Flirt mit dem Strategen des Kalten Krieges

Hillary Clinton buhlt anscheinend um die Unterstützung Henry Kissingers. Der linke Flügel der Demokraten ist entsetzt.

Können gut miteinander: Ex-Aussenminister Kissinger und Clinton. Foto: Alex Brandon (Keystone)

Können gut miteinander: Ex-Aussenminister Kissinger und Clinton. Foto: Alex Brandon (Keystone)

Martin Kilian@tagesanzeiger

Progressive Demokraten, vorneweg die Fans des bei den parteiinternen Vorwahlen unterlegenen Senators Bernie Sanders, sind nicht sonderlich begeistert von der Aussicht auf eine Präsidentschaft Hillary Clintons. Unter anderem misstrauen sie den interventionistischen Instinkten der ehemaligen Aussenministerin. «Madame President» werde als Falke regieren, kaum besser als die neokonservativen Kriegstreiber der Ära George W. Bush sei sie. «Die Kandidatin, die von einem aussenpolitischen Blickwinkel am meisten George W. Bush und Dick Cheney ähnelt, ist Hillary Clinton», befand Steve Schmidt, ein republikanischer Stratege, der 2008 den Wahlkampf John McCains leitete.

Dass sich gestandene Interventionisten aus dem republikanischen Lager wie der ehemalige CIA-Direktor Michael Hayden oder neokonservative Befürworter des Kriegs im Irak wie Robert Kagan auf die Seite der demokratischen Kandidatin geschlagen haben, störte linke Demokraten schon bislang. Neue Schweissausbrüche über Clintons Aussenpolitik beschert ihnen nun ein Bericht des Magazins «Politico», wonach die Kandidatin aktiv die Unterstützung von Henry Kissinger suche, dem Voldemort amerikanischer Aussenpolitik.

Ob Vietnam oder die Bombardierung Kambodschas, ob Chile 1973, Osttimor 1975 oder der schmutzige Krieg in Argentinien 1976: Nicht wenige Demokraten betrachten den Sicherheitsberater und späteren Aussenminister Richard Nixons und Gerald Fords als skrupellosen Bösewicht, ja als «einzigartiges Monster», so der Historiker Greg Grandin im linken Wochenblatt «The Nation». Falls der Altmeister klandestiner Mauscheleien und gewalttätiger Umstürze tatsächlich von Hillary umgarnt werde, müsse sich der Sanders-Flügel von ihr absetzen, verlangt Grandin.

Lange gepflegte Freundschaft

Die Aufregung mag gross sein, neu aber ist an Hillarys Nähe zu Kissinger nichts: Bei der demokratischen Debatte im Februar in New Hampshire bekannte die Kandidatin, sie habe sich «geehrt gefühlt», als Kissinger ihre Leitung des Aussenministeriums gelobt habe. Weil sie Kissinger zuvor bereits als einen «Freund» bezeichnet hatte, schoss Sanders zurück, er sei «stolz darauf, dass Henry Kissinger nicht mein Freund ist». Clintons freundschaftliche Gefühle für den alt gewordenen Strategen des Kalten Kriegs offenbarten sich 2014 auch in der positiven Besprechung eines neuen Buchs von Kissinger. Sie pries den Nixon-Weggefährten darin und bezeichnete ihn als «überraschend idealistisch».

Die gegenseitigen Artigkeiten entspringen einer seit langem gepflegten Freundschaft zwischen den Clintons und Kissinger und dessen Frau Nancy. Bis zu seinem Tod 2014 hatte der Modeschöpfer Oscar De La Renta die beiden Paare stets zum Weihnachtsfest in seine Villa in der Dominikanischen Republik eingeladen. «Zu Weihnachten sind wir immer die gleiche Gruppe», sagte De La Renta der Modezeitschrift «Vogue». Auch in New York begegneten sich die Clintons und Kissinger auf Partys und Empfängen.

Die Aussicht, Kissinger werde von einer Präsidentin Clinton konsultiert werden, lässt beim progressiven Flügel der Partei einmal mehr Befürchtungen wach werden, die ehemalige First Lady werde sich einer Hardliner-Aussenpolitik verschreiben. Die Kandidatin lässt es kalt: Donald Trumps wirre Show treibt ihr auch jene versprengten Häuflein linker Wähler zu, die sich am Wahltag zwar die Nase zuhalten, brav aber Clinton ankreuzen werden.

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