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Erinnerungslücken in Buchform

Der ehemalige US-Vizepräsident Dick Cheney veröffentlicht seine Memoiren. Mit «In My Time» liefert der Republikaner kaum erhellende Einblicke. Stattdessen wärmt er längst widerlegte Fakten auf.

Bereut nichts: Dick Cheney bei einer Rede vor Journalisten. (2. Juni 2008)
Bereut nichts: Dick Cheney bei einer Rede vor Journalisten. (2. Juni 2008)

Das Buch werde «in ganz Washington Köpfe explodieren lassen», sagte Dick Cheney kurz vor der Veröffentlichung seiner Memoiren. Mehr als ein müdes Gähnen hat «In My Time: A Personal and Political Memoir» in den USA bisher aber nicht ausgelöst. Gut, da war ein kleines Scharmützel mit Ex-Aussenminister Colin Powell. Dieser kommt – was für eine Überraschung – in der Autobiografie des früheren US-Vizepräsidenten nicht gut weg und störte sich laut der «Washington Post» an Cheneys Ton.

Laut der Zeitung haben die Memoiren, welche von Cheneys Tochter Liz verfasst wurden, ausser ewig gleichen Rechtfertigungen seiner neokonservativen Ansichten und ebenso repetitiver Verurteilungen von Kritikern und politischen Gegnern kaum etwas zu bieten. Nachdem aber die Bush-Jahre bereits von Donald Rumsfeld, Colin Powell, dem Ex-CIA-Chef George Tenet und George W. selber abgehandelt wurden, müsste Cheneys Autobiografie schon bedeutende Einblicke in das vergangene Jahrzehnt bieten, um historisch wertvoll zu sein.

Viele Lücken und längst Bekanntes

So berichtet der «Spiegel», dass es sich bei den wenigen neuen Erkenntnissen lediglich um einen Bericht Cheneys über sein Drängen zur Bombardierung eines mutmasslichen Atomreaktors in Syrien handelt sowie um verschiedene Details zu seiner angeschlagenen Gesundheit. Mehr noch: Wie die «Washington Post» hervorhebt, ist die Liste von essenziellen Fragen, welche Dick Cheney auslässt, mehr als beeindruckend. Bushs Ex-Vize verliere zum Beispiel kein Wort darüber, dass Sicherheitsexperten lange vor 9/11 vor einem Al-Qaida-Angriff warnten. Des Weiteren findet auch die Tatsache, dass die Bush-Regierung in zwei Kriege zog, ohne vom Kongress oder vom Volk jemals ein Budget absegnen zu lassen, keinen Platz im 527-seitigen Buch. Schliesslich wird trotz der Aktualität auch die Tatsache, dass die konservative Regierung, welcher Cheney angehörte, einen gesunden Haushalt in ein gigantisches Defizit verwandelte, mit keinem Satz erwähnt.

Stattdessen begnügt sich Dick Cheney mit oberflächlichen Erzählungen, wenn es um Privates geht, und mit der Wiedergabe von bereits Bekanntem, wenn er auf politische Themen zu sprechen kommt. Den Darstellungen seines Werdegangs etwa, vom Jugendlichen aus einfachen Verhältnissen über den Yale-Studenten bis zum Republikaner, fehlt jeglicher Tiefgang. Beweggründe bleiben meist verborgen, Selbstanalysen sind nicht vorhanden. In seinen Erinnerungen zum Irak-Krieg wärmt er gar Fakten wieder auf, welche längst widerlegt wurden: die Verbindung zwischen Saddam Hussein und al-Qaida und der Fund von Massenvernichtungswaffen.

Verteidiger des Waterboarding

Laut der «Washington Post» wird «In My Time» vor allem von einem Satz dominiert: «Ich würde es nochmals genauso tun.» Cheneys Mantra ziehe sich konsequent durch seine Memoiren und bekräftige, dass der einstige Vizepräsident aus seinen acht Amtsjahren auch wirklich gar nichts bereut. Cheney verteidigt das Gefangenenlager Guantánamo Bay als «vorbildliche und humane Einrichtung», und er verteidigt die US-Foltermethoden bei Terrorhäftlingen als «funktional»: Diese seien notwendig gewesen, um die USA vor weiteren Attentaten zu schützen.

Umso interessanter war deshalb auch ein Fernsehauftritt, welchen Dick Cheney kurz vor der Veröffentlichung seines Buches absolvierte. Der frühere US-Vizepräsident verteidigte Waterboarding – allerdings nur, solange die umstrittene Verhörmethode nicht bei Amerikanern angewandt wird. Cheney wurde in der NBC-Show «Today» auf einen fiktiven Fall angesprochen, in dem der Iran einen mutmasslichen US-Spion dem Waterboarding unterzieht. Er antwortete: «Ich denke, wir würden dagegen protestieren mit der Begründung, dass wir Verantwortung für unsere Staatsbürger haben.»

Cheney war nach den Anschlägen vom 11. September 2001 massgeblich an der Einführung von als brutal kritisierten Verhörmethoden wie dem Waterboarding gegen Terrorverdächtige beteiligt gewesen. Auf die Frage, ob er mit zweierlei Mass messe, sagte Cheney: «Dies (die mutmasslichen Terroristen) sind keine amerikanischen Staatsbürger.»

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