Ein Kandidat von gestern

Joe Biden mag ein Mann von Moral und Anstand sein – doch er gehört der alten politischen Kaste an. Für einen Neubeginn 2020 taugt er nicht.

Joe Biden ist eine Kreatur einer politischen Landschaft, die durch den Wahlsieg Donald Trumps umgestaltet worden ist. Foto: Keystone

Joe Biden ist eine Kreatur einer politischen Landschaft, die durch den Wahlsieg Donald Trumps umgestaltet worden ist. Foto: Keystone

Martin Kilian@tagesanzeiger

Beim dritten Anlauf soll es endlich klappen. Im reifen Alter von 78 Jahren zöge Joe Robinette Biden im Januar 2021 ins Weisse Haus ein, sofern er die demokratische Präsidentschaftskandidatur erlangen und Donald Trump im November 2020 besiegen könnte. Der ehemalige Vizepräsident liegt im grossen Feld der demokratischen Kandidaten bei Umfragen weit vorne, er sei derjenige, der Trump am besten schlagen könne, behaupten seine Anhänger.

Zu Bidens Gunsten wird angeführt, seine Wählbarkeit stehe ausser Frage und seine lange politische Erfahrung spreche ebenso für ihn wie seine Fähigkeit, Wähler aus der unteren Mittelklasse und der Arbeiterschicht anzuziehen. Eben jene Wähler, die Hillary Clinton besonders im oberen Mittleren Westen, also in Michigan und Wisconsin, an Trump verlor.

Der falsche Mann zur falschen Zeit

Viel aber spricht gegen diese Wahlwerbung. Joe Biden sei der «Davos Man» schlechthin und damit ein Vertreter des Ancien Régime, warnt der Kolumnist Roger Cohen in der «New York Times». Es stimmt: Joe Biden ist eine Kreatur einer politischen Landschaft, die durch den Wahlsieg Donald Trumps umgestaltet worden ist. Nicht weil er männlich ist und dazu von weisser Hautfarbe, wirkt Biden als ein Kandidat von gestern. Wie Hillary Clinton repräsentiert auch er eine im Gefolge der Grossen Rezession von 2008 diskreditierte Ära.

Sein Alter wäre gewiss kein Hindernis. Die Altersfrage in der amerikanischen Politik hat sich erledigt, seit sie der damals schon betagte Ronald Reagan 1984 bei der Debatte mit seinem jüngeren demokratischen Herausforderer Walter Mondale durch einen zündenden Witz entschärfte. Vielmehr ist es Bidens lange und nie hinterfragte Mitgliedschaft im Club der Globalisierer, die ihn zur riskanten Wette macht.

Video: Die Kandidaten der Demokraten

US-Korrespondent Alan Cassidy analysiert die wichtigsten demokratischen Bewerber für die US-Präsidentschaft.

Zumal Biden einer Illusion erliegt, wenn er glaubt, es bedürfe nur eines Zugehens auf die Republikaner, um die tiefe politische Spaltung in Washington zu überwinden. Dass er «Freunde» bei der anderen Partei hat, wie Biden oft betont, nützt ihm nichts angesichts des gegenwärtigen Zustands von Trumps Republikanischer Partei. Auch deshalb ist Joe Biden der falsche Kandidat zur falschen Zeit, um bei der Schicksalswahl 2020 zu siegen und Trump eine katastrophale zweite Amtszeit zu verwehren.

Katastrophal wären weitere vier Trump-Jahre, weil sie die Politik der Rassenressentiments mitsamt den antidemokratischen Tendenzen dieses Präsidenten zementierten. Ausserdem würden sie die Vereinigten Staaten bei fundamentalen Problemen wie Klimawandel oder sozialer Ungleichheit weiter zurückwerfen. Auf den von Donald Trump erschütterten Fundamenten der amerikanischen Republik aber kann Joe Biden nicht mehr stehen. So zu tun, als sei problemlos umkehrbar, was Trump hinterlassen wird, trägt der veränderten politischen Lage kaum Rechnung.

Die Wählerkoalition aus jungen Amerikanern, Minderheiten, Frauen und Gutausgebildeten braucht eine Figur, hinter der sie sich versammeln kann.

Der Ex-Senator aus Delaware mag ein Mann von Moral und Anstand sein, als Symbol für einen Neubeginn aber taugt er nicht. Die sich formende demokratische Wählerkoalition aus jungen Amerikanern, Minderheiten, Frauen und Gutausgebildeten – womöglich eine Nachfolgerin von Franklin Roosevelts historischer Koalition der Dreissigerjahre des 20. Jahrhunderts – braucht eine Figur, hinter der sie sich versammeln und konstituieren kann.

Das Argument, Biden sei der «wählbarste» der demokratischen Kandidaten, sticht ebenfalls nicht. Bei den Präsidentschaftswahlen 1976 bewarb sich wie auch jetzt eine grosse Schar demokratischer Kandidaten, darunter erfahrene Senatoren, an deren Wählbarkeit nicht gezweifelt wurde. Nach dem Watergate-Skandal sehnte sich die Wählerschaft jedoch nach einer politischen Runderneuerung, nach einem Hoffnungsträger, den sie in Jimmy Carter fand. Und bereits früher war es dem jungen Senator John F. Kennedy gelungen, die Wähler nach der erdrückenden Konformität der Eisenhower-Jahre von seiner Version eines nationalen Aufbruchs zu überzeugen.

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Gewiss sollten die Demokraten versuchen, die abtrünnigen Wähler von 2016 wieder einzufangen. Erfolgversprechender aber wäre es vielleicht, die demokratische Basis zu erweitern und Menschen anzuziehen, die bislang nicht oder nur gelegentlich gewählt haben.

Die soziale Spaltung der Gesellschaft, das problematische Gesundheitswesen, Umwelt- und Klimaschutz sowie eine Rückkehr zu den Normen präsidialen Anstands und präsidialer Transparenz: Das sind die Themen, die ein demokratischer Präsidentschaftskandidat 2020 besetzen muss. Vor allem aber obliegt diesem Kandidaten die Aufgabe, eine Gesellschaft ethnischer Vielfalt zu vertreten, in der weisse Amerikaner in wenigen Jahrzehnten eine Minderheit bilden werden.

Joe Biden ist dafür kaum geeignet, eine Kandidatin wie Kamala Harris, Amy Klobuchar, Elizabeth Warren oder Kirsten Gillibrand schon eher. 2020 könnte ihr Jahr werden.

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