Wüste sei es ihm gelungen, auf amerikanisches Territorium vorzudringen, doch dann habe ihn die Border Patrol geschnappt, zwei Tage festgehalten und ausgeschafft. Wird er es wieder versuchen? «Ich habe kein Geld, um einen neuen Schlepper zu bezahlen. Mir bleibt nichts anderes übrig, als nach Chiapas zurückzukehren.»

«Bullshit!»

Glenn Spencer hat sein Leben dem Kampf gegen Leute wie Antonio Pérez verschrieben. Der pensionierte Ökonom und Mathematiker, der dem Schauspieler Anthony Hopkins ähnlich sieht, lebt mit sechs deutschen Schäferhunden in der Nähe des Ortes Palominas im Süden Arizonas. Sein Haus liegt auf einem weitläufigen Grundstück, die Zufahrtsstrasse ist unasphaltiert, die Wüstenvegetation dehnt sich aus bis an den Horizont. Der 68-jährige Spencer tritt einem mit jener Mischung aus Jovialität und erfrischender Direktheit gegenüber, die vielen Amerikanern eigen ist. Seine Antworten auf Gegenargumente beginnen häufig mit einem Wortbrocken, den er aus der Tiefe heiliger Überzeugungen hervorschleudert: Bullshit! Nichts habe die Souveränität der USA jemals stärker bedroht als der mexikanische Einwandererstrom, behauptet Spencer, und so hat er mehr als eine Million Dollar investiert, um diese Bedrohung abzuwenden. Sein Arbeitszimmer ist eine technologisch hochgerüstete Überwachungszentrale mit fünf Computerbildschirmen, auf denen sich die Grenze dank ferngesteuerter Videokameras rund um die Uhr und über Dutzende von Kilometern beobachten lässt. Sichtet Spencer eine Gruppe illegaler Eindringlinge, greift er allerdings nicht selber ein – dies wäre verboten – sondern alarmiert die Grenzpolizei.

Wer seiner Organisation «American Border Patrol» beitritt (nicht zu verwechseln mit der staatlichen Border Patrol), kann sich übers Internet ebenfalls als Hobbyspäher betätigen. «Wir haben überall in den USA Mitglieder, die regelmässig vor ihren Bildschirmen sitzen. Einer überwacht die Grenze sogar aus Thailand», sagt Spencer mit unverhohlenem Stolz.

In den Ausführungen des selbsternannten Heimatschützers mischen sich Vernunft und Verblendung. Für die mexikanische Regierung sei die illegale Migration ein bequemer Weg, um Arbeitslose zu exportieren und damit den wirtschaftlichen Reformdruck im eigenen Land zu mindern. Das ist nicht von der Hand zu weisen – aber was ist mit den amerikanischen Bauunternehmern, Landwirten und Restaurantbetreibern, welche die billigen Arbeitskräfte aus dem Süden gerne beschäftigen? Mit all den Mittelstandsfamilien und ihren illegalen Putzfrauen? Die Souveränität der USA sei wichtiger als ökonomische Interessen, antwortet Spencer. «Die Regierung in Washington ist dem Globalisierungswahn verfallen, und jene in Mexico City will die Gebiete zurück, die 1848 nach dem amerikanisch-mexikanischen Krieg an die USA fielen.» Sollen Illegale medizinische Nothilfe erhalten? «Natürlich, ich bin ja kein Unmensch. Aber entlang der gesamten Grenze muss eine doppelte Mauer her.» Rund zwei Drittel der US-Bevölkerung sowie beide Präsidentschaftskandidaten sind mit dem Bau des Grenzwalls einverstanden.

Migranten als Arbeitskräfte beliebt

Bill Odle gehört nicht zu ihnen. Der pensionierte Kleinunternehmer, der wenige hundert Meter vom Grenzzaun entfernt lebt und seinen Nachbarn Spencer einen «durchgeknallten Nazi» nennt, ist alles andere als ein Linker. An seinem Truck klebt das Logo der Waffenlobby «National Rifle Association», auf dem Armaturenbrett liegt eine 9mm-Browning-Pistole. Wählen wird er im November John McCain. Aber dieser Grenzzaun sei ein Witz. In der Tat überfällt einen der Verdacht, dass das Bauwerk – zumindest in Arizona – als Beruhigungspille gegen die Anti-Immigrationsstimmung wirken soll: Es besteht aus vier Meter hohen, verrosteten Metallgittern, die mit einem Seil oder einer Leiter ohne grössere Schwierigkeiten zu überwinden sind. An einzelnen Stellen sind die Gitterteile sogar herausgefallen. «Die Regierung kann hier die verdammte Berliner oder meinetwegen die Chinesische Mauer hinstellen», sagt Odle. «Solange die Mexikaner bei uns als Arbeitskräfte gebraucht werden, kommen sie trotzdem. Aber für die Tiere ist das eine Katastrophe.»

Der Umweltwissenschaftler Matt Clark, der in Tuscon im Süden Arizonas für die Naturschutzorganisation «Defenders of Wildlife» arbeitet, gibt ihm Recht. Der Bau drohe den Lebensraum sämtlicher grösserer Tierarten entzweizuschneiden und gefährde deren Reproduktionsfähigkeit, sagt er. Dabei deutet er auf ein Foto mit einer Gruppe von Hirschen, die vor dem Gitter stehend auf die andere Seite starren.

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