Erinnerungen an Katrina

Houston erlebt mit Hurrikan Harvey Ähnliches wie New Orleans 2005, auch politisch.

Längst nicht jeder konnte evakuiert werden: Tausende versuchten vergeblich, in der überlasteten Notrufzentrale Alarm zu schlagen, Privatleute kamen mit ihren Booten zu Hilfe.

Längst nicht jeder konnte evakuiert werden: Tausende versuchten vergeblich, in der überlasteten Notrufzentrale Alarm zu schlagen, Privatleute kamen mit ihren Booten zu Hilfe.

(Bild: David J. Phillip)

Sylvester Turner muss sich bohrende Fragen gefallen lassen. Während Houston im Katastrophennotstand lebt, scheiden sich die Geister am Bürgermeister der teilweise überfluteten Stadt. Der hat sich gegen eine rechtzeitige Evakuierung entschieden, allerdings, wie er nach wie vor glaubt, aus guten Gründen.

Als sich Hurrikan Harvey der texanischen Golfküste näherte, riet Turner ausdrücklich davon ab, sich ins Auto zu setzen und das Weite zu suchen. Es mache keinen Sinn, sich auf der Strasse in noch grössere Gefahr zu begeben, während ringsum Bäume umstürzten, hatte der frühere Rechtsanwalt noch am Freitag gesagt, kurz bevor der Hurrikan das Festland erreichte. Es folgten unerwartet heftige Überschwemmungen und eilends improvisierte Rettungsaktionen, es folgte das Nervenspiel in einem Altersheim, in dem sich die ganze Dramatik bündelte.

In Dickinson, einer Satellitenstadt am Rande Houstons, sassen die Bewohner der Seniorenresidenz «La Vita Bella» auf einmal bis zu den Hüften im Wasser. Jemand fotografierte die Szene, der Schwiegersohn der Heimbetreiberin verbreitete das Bild via Twitter. «Brauchen dringend Hilfe. Bitte weiterverbreiten», schrieb Timothy McIntosh am Sonntag gegen 16 Uhr Ortszeit. 18 Eingeschlossene, die meisten Frauen, wurden aus höchster Not gerettet, während anderswo Tausende vergeblich versuchten, in der überlasteten Notrufzentrale Alarm zu schlagen. Oder aber vertröstet werden mussten, falls sie jemanden zu sprechen bekamen. Obwohl Privatleute mit Booten zu Hilfe kamen, konnte zunächst längst nicht jeder, der evakuiert werden wollte, in Sicherheit gebracht werden. Deshalb steht Sylvester Turner im Kreuzfeuer der Kritik.

«Lektion gelernt»

Houston, verteidigt sich der Bürgermeister, habe 2,3 Millionen Einwohner. Rechne man den Ballungsraum der Metropole hinzu, seien es weit über sechs Millionen. So viele Menschen gleichzeitig aufzufordern, sich auf die Strasse zu begeben, wäre falsch gewesen, sagt der Bürgermeister. «Ich denke, diese Lektion haben wir nach Rita gelernt.»

Die Erinnerung an den Wirbelsturm Rita ist ein Grund, offenbar der wichtigste, warum niemand eine Evakuierung anordnete oder auch nur empfahl. Während Rita im September 2005 auf Houston zusteuerte, riet Turners Vorgänger im Rathaus den Leuten, ihre Stadt zu verlassen. Kurz zuvor hatte Katrina in New Orleans die Dämme brechen lassen, weder die Behörden noch die Bürger Houstons wollten ein ähnliches Risiko eingehen. Über zwei Millionen Gewarnte machten sich praktisch zugleich auf den Weg, auf den Autobahnen staute sich viele Kilometer weit der Verkehr, Unfälle häuften sich, es kam zu Schlägereien, die brütende Sommerhitze führte dutzendfach zu Hitzeschlägen. «Vielen von uns steckt das noch in den Knochen», sagt Turner.

Kaum verschoben

Dass Harvey derart schwere Überflutungen verursachen konnte, liegt zum einen an der Grosswetterlage: Statt ins Landesinnere zu ziehen, bewegt sich der Sturm kaum vom Fleck. Seit Samstag liegt die Front über dem Küstengebiet, ohne sich nennenswert zu verschieben. Bevor sie abgezogen ist, werden nach Prognosen des Nationalen Wetterdiensts in einigen Vierteln Houstons 1,30 Meter Regen gefallen sein.

Andererseits sprechen Experten von einem Betonisierungseffekt, für den nun die Rechnung fällig geworden sei. Houston gehört zu den am schnellsten wachsenden Städten der USA, pro Jahr kommen etwa hunderttausend zusätzliche Bewohner hinzu. Neue Strassen werden gebaut, neue Parkplätze angelegt, die Einfamilienhaus-Monotonie typisch amerikanischer Siedlungen dringt immer weiter ins Umland vor. Wo das Wasser noch vor zwanzig Jahren versickern konnte, ist heute Beton. Fatal für eine Boomtown, die wegen der vielen Flüsse und Bayous, die sie durchziehen, ohnehin schon notorisch überschwemmungsanfällig ist.

Für den US-Präsidenten wiederum bedeutet die Naturgewalt, dass er sich im eigenen Land erstmals in der Rolle des obersten Krisenmanagers bewähren muss. Damit verbindet sich zwangsläufig die Frage, ob Harvey so etwas wie Donald Trumps Katrina wird. Das Desaster in New Orleans markierte den Punkt, von dem an es für George W. Bush, der inkompetent und anfangs fast desinteressiert wirkte, nur noch bergab ging. Unvergessen, wie überschwänglich er den unfähigen Chef der Katastrophenschutzbehörde Fema lobte, einen Juristen namens Michael Brown. «Brownie, you’re doing a heck of a job»: Kein Sturm, bei dem Spötter nicht an Bushs burschikosen, verhängnisvollen Satz erinnern.

Schon die Vorgeschichte erklärt, auf welch dünnem Eis sich Trump heute bewegt. Was ihn nicht davon abhielt, Loblieder auf Brock Long, den aktuellen Fema-Direktor, zu singen. «Sie machen einen grossartigen Job – Die Welt schaut zu!», twitterte er am Samstag. Da war das wahre Ausmass der Zerstörung allerdings nur zu erahnen.

Basler Zeitung

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