Kranke Jagd nach Akte Clinton

Eine Million Dollar Belohnung bietet die Newssite True Pundit für die Krankenakte der demokratischen Präsidentschaftsbewerberin.

Das Bild, das die Diskussion befeuert hat: Hillary Clinton braucht Hilfe beim Erklimmen einer Treppe. (24.02.2016)

Das Bild, das die Diskussion befeuert hat: Hillary Clinton braucht Hilfe beim Erklimmen einer Treppe. (24.02.2016)

(Bild: Reuters Jonathan Ernst)

Robin Schwarz@RobinASchwarz

«Hillary hat Hirnschäden und ich kann es beweisen!», schreibt ein User auf Reddit. Was folgt ist eine ellenlange Auflistung von dünnen Fakten, diversen Annahmen, Behauptungen und Schlüssen. Beweise sehen anders aus. Das war vor zwei Wochen. Doch die «Hillary ist krank»-Maschinerie läuft volle Kraft voraus und scheint nicht zu stoppen.

Nun kommt gar Geld ins Spiel: Die rechtskonservative und verschwörungsnahe News-Seite «True Pundit» (wahrer Experte) setzt eine Belohnung auf die Krankenakten von Hillary Clinton aus. Und nicht wenig: eine Million Dollar. Ursprünglich setzte die Seite 20'000 Dollar aus – wurde aber ignoriert und erhöhte darauf auf 50'000 Dollar.

«Wir haben eine Gruppe von Patrioten gesammelt, die alles für die Zukunft der USA tun wollen. Sie garantieren die Belohnung persönlich», zitiert «True Pundit» ihren Herausgeber, der unter dem Pseudonym Thomas Paine (einer der US-Gründerväter) schreibt. Es stehe so viel auf dem Spiel wie seit den ersten Jahren des Landes nicht mehr. Paine muss also die Zukunft selber in die Hand nehmen – und schmückt seine Seite auch sonst mit bedeutungsschwangeren Zitaten: «Früh im Leben habe ich bemerkt, dass kein Ereignis von Zeitungen je korrekt wiedergegeben wird.»

Was Paine in der Krankenakte erwartet? «Es gibt Gerüchte, wonach Clinton an einer Fülle von Krankheiten leidet, darunter Demenz, Post-Hirnerschütterungs-Syndrom, Parkinson, Hirntumor, Hirnverletzung, Anfällen und vielen mehr», heisst es bei «True Pundit».

Trump-Kampagne greift an

Diskussionen über einen möglichen schlechten Gesundheitszustand von Hillary Clinton gibt es schon seit längerer Zeit. 2012 erlitt die damalige Aussenministerin eine Sinusthrombose – das heisst, ein Blutgerinnsel in der Hirnhaut. 2013 goss eine Clinton-Beraterin Öl ins Boulevard-Feuer, indem sie in einem E-Mail schrieb, Hillary Clinton sei «öfters verwirrt» und letzten Oktober wollte die «New York Post» aus sicherer Quelle wissen, sie habe «kindliche Schrei- und Wutanfälle», man habe ihr deshalb Beruhigungsmittel verabreichen müssen.

Kürzlich hat die Trump-Kampagne das wieder neu aufgenommen. In den letzten Wochen gingen Trumps Beliebtheitswerte auf Tauchstation, deshalb müsse man jetzt frontal angreifen, analysieren amerikanische Medien.

Kampagnensprecherin Katrina Pierson diagnostizierte Clinton in einem Interview mit MSNBC mit Dysphasie, einer Sprachstörung, die unter anderem wegen Hirnverletzungen ausgelöst wird. Damit spielte Pierson auf Clintons Blutgerinnsel an und insinuiert eine nicht vollständige Genesung mit bleibenden Schäden. Die Beraterin hat allerdings keinen medizinischen Hintergrund.

Doch damit nicht genug: Videos von Clinton machen die Runde, in denen sie scheinbar unkontrolliert lacht, hustet und ihren Kopf erratisch hin und her bewegt, was die Gesundheitszweifler als Bestätigung für Clintons angeblichen Hirnschaden ansehen. Das bringt auch Sean Hannity, ein konservativer Radio- und Fernsehmoderator, unter anderem für Fox News, zur Diskussion.

Clintons Hustenvideo auf Youtube.

In einem Interview mit zwei Medizinexperten versuchte er, diese mit Videoclips dazu zu bringen, sich kritisch über den Gesundheitszustand Clintons zu äussern. Einer der Experten, Dr. Marc Siegel, wollte sich darauf nicht einlassen, befand aber, es sei wichtig, dass Clintons Krankenakten veröffentlicht würden. Dasselbe wiederholte er später auf Twitter.

Der wirklich handfeste Beweis soll aber vor etwas mehr als einer Woche geliefert worden sein. Auf einem Bild soll einer der Secret-Service-Agenten, die Clinton begleiten, eine Diazepam-Spritze mit sich tragen. Damit soll er schnell reagieren können, falls Clinton akut erkrankt. Diazepam – ursprünglich Valium – wird zum Beispiel gegen epileptische Anfälle und ähnliche Leiden verwendet.

Das Foto des Agenten mit der angeblichen Diazepam-Spritze. (Quelle: Mike Cernovich / Twitter)

Ob es sich bei dem Gerät auf dem Foto tatsächlich um einen Diazepam-Stift handelt, ist bestenfalls umstritten. Die Internetseite Snopes, die Gerüchte und urbane Legenden auf Wahrheitsgehalt überprüft, kommt zum Schluss, dass die Beweislage ungenügend sei. Es handle sich bei der vermeintlichen Spritze wohl eher um eine Taschenlampe.

Vermeldet wurde die Vermutung ursprünglich von Mike Cernovich, einem rechtskonservativen Autor und Aktivisten, der die Kandidatur von Donald Trump unterstützt. Weiterhin wies Cernovich auf ein Foto vom Februar hin, das Clinton dabei zeigt, Mühe mit dem Treppensteigen zu bekunden. Im Moment versucht er, auf Twitter den Hashtag #HillarysHealth zu etablieren.

Ähnliches behauptet auch der einschlägig bekannte Pharma-CEO Martin Shkreli. Einer, der übrigens schon von Clinton in die Mangel genommen wurde, nachdem er den Preis eines Medikaments von 13.50 US-Dollar auf 750 Dollar erhöht hatte.

Auszug aus den anscheinend gefälschten Krankenakten von Hillary Clinton. (Quelle: Twitter / HillsMedRecords)

Vermeintliche echte Medizinakten wurden kürzlich über einen mittlerweile gelöschten Twitter-Account verbreitet. Sie bestätigten sämtliche Vermutungen der Clinton-Gegnern, wurden aber von Snopeund Factcheck.org als Fälschungen entlarvt. Die Clinton-Kampagne und die im Bericht zitierte Ärztin Dr. Lisa Bardack dementierten umgehend die Authentizität der Dokumente.

«Wir haben 4-mal mehr veröffentlicht als Trump»

Der Druck der Clinton-Gegner wird stärker und stärker – soll Hillary also ihre Krankenakte einfach offenlegen? Die Steuererklärung hat sie bereits offengelegt (und Donald Trump dafür angegriffen, seine nicht veröffentlichen zu wollen), die Transkripte ihrer «Wall-Street-Reden» sind aber immer noch unter Verschluss. Das hatte zumindest während der Vorwahlen für Wirbel gesorgt – und für mannigfaltige Angriffe durch ihren parteiinternen Konkurrenten Bernie Sanders.

Joel Benenson, Senior Strategist der Clinton-Kampagne, verneinte die Absicht, neue Dokumente an die Öffentlichkeit zu bringen. Man habe nicht vor, noch mehr Daten über Hillarys Gesundheitszustand zu veröffentlichen. Im letzten Jahr habe man bereits ausführlich die Krankengeschichte Clintons offengelegt, das sei 4-mal mehr als Donald Trump bisher getan habe. In der Tat gibt es von Donald Trump nur einen Empfehlungsbrief. «Mr. Trump wäre, das kann ich zweifelsfrei sagen, das gesundeste Individuum, das je für die Präsidentschaft gewählt wurde.»

Das offizielle Statement der Trump-Kampagne zu dessen Gesundheitszustand.

Benenson dazu: «Das klingt wie ein Brief, den Trump selber geschrieben hat.»

Dennoch: Direkt Stellung beziehen will Benenson nicht und weist sämtliche Anschuldigungen als «lächerlich und erlogen» ab.

Worum es sich bei der vermeintlichen Diazepam-Spritze handelte, kann er nicht sagen: «Es ist nicht meine Aufgabe, mit Secret-Service-Agenten zu sprechen.»

Die Medien sind sich über die Wichtigkeit der Krankenakten uneins. Und bisweilen widersprechen sie früheren Positionen. Verlangte «Salon»-Autorin Joan Walsh 2012 noch, der damalige Präsidentschaftskandidat Mitt Romney solle seine Krankenakten herausgeben, sieht sie das bei Hillary Clinton anders: «Reden wir da wirklich drüber?»

Zu alt?

In Zusammenhang mit der Krankendiskussion flammt auch immer wieder die Altersdiskussion auf: Sind Clinton und Trump zu alt, um Präsident zu werden? Tatsächlich wäre Donald Trump der älteste Präsident, der je inauguriert würde – mit 70 Jahren und 7 Monaten.

Auch Hillary Clinton würde zum alten Eisen zählen, sie würde im Falle eines Wahlsieges nur von Ronald Reagan übertrumpft werden, der bei seiner ersten Inauguration 69 Jahre und 11 Monate alt war.

Der Kontrast dazu: Barack Obama war mit 47 Jahren und 169 Tagen der fünftjüngste Präsident in der US-Geschichte.

baz.ch/Newsnet

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt