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«Ich möchte keine Marionette sein»

Der Musiker Wyclef Jean wird voraussichtlich heute seine Kandidatur für das haitianische Präsidentenamt bekanntgeben. Seine kreolischen und französischen Sprachkenntnisse reichen dafür kaum aus.

Gibt sich bereits staatsmännisch: Wyclef Jean im Interview beim US-Fernsehsender Fox.
Gibt sich bereits staatsmännisch: Wyclef Jean im Interview beim US-Fernsehsender Fox.
Keystone

Seit Tagen sorgt die geplante Kandidatur von Wyclef Jean für das haitianische Präsidentenamt für Schlagzeilen. Allerdings weniger im politischen, als viel mehr im bunten Teil der Nachrichten, Jean ist der Welt schliesslich vor allem als Musiker bekannt. Sein Bruder Samuel Jean sagt allerdings, mit dem Versuch, Verantwortung für das vom Erdbeben verwüstete und politisch instabile Land zu übernehmen, sei es Wyclef Jean todernst.

Es wird erwartet, dass der Sänger am (heutigen) Donnerstag seine Kandidatur bekanntgibt. Seine Familie verfolge den Prozess gebannt und mit offenen Augen, sagte sein Bruder der Nachrichtenagentur AP. «Das ist nichts, was man auf die leichte Schulter nimmt. Es ist sehr, sehr ernst», sagte Samuel Jean, der jüngere Bruder Wyclefs. «Wir sind stolz auf ihn und werden ihn unterstützen wo immer wir können.»

Der Gründer der früheren Hip-Hop-Formation «Fugees» wurde in den Aussenbezirken von Port-au-Prince geboren, wuchs aber, nachdem seine Familie das Land verlassen hatte, im New Yorker Stadtteil Brooklyn auf. Jeans Alter wird mit 37 Jahren angegeben, sein 39-jähriger Bruder sagt aber, Wyclef sei vielmehr 40 Jahre alt. Die Konfusion um sein wahres Alter resultiere zum einen aus der unübersichtlichen Familiengeschichte, aber auch aus dem nicht immer ganz nachvollziehbaren Umgang haitianischer Behörden mit Personendaten.

Wahlen Ende November

Es wird erwartet, dass eine grosse Zahl von Kandidaten bei der Präsidentschaftswahl am 28. November antritt, darunter auch Jeans Onkel Raymond Joseph, der Haitis Botschafter in Washington ist. Daneben werden voraussichtlich frühere Ministerpräsidenten, Bürgermeister, aber auch der Musiker Michel «Sweet Micky» Martelly kandidieren.

Der frühere Vorsitzende der Abgeordnetenkammer, Pierre Eric Jean-Jacques, sagte der AP, Jean werde als Mitglied seiner Koalition in die Wahl gehen. Der Bruder des Sängers hingegen sagte, er könnte derzeit nicht bestätigen, von welcher Partei dieser sich Unterstützung holen werde.

Haiti kämpft noch immer mit den Folgen des Erdbebens im Januar

Schon vorab schlägt die Wahl hohe Wellen. Gegner des amtierenden Präsidenten René Préval beschuldigen diesen, bereits den Boden für einen noch unbekannten Kandidaten seiner jüngst gegründeten Einheits-Partei zu bereiten. Préval hatte zudem Forderungen von US-Senatoren und anderen ignoriert, das achtköpfige Gremium zu reformieren, das einen korrekten Ablauf der Präsidentenwahl sicherstellen soll. Bei der jüngsten und zuvor mehrfach verschobenen Parlamentswahl im vergangenen Jahr hatte es eine extrem niedrige Wahlbeteiligung gegeben. Begleitet wurde die Abstimmung von Betrugsvorwürfen und kleineren Gewaltausbrüchen.

Schon seit langem mangelt es Haiti an einer stabilen Regierung. Durch das schwere Erdbeben im Januar dieses Jahres hat sich die Lage weiter verschärft. Bei der Katastrophe kamen schätzungsweise 300'000 Menschen ums Leben, etwa 1,6 Millionen wurden obdachlos. Aufgrund der mangelnden Infrastruktur kommt der Wiederaufbau nur schleppend voran.

Umstrittene Stiftung

In diesem Klima will Wyclef Jean nun voraussichtlich seine Kandidatur für das höchste Amt im Staate bekanntgeben. Ganz überraschend ist der Schritt nicht, der Musiker engagiert sich schon seit Jahren mittels der Yéle-Haiti-Stiftung für seine Heimat. Die sammelte allein nach dem Erdbeben mehr als neun Millionen Dollar.

Allerdings ist sie nicht unumstritten: Anfang des Jahres wurde bekannt, dass sie den Musiker für Auftritte bei Wohltätigkeitsveranstaltungen bezahlt hatte. Jean räumte daraufhin Fehler ein. Zudem kaufte die Stiftung Werbezeit bei einer Fernsehfirma, an der Jean beteiligt ist. Als Konsequenz wurde eine neue Beratungsfirma angeheuert die sicherstellen soll, dass die Millionen an Spendengeldern auch wirklich für die Erdbebenopfer ausgegeben werden.

Jean will die jungen Haitianer erreichen

Jeans Bruder Samuel sieht diese Episode im Rückblick vor allem positiv: «Ich denke, er hat Führungsstärke in der Yéle-Angelegenheit bewiesen. Als er mit dem Problem konfrontiert wurde, ist er sofort offen und transparent damit umgegangen.»

Und dennoch wird der Musiker mit Schwierigkeiten zu kämpfen haben. Zwar sind viele haitianische Familien von Zuwendungen durch Verwandte im Ausland abhängig, doch betrachten sie diese Angehörigen oft als Ausländer. Dass der Sänger kreolisch mit amerikanischem Akzent spricht und die Amtssprache Französisch nur mangelhaft beherrscht, wird die Wähler immer wieder daran erinnern, dass er nur die kürzeste Zeit seines Lebens auf Haiti verbracht hat.

«Haiti braucht etwas Neues»

Der Geschäftsmann Kesner Valmacy, der selbst gerne kandidiert hätte, begrüsst Jean zwar als Wettbewerber, grosse Chancen räumt er ihm aber nicht ein. «Er ist ein sehr erfolgreicher Mann in den Vereinigten Staaten, aber Haiti ist sehr viel komplizierter.» Die 28 Jahre alte Michelle Voma hingegen fühlt sich gerade durch Jeans Aussenseiterstatus und sein Alter angesprochen. «Haiti braucht etwas Neues. Ich werde für ihn stimmen.»

Jean selbst hatte noch im vergangenen Monat zu AP gesagt, er sehe seine Rolle vor allem darin, sicherzustellen, dass junge Leute am Wiederaufbau des Landes beteiligt würden. «Ich möchte keine Marionette sein. Ich möchte in der Lage sein, mehr zu tun.»

Jonathan M. Katz/ dapd/jak

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