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Ein Kennedy verloren im Untergrund des Capitols

Er trägt den Namen einer berühmten Politiker-Dynastie: Joe Kennedy III. wurde mit einem Glanzergebnis in den Kongress gewählt. Doch es braucht noch einiges, bis der 32-Jährige in die Fussstapfen seiner Vorfahren passt.

Hat wenig politische Erfahrung: Joe Kennedy III.
Hat wenig politische Erfahrung: Joe Kennedy III.
Keystone

Joe Kennedy III. ist ein politischer Neuling, doch erhielt bei der US-Kongresswahl im November auf Anhieb ein blendendes Ergebnis. Der Name der berühmten Politiker-Dynastie dürfte geholfen haben. Doch gilt Kennedy unter Kollegen als bescheiden.

Er blickt den Flur entlang nach links, geht drei Schritte nach rechts und kehrt dann doch wieder um. Joe Kennedy III. hat sich wieder einmal verlaufen - so wie viele frisch gewählte Abgeordnete im US-Repräsentantenhaus sechs Wochen nach dem Amtsantritt. Da hilft es wenig, dass seine Familie seit sechs Jahrzehnten in Washington mitmischt: Dieser Kennedy steigt im falschen Stockwerk aus dem Fahrstuhl, hat Mühe, die Toilette zu finden. Und mit dem politischen Netzwerk ist es auch noch nicht weit her.

Kennedy zurück auf dem politischen Parkett

Das sei ganz normal, wenn man irgendwo neu sei, sagt der 32-Jährige. Immerhin sei er gestern von seinem Büro durch die unterirdischen Tunnel ins Capitol gelaufen und genau dort herausgekommen, wo er es erwartet habe. «Zum ersten Mal. Ich war sehr stolz auf mich», erklärt Kennedy selbstironisch.

Bislang weitgehend unbeachtet bringt er seinen Familiennamen zurück aufs politische Parkett. Von 1947, als John F. Kennedy Abgeordneter wurde, bis zum Rückzug seines Cousins Patrick aus dem Repräsentantenhaus 2011 war die Familie praktisch ununterbrochen in Washington vertreten.

Joe Kennedy III. sitzt - wie andere Kennedys vor ihm - für Massachusetts im Kongress. Noch hat der Abgeordnete wenig politische Erfahrung und keinen Mitarbeiterstab. Der Rotschopf scheut Interviews nationaler Medien. Er stellt sich einfach als «Joe» vor. Und er zeigt kein Anspruchsdenken, wenn er über seine Karriere als Politiker spricht. «Die Leute müssen mich erst kennenlernen und mitbekommen, wofür ich stehe und was meine Wertvorstellungen sind», sagt der frühere Staatsanwalt und einstige Freiwillige des Friedenscorps. «Ich verstehe, dass das Zeit braucht.»

Dunkle Seiten eines Namens

Sein Grossonkel Ted habe sich als Senator von Massachusetts über Jahrzehnte hinweg einen Ruf als glaubwürdiger Politiker erarbeitet, der ihm den Spitznamen «der liberale Löwe» und Respekt auch unter konservativen republikanischen Senatoren einbrachte. «Das muss man sich verdienen.»

Mit dem Namen Kennedy sind allerdings auch dunkle Seiten verbunden. Patrick Kennedy schied nach einem von der Öffentlichkeit verfolgten Kampf gegen Alkohol- und Medikamentenmissbrauch aus dem Amt. Das Andenken Ted Kennedys wird überschattet von einem Autounfall 1969, bei dem eine Frau starb. Seinen Grossvater, den Senator und Robert Kennedy, und seinen Grossonkel, Präsident John F. Kennedy, die beide in den 60er Jahren ermordet wurden, lernte Joe Kennedy III. nie kennen.

«Er hat ein wenig Ehrfurcht davor, was er schon erreicht hat», sagt Stephanie Cutter, eine ranghohe Mitarbeiterin von Präsident Barack Obamas Wahlkampfteam. Das sei bei einem Abgeordneten ein guter Zug. Über seine langfristigen Ziele sagt der Demokrat wenig und konzentriert sich statt dessen darauf, die politische Spaltung des Kongresses zu überwinden und die Bürger in seinem Wahlkreis zu unterstützen. Er hoffe, dass er die Tradition seiner Familie, den Dienst für das Land, fortsetzen könne, sagt er.

Kauen an den Fingernägeln

Noch ist seine Unerfahrenheit aber deutlich zu spüren. Während er auf den Beginn seiner Rede bei der ersten Sitzung des Wissenschaftsausschusses wartet, kaut er an den Fingernägeln. Und bei der Rede verheddert sich der Harvard-Absolvent mehrmals. Dennoch besteht kein Zweifel daran, dass ihm sein Name mehr Gewicht verleiht als den meisten anderen Kongress-Neulingen.

Seine Kollegen sind sich seines Hintergrunds bewusst. «Es war für mich etwas ganz Besonderes, bei der Vereidigung eines Präsidenten neben einem Kennedy zu sitzen», sagt der Abgeordnete Eric Swalwell aus Kalifornien über die jüngste Amtseinführung Obamas. Dabei sei Joe Kennedy III. völlig bescheiden. «Er steht auf eigenen Füssen. Er wäre auch ungeachtet seines Namens im Kongress.» Kennedy sei bereit, dieselben Routinearbeiten zu übernehmen wie alle anderen auch.

Trotz seiner mangelnden Erfahrung gewann Joe Kennedy III. die Wahl im Herbst mit mehr als 60 Prozent der Stimmen. «Ich habe ihn gewählt. Ich wusste gar nicht, dass er erst 30 ist!» sagt die 48-jährige Anwältin Deb Batog. Aber sein Name werde ihm nur bis zu einem bestimmten Punkt nützen. «Er muss sich immer noch beweisen. Kann er ein eigenes Vermächtnis schaffen? Das weiss niemand.»

AP/wid

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