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«Vergewaltiger bekommt Haftstrafe, CD-Verkäufer wird erschossen»

Über 130 Afroamerikaner sind seit Jahresbeginn von Polizisten erschossen worden. Nach zwei Tötungen innert 48 Stunden sind die Reaktionen besonders heftig.

Weiterer Fall von Polizeigewalt in den USA: Alton Sterling wird bei der Festnahme getötet. (Video: Reuters)

Zuerst in Baton Rouge im Bundesstaat Louisiana, danach in Falcon Heights im Bundesstaat Minnesota: Innert kurzer Zeit sind zwei Afroamerikaner bei Kontrollen von Polizisten erschossen worden. Von beiden Vorfällen gibt es Videos, die in den sozialen Medien kursieren und schon mehrere Millionen Mal angeschaut wurden. Beide Fälle gelten bereits als weitere deutliche Beispiele rassistischer Polizeigewalt in den USA. Entsprechend heftig und wütend sind die Reaktionen in den Kommentarforen von Nachrichtenwebsites sowie auf Facebook und Twitter.

Beim Opfer von Baton Rouge handelt es sich um den 37-jährigen Alton Sterling, den Polizisten auf dem Parkplatz eines Lebensmittelgeschäfts gestellt hatten. Der Afroamerikaner hatte CDs verkauft. In vielen Kommentaren werden die USA als Unrechtsstaat angeprangert, in dem Menschen weisser Hautfarbe von Polizei und Justiz besser behandelt werden. «Ein weisser Vergewaltiger lebt sicherer als ein schwarzer CD-Verkäufer», heisst es in einem Tweet. Auf denselben Vergewaltiger bezieht sich ein anderer Tweet: «Der Vergewaltiger bekommt eine Haftstrafe von vier Monaten, der CD-Verkäufer wird erschossen.»

Fälle solcher Polizeigewalt hatten in den vergangenen Jahren in den USA wiederholt für Empörung und Aufruhr in der afroamerikanischen Bevölkerung gesorgt. Vor drei Jahren entstand eine Aktivistenbewegung, die sich gegen Polizeigewalt gegen Schwarze einsetzt. Ihre Parole lautet «Black lives matter» («Das Leben der Schwarzen zählt»). Auch nach den neusten Fällen haben sich die Aktivisten zu Wort gemeldet.

Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton hat sich ebenfalls zum Tod von Alton Sterling geäussert. Dessen Erschiessung bezeichnete sie als Tragödie «Etwas läuft grundlegend falsch, wenn so viele Amerikaner Grund zur Annahme haben, wegen ihrer Hautfarbe in ihrem Land nicht so wertgeschätzt zu sein wie andere», liess Clinton in einem Statement verlauten. Es brauche «Reformen des gesunden Menschenverstands». Dazu gehörten ein Ende des auf ethnischen Merkmalen basierenden Polizeivorgehens und bessere Schulungen zur Deeskalation und zum Abbau unbewusster Vorurteile von Beamten. Vom republikanischen Gegenkandidaten Donald Trump gab es bisher keine Reaktionen.

«Alton Sterling hätte nicht sterben müssen», schreibt der Menschenrechtsaktivist Samuel Sinyangwe in einem Beitrag für die britische Zeitung «Guardian». Die Polizeigewalt müsse endlich gestoppt werden. Es dürfe nicht sein, dass beinahe nie ein Polizist strafrechtlich zur Verantwortung gezogen werde. Beispielsweise brauche es eine spezielle, unabhängige Behörde, die gegen fehlbare Polizeibeamte vorgehen kann. Gemäss einer Zählung, die Sinyangwe mit anderen Aktivisten gemacht hat, sind in den USA seit Jahresbeginn 185 Afroamerikaner von Polizisten erschossen worden. Gemäss einer Zählung des «Guardian» liegt die Zahl der schwarzen Opfer bei 136.

In einem Gastkommentar für die «New York Times» schreibt Roxane Gay, Professorin an der Purdue University in West Lafayette (Bundesstaat Indiana), dass die Erschiessung von Alton Sterling wie eine Exekution aussehe. Das Handyvideo, das im Internet kursiert, «macht uns zu Zeugen dieser Tragödie, aber es wird nicht zwingend Gerechtigkeit bringen». Roxane Gay beschreibt, was in solchen Fällen passiert: Es wird die Vergangenheit des Opfers durchleuchtet, jedes Fehlverhalten des Opfers und allfällige Vorstrafen werden publik gemacht – alles mit dem Ziel, das Handeln des Polizisten, der getötet hat, zu rechtfertigen. Mit dieser Herangehensweise an den Tötungsfall wird der Polizist gleichzeitig zum Richter und Vollstrecker der Strafe. Wenn Polizisten Schwarze erschiessen, gibt es sehr selten Verurteilungen. Nach Ansicht von Gay gibt es keine Anzeichen, dass das Problem endlich angegangen wird.

Nur einen Tag nach den tödlichen Polizeischüssen auf Alton Sterling hat erneut ein Beamter einen Schwarzen erschossen. Die Tat ereignete sich in Falcon Heights im Bundesstaat Minnesota. Die Freundin des getöteten Philando Castile veröffentlichte auf Facebook ein Handyvideo, das die letzten Augenblicke im Leben des 32-Jährigen zeigt. Die Aufnahmen sorgten im Internet für Entsetzen und Wut. Aktivisten haben inzwischen eine Facebook-Seite für das Opfer eingerichtet. Dort heisst es: «Philando Castile wurde am 7. Juli 2016 von der Polizei ermordet. Wir fordern Gerechtigkeit!»

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