Trump und die Madman-Strategie

Richard Nixon gab sich als «Verrückter» aus, um US-Feinde zu verwirren. Versucht der neue Präsident Ähnliches?

Nixon wollte Hanoi wissen lassen, der US-Präsident sei ausser Kontrolle: Der amtierende US-Präsident Trump erinnert an Nixons «Madman-Theorie». Foto: Jonathan Ernst (Reuters)

Nixon wollte Hanoi wissen lassen, der US-Präsident sei ausser Kontrolle: Der amtierende US-Präsident Trump erinnert an Nixons «Madman-Theorie». Foto: Jonathan Ernst (Reuters)

Martin Kilian@tagesanzeiger

Manchmal sei es für einen Staatsmann «sehr weise, Verrücktheit zu simulieren», empfahl Niccolò Machiavelli anno 1517. Hat Donald Trump den Florentiner gelesen und beherzigt? Oder entspringen Trumps fahrige Aussenpolitik des Hü und Hott, seine Sprunghaftigkeit und Unberechenbarkeit weniger strategischem Kalkül als vielmehr einer Persönlichkeitsstörung? Verdanken sie sich fehlendem Wissen über den Gang der Geschichte und der Welt?

Trumps abrupte Kehrtwendungen und seine impulsiven Verlautbarungen erzeugen jedenfalls bei amerikanischen Feinden wie Alliierten Schwindelanfälle und Desorientierung. Mal ist die Nato obsolet, dann wieder nicht. Mal ist China ein Bösewicht und Währungsmanipulator, dann ein willkommener Verbündeter gegen Nordkoreas Kim Jong-un.

Ist der US-Präsident noch bei Trost?

Und machte sich Washington seit Jimmy Carters Präsidentschaft Mitte der Siebzigerjahre global für Menschenrechte stark und ging zumindest gelegentlich auf Distanz zu Autokraten und Diktatoren, so sucht Trump ihre Nähe: Er empfindet ein Treffen mit Kim Jong-un als «Ehre» und lädt den philippinischen Lynchjustiz-Fan Rodrigo Duterte ins Weisse Haus ein. Auch weigerte er sich, Angela Merkels Hand zu schütteln, bedachte aber den ägyptischen Autokraten Abdel Fattah al-Sisi kürzlich mit einem herzlichen Handschlag.

«Kim Jong-un vs. Donald Trump». Karikatur: Martin Sutovec (Cagle.com)

Putin, Erdogan, Duterte, Sisi: Trump hat offenbar kein Problem mit ihnen. Doch es sind Figuren wie sie, die sich angesichts von Trumps Unberechenbarkeit fragen werden, ob der amerikanische Präsident noch bei Trost ist. Vielleicht steckt Methode dahinter, wie einst bei Richard Nixon, der den «Madman», den «Verrückten», geben wollte, um Nordvietnam, China und die Sowjets während des Vietnamkrieges zu verunsichern.

Weder die Sowjets noch die Nordvietnamesen fielen auf Nixons Theater herein.

Nixons Stabschef H. R.«Bob» Haldeman beschrieb das Phänomen in seinen Memoiren. «Ich nenne das die ‹Madman›-Theorie, Bob», sagte Nixon 1969 bei einem Strandspaziergang zu Haldeman. «Ich möchte, dass die Nordvietnamesen glauben, ich hätte einen Punkt erreicht, an dem ich alles machen werde, um den Krieg zu stoppen», so Nixon weiter. Man solle Hanoi wissen lassen, der US-Präsident sei völlig ausser Kontrolle – «und er hat seine Hand auf dem nuklearen Knopf».

«Atomic Bad Boys». Karikatur: Marian Kamensky (Cagle.com)

Um seine vermeintliche Verrücktheit unter Beweis zu stellen, ordnete Nixon sogar eine erhöhte Alarmstufe für das atomare Arsenal der USA an. Der Präsident habe Moskau damit signalisieren wollen, wie unberechenbar er sei, erklärte Verteidigungsminister Melvin Laird den Vorgang. Es half indes nichts: Weder die Sowjets noch die Nordvietnamesen fielen auf Nixons Theater herein.

Schwer kalkulierbare Aussenpolitik

Jetzt dürfen amerikanische Verbündete und Gegner gleichermassen rätseln, ob Trumps aussenpolitische Salti Ausdruck einer bewussten Strategie sind – oder eher die Defizite des Präsidenten widerspiegeln. Vorübergehend könnte Trump mit seiner Unberechenbarkeit sogar erreichen, was Nixon misslang: nämlich Feinde wie Kim Jong-un oder den Iran zu verunsichern und zur Zurückhaltung zu bewegen.

«Es ist ein anstrengender Job, Mr. President!»: Donald Trumps erste 100 Tage im Amt. Video: Tamedia/Reuters/AFP

Andererseits könnten amerikanische Alliierte in Versuchung geraten, ihr Heil anderswo zu suchen. Und auf Dauer würden die Gefahren einer «verrückten Präsidentschaft» die Vorteile bei weitem überwiegen. Wie immer das Wagnis der Trump-Präsidentschaft ausgehen mag: Die amerikanische Aussenpolitik ist schwerer kalkulierbar geworden.

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