«Die US-Regierung wird mich dämonisieren»

Für die einen ist Edward Snowden ein Held, für die anderen ein Verräter. Vor allem aber ist die Quelle der geheimen NSA-Umtriebe ein Desillusionierter.

Outete sich als Quelle der NSA-Enthüllungen: Edward Joseph Snowden. (9. Juni 2013)

Outete sich als Quelle der NSA-Enthüllungen: Edward Joseph Snowden. (9. Juni 2013)

(Bild: Keystone)

Martin Kilian@tagesanzeiger

Es muss lange in ihm gebrodelt haben, ehe er den bekannten Journalisten Glenn Greenwald kontaktierte, einen scharfen Kritiker der Aushöhlung amerikanischer Bürgerrechte durch den wuchernden Überwachungsstaat nach 9/11. Offenbar in Hongkong traf Edward Joseph Snowden den Journalisten und Anwalt – und steckte ihm die brisanteste Geheimdienstenthüllung seit Daniel Ellsbergs Aushändigung der «Pentagon Papers» an die New York Times 1971 mitten im Vietnamkrieg.

Gestern outete sich Snowden, 29, als Quelle der sensationellen Enthüllungen über die Ausspähungsaktivitäten des elektronischen Geheimdienstes National Security Agency (NSA), die seit vergangenen Donnerstag Washington wie die Welt bewegen. Er erwarte, dass die amerikanische Regierung des Präsidenten Barack Obama ihn «dämonisieren» werde, sagte Snowden in einem Interview.

Er redete sich darin um Kopf und Kragen, denn bereits am Samstag hatte die NSA das Washingtoner Justizministerium eingeschaltet. Stellen wollte der Dienst den zu diesem Zeitpunkt noch Unbekannten, der die Umtriebe der NSA im Internet, bei Facebook und Google und all den Kronjuwelen des virtuellen Zeitalters, sowie in den Computerzentralen amerikanischer Telefonkonzerne ans Tageslicht gezerrt und damit einen Schock bei den Diensten ausgelöst hatte.

Snowden unterstützte die Kriege

Sowdens Story ist die eines Desillusionierten, womit er seinem Vorbild Daniel Ellsberg gleicht. Wie Ellsberg, der den Vietnamkrieg anfänglich guthiess und als hoher Pentagon-Mitarbeiter ein Mitglied des Washingtoner Establishments war, unterstützte auch Ed Snowden die Kriege dieses Establishments. Unter dem Eindruck von 9/11 meldete er sich sogar freiwillig bei den US-Sonderkräften für den Einsatz im Irak. Wegen eines schweren Unfalls während der Ausbildung zog der junge Mann jedoch nicht in George W. Bushs Krieg. Er verlor statt dessen seine Illusionen. «Die meisten Ausbilder schienen darauf zu brennen, Araber zu töten», sagte er gestern.

Der Autodidakt, der nicht einmal die High School beendet hatte, heuerte als Computerspezialist bei der CIA an – und wurde neuerlich desillusioniert, nachdem er unter diplomatischem Cover in Genf erlebt hatte, wie CIA-Agenten Schweizer Banken ausspionieren wollten. Trotzdem verblieb er im Bereich der nationalen Sicherheit und arbeitete später im Auftrag der Washingtoner Consulting-Firma Booz Allen Hamilton in Hawaii für die NSA. Er habe dort an einem Schreibtisch vor einem Computer gesessen und hätte sogar die Emails von Barack Obama oder einem Bundesrichter oder von wem auch immer einsehen können, wenn er dazu den Auftrag erhalten hätte, behauptet Snowden.

Völliger Bullshit, kontert Barack Obamas oberster Schlapphut James Clapper, der die Dienste für den Präsidenten koordiniert und seit Samstag zwecks Schadensbegrenzung die medialen Runden in Washington macht. Snowden wiederum sagt, er wolle «niemandem Schaden zufügen». Lediglich Transparenz wolle er, damit die Bürger wüssten, welch einen Überwachungsstaat sie sich eingehandelt hätten.

Enttäuscht von Präsident Obama

Ellsberg hatte die «Pentagon Papers», die das grandiose Vietnam-Lügengebäude mehrerer US-Administrationen, von Kennedy bis zu Nixon, krachend zum Einsturz brachten, Journalisten und Kongressmitgliedern zur Einsicht gegeben, weil er völlig desillusioniert gewesen war. Wie Ed Snowden. Oder wie Bradley Manning, der tausende geheimer US-Depeschen an Wikileaks aushändigte.

Snowden sagt, er habe von der Wahl Barack Obamas 2008 Besserung erwartet. Schliesslich hatte sich Senator Obama kritisch gegenüber George W. Bushs fragwürdiger Abschöpfung von Informationen ohne gerichtliche Beschlüsse gegeben. Das war einmal. Obama, höhnt heute Bushs ehemaliger Pressesprecher Ari Fleischer, verkörpere «die vierte Amtszeit» von George W. Bush: «Drohnen, Lauschangriffe, Gitmo».

Enttäuscht vom Präsidenten packte Ed Snowden aus, eine kleine Nummer nur, der indes wie Bradley Manning Zugang zum Sanktum der Schlapphüte besass. Jetzt fragen sich die Grossmeister des Klandestinen, wie diese kleine Nummer jemals mit derart grossen Geheimnissen in Berührung kam. Und warum Aussenstehende wie Booze Allen Hamilton überhaupt im Tempel des Geheimen sitzen dürfen.

Snowdens Zivilcourage gelobt

«Ich erwarte nicht, jemals wieder nach Hause zu kommen», sagt Snowden in Hongkong. Er preist Hongkong, ein chinesisches Territorium, wegen seiner robusten Bürgerrechte. Aber Hongkong hat einen Auslieferungsvertrag mit den Vereinigten Staaten. Snowdens Beichtvater Glenn Greenwald rühmt unterdessen die Zivilcourage des Whistleblowers. «Nur einmal» sei dieser emotional geworden, nämlich als er über die Auswirkungen seiner Enthüllungen auf seine Familie gesprochen habe. Viele von ihnen arbeiteten für die Regierung.

Er habe sich «nicht verstecken wollen», begründete Edward Joseph Snowden seine Flucht an die Öffentlichkeit. Nun grüsst er überlebensgross und mit einem Schlag berühmt aus einem Hotelzimmer in Hongkong. Ein Held für die einen, ein Verräter für die anderen.

baz.ch/Newsnet

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