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Junge Wähler fühlen sich im Stich gelassen

Vor zwei Jahren war die Euphorie noch gross: Mit ihrem Engagement hievten vor allem junge Wähler Barack Obama ins Amt. Inzwischen fühlen sie sich in der Politik nicht mehr vertreten.

Junge Wähler haben sich von US-Präsident Barack Obama abgewendet: An einer Wahlkampfveranstaltung an der Temple University in Philadelphia versucht der Präsident die jungen Wähler zurückzugewinnen.
Junge Wähler haben sich von US-Präsident Barack Obama abgewendet: An einer Wahlkampfveranstaltung an der Temple University in Philadelphia versucht der Präsident die jungen Wähler zurückzugewinnen.
Reuters
Junge Wähler klagen, dass Sie Obama ins Amt gehievt hätten und danach vergessen gegangen seien: Obama an einer Wahlkampfveranstaltung an der Temple University in Philadelphia.
Junge Wähler klagen, dass Sie Obama ins Amt gehievt hätten und danach vergessen gegangen seien: Obama an einer Wahlkampfveranstaltung an der Temple University in Philadelphia.
Reuters
In Seattle erhält Obama ein T-Shirt von Studenten der Universität Washington und lässt sich mit den jungen Wählern fotografieren.
In Seattle erhält Obama ein T-Shirt von Studenten der Universität Washington und lässt sich mit den jungen Wählern fotografieren.
Reuters
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Vor zwei Jahren liefen junge Wähler begeistert in T-Shirts mit Obamas Gesicht durch die Gegend, Wahlveranstaltungen an Universitäten wirkten wie Rockkonzerte und allein an der Universität von Miami registrierten Freiwillige Helfer 2000 neue Wähler, schreibt die «New York Times». 2008 konnte Obama 66 Prozent der Stimmen aller 18 bis 29-Jährigen auf sich vereinen. Ausserdem sollen sich mehr junge Amerikaner unter 30 Jahren für Obamas Wahlkampf engagiert haben als jemals zuvor. Sie begeisterten unentschlossene Wähler für Obama und forderten mit Internetaktionen wie «Great Schlep» dazu auf, ältere Menschen davon zu überzeugen, ebenfalls Obama die Stimme zu geben.

Doch mit der Begeisterung der jungen Wähler ist es vorbei: Während die Treffen der College-Demokraten vor zwei Jahren noch 200 Personen angezogen haben, finden sich heute nur noch zwölf Motivierte ein. Die Registrierung neuer Wähler gehe deutlich zurück und Poster von Barack Obama, der laut «New York Times» einmal der «Michael Jordan» der Politik gewesen sei, würden jetzt von den Studenten verschmäht. Junge Amerikaner, welche sich vor zwei Jahren als Freiwillige für Obama eingesetzt hatten, seien heute deutlich weniger stark in den Wahlkampf involviert und auch selbst unschlüssig, ob sie überhaupt wählen gehen sollen.

Zwar würden verschiedene Umfragen zeigen, dass die jüngere Generation Obama nach wie vor stärker bevorzuge als die Generation ihrer Eltern oder Grosseltern. Gleichzeitig sei die jugendliche Leidenschaft, welche 2008 zu zahlreichen politischen Aktionen motiviert habe, verschwunden.

Distanz zwischen Obama und den jungen Wählern

Es sei normal, dass sich junge Leute bei den Zwischenzeitwahlen weniger stark engagieren würden, sagen Experten. Dieses Mal sei aber zusätzlich eine enorme Distanz zwischen Obama und seinen früheren jungen Unterstützern entstanden. Was seit Obamas Wahl politisch passiert sei, entspreche nicht den Erwartungen, die junge Wähler in Obama gesetzt hätten, schreibt die «New York Times».

So hätten zahlreiche junge Wähler gehofft, in Obamas politischer Agenda eine grössere Rolle zu spielen. Die jungen Wähler hätten aber nach Obamas Amtsantritt den Eindruck gehabt, ältere Menschen seien zur Priorität geworden. «Während Obamas Wahlkampf verlieh er uns Jungen das Gefühl, wichtig zu sein. Danach trat er sein Amt an und sprach nicht mehr zu uns», zitiert die «New York Times» Jessica Kirsner. Die 21-Jährige Studentin waltet als Vizepräsidentin der College-Demokraten.

Politik nicht mehr in Mode

Tatsächlich zeige ein Blick auf die E-Mails von «Organizing for America», eine Gemeinschaft, welche Wähler der Demokraten zu mobilisieren versucht, dass vor allem die Gesundheitsreform wenig auf junge Menschen ausgerichtet gewesen sei. Die E-Mails, in denen um Unterstützung geworben wurde, diktierten den jungen Unterstützern der Demokraten vor, was sie sagen sollten, statt nach Inputs zu fragen. Viele Menschen hätten danach aufgehört, die Mails überhaupt zu lesen und sich vom Präsidenten, den sie früher noch unterstützt hatten, entfremdet.

«Es ist nicht mehr in Mode, politisch aktiv zu sein», so Jessica Kirsner. Das liege aber auch daran, dass das Regieren weniger inspirierend sei als der Wahlkampf, so der ehemalige Freiwillige Alex Riehm von der George Washington Universität: «Vor einem Tisch zu sprechen, ist weniger gut als vor 100'000 Menschen.»

Der Anfang einer progressiven Politik

Andere wiederum kritisieren, dass Obama wenig unternommen habe, um auch als Präsident den jungen Wählern ins Bewusstsein zu rücken. So wurde bemängelt, dass Obama schon viel früher in der satirischen Nachrichtensendung «The Daily Show» hätte auftreten können. Ausserdem hätte er seine Wahlkampfveranstaltungen viel früher als in den letzten zwei Wochen wieder auf junge Leute fokussieren sollen. Obamas Wahl ins Weisse Haus hätte für die Demokraten der Anfang einer progressiven Politik sein können, die bei jungen Menschen anfängt, sagt Peter Levine, der Direktor des Center for Information and Research on Civic Learning and Engagement an der Tufts Universität: «Bis jetzt ist das aber nicht passiert.»

Auch Mik Moore, der Erfinder von «Great Schlep» spricht von Enttäuschung und Verzweiflung unter den Obama-Aktivisten: «Viele sind enttäuscht, dass trotz einer Mehrheit im Kongress nicht mehr getan worden ist», sagt Moore. Und was getan worden sei, gehöre vermutlich nicht zu den Dingen, die für junge Wähler wichtig sei.

Keine Zeit wegen Krisenbewältigung

Obama sei bis anhin damit beschäftigt gewesen, die Krise abzuwenden, zitiert die «New York Times» Lynda Tran, eine Sprecherin von «Organizing for America». Die jungen Wähler seien mit den Halbzeitwahlen wieder in den Vordergrund gerückt. Tatsächlich hat Obama vor allem die letzten Monate wieder mehr Universitäten besucht und die jungen Wähler noch einmal für sich zu gewinnen versucht.

Ob diese Bemühungen noch rechtzeitig kamen, ist fraglich. Im Jahr 2008 fuhren die College Demokraten 130 Studenten nach Virginia, um dort die Wähler von Obama zu überzeugen. Vergangenen Freitag soll die Truppe eine Reise zum Swing-State Pennsylvania organisiert haben: nur 68 Personen tauchten auf. «2008 waren die Menschen von Obama betört», so Maddy Joseph, ein Mitglied der Gruppe: «Inzwischen ist die Wirklichkeit eingezogen und das frustriert viele Menschen.»

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