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Ein Mann, ein Wort

Allgemeines Staunen über Präsident Trump.

René Zeyer
Kaum im Amt. Trump setzt seine Wahlversprechen um.
Kaum im Amt. Trump setzt seine Wahlversprechen um.
Keystone

Das Justemilieu, das weiterhin die ­Meinungsherrschaft in den Leitmedien ausübt, hat sich vom Schock seines ­völligen Versagens bei der Analyse und Prognose des Ausgangs der US-Wahlen bedauerlich schnell erholt. Nach einer kurzen Phase offensichtlich geheuchelter Selbstkritik, man lebe vielleicht doch in einer realitätsfernen Blase, toben sich seine Vertreter weiterhin ungeniert aus.

Einerseits äussert sich das in der unappetitlichen Berichterstattung über einen angeblichen Sexskandal Trumps. Obwohl aus trüber Quelle gewonnen, beleg- und beweisfrei: Mit vornehm zugehaltener Nase suhlen sich auch sogenannte Qualitätsmedien in anrüchigen, feucht tropfenden Details, unter dem scheinheiligen Vorwand, hier doch der Berichterstatterpflicht nachgehen zu müssen. Wenn das Kampfwort «postfaktisch» irgendwo seine Berechtigung hat, dann hier. Als in der Schweiz vor vielen Jahren einem Bundesrat angebliche Bordell­besuche vorgeworfen wurden, führte das immerhin zum anschlies­senden Ende des kolportierenden Nachrichtenmagazins. Aber aktuell beschädigen sich Medien wie CNN, Der Spiegel über NZZ und Tages-Anzeiger mit der ­gleichen Nummer und wundern sich über einen zunehmenden Verlust an Glaubwürdigkeit.

Andererseits ist das eine Nebensächlichkeit im Vergleich mit dem ­fassungslosen Staunen über etwas offensichtlich für das Justemilieu ­Ungeheuerliches: Kaum im Amt, setzt Trump seine Wahlversprechen um. Kündigung von Freihandelsabkommen, Verstärkung der Grenzbefestigungen gegen Mexiko, Umbau der gescheiterten Fehlkonstruktion Obamacare, alles nach der Devise: «America first.»

Gleichzeitig lässt es Trump zu, dass der von ihm nominierte Verteidigungs- und der Aussenminister bezüglich bedeutender Themen wie Nato oder Klima­wandel anderer Ansicht als er sind. Und twittert für seine Verhältnisse sehr entspannt, dass er sich doch keine führenden Mitarbeiter danach aus­suche, dass sie ihm einfach nach dem Mund reden. Das Justemilieu trennt sich nicht von schlechten, alten Gewohnheiten. Dazu gehört, dass es doch üblich und business as usual sei, dass ein gewählter Politiker in dem Moment, in dem er sein Amt antritt, die meisten ­seiner Wahlversprechen vergisst.

Nach der Devise: Wissen doch alle Wähler, dass ich «yes, we can» und «change» sagen musste, sonst hätte man mich nicht gewählt. Ist es doch nichts Aussergewöhnliches, dass ein US-Präsident das in «no, I can’t» und «nothing changes» verändert. Ist doch kein Problem, dass der gleiche Präsident präventiv den Friedensnobelpreis bekommt und anschliessend per ­«Presidential Order» jede Woche eine Todesliste von Terrorismusverdächtigten abarbeitet, der in der Amtszeit ­Obamas schätzungsweise 3000 Menschen in aller Welt zum Opfer gefallen sind. Kollateralschäden inbegriffen, denn punktgenau funktionieren auch moderne Drohnenangriffe nicht. Ein Friedensnobelpreisträger als Kriegsverbrecher, na und?

Das geht alles, wenn der Präsident schwarz ist, grossartige Reden hält, menschlich sympathisch wirkt und sicherlich nur das Gute und Bessere für alle möchte. Das geht alles nicht, wenn der Präsident ein eher windiger Geschäftsmann mit der Karikatur einer Frisur und ohne jegliche politische Erfahrung ist, der simpel gestrickte Reden hält und sie mit grotesker Gestik begleitet. Zudem ist er nicht schwarz, nicht mal richtig weiss, sondern braun angemalt, was auch verräterisch ist und Indiz für die kühne Vermutung, dass es sich bei Trump um einen Faschisten handle. Indem sich die vierte Gewalt in solche Neben- und Oberflächlichkeiten verbeisst, statt ihrer eigentlichen Aufgabe nachzugehen – berichten, analysieren, einordnen –, arbeitet sie weiterhin an ihrer Abschaffung.

Erfrischender Politikstil

Ist Trumps Umgestaltung der internationalen Handelsbeziehungen sinnvoll oder schädlich? Nützen die Neuverhandlungen von Freihandels­abkommen und die Androhung von Strafzöllen der US-Wirtschaft, schaffen sie neue Arbeitsplätze in den USA, befördern sie das Wohlergehen des Mittelstands? Führen die angekündigten Steuersenkungen und Investitionen in die Infrastruktur zu Aufschwung und Ankurbelung der Konjunktur? Oder ist das alles der Weg in ein angekündigtes Desaster? Nur am Rande oder gar nicht werden diese wirklich wichtigen Fragen medial beleuchtet.

Es wird nicht einmal konzediert, dass man über Trump mit Fug und Recht vieles sagen kann, auch Kritisches, denn er ist wahrlich keine Lichtgestalt. Aber unbestreitbar sollte doch sein, dass mit ihm ein erfrischend neuer Politikstil Einzug gehalten hat. Vor und nach den Wahlen gilt neu: ein Mann, ein Wort.

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