Die grosse Verwirrung in den Köpfen

In den USA wird die ehemalige Hippie-Band Grateful Dead zur Ikone der rechtsanarchistischen Tea-Party-Bewegung. In Deutschland avanciert der SPD-Politiker Thilo Sarrazin zum Idol der rechtsextremen NPD. Sind wir am Durchdrehen?

Grundverschienden und doch ähnlich: Musiker Jerry Garcia und Moderator Glenn Beck.

Grundverschienden und doch ähnlich: Musiker Jerry Garcia und Moderator Glenn Beck.

(Bild: Reuters)

Philipp Löpfe

Thilo Sarrazin ist Mitglied der SPD, war einst Finanzsenator (Mitglied der Exekutive) von Berlin und ist heute Bundesbanker. Es ist die typische Karriere eines Genossen, der fleissig und intelligent ist. Doch Sarrazin hat in diesen Tagen ein Buch veröffentlicht mit dem Titel «Deutschland schafft sich ab». Darin warnt er vor der Gefahr einer Muslimisierung des Landes und schreibt Sätze wie: «Nach Deutschland einzuwandern, lohnt sich auch für Unfähige und Faule, sofern ihr Heimatland nur arm genug ist.» Die Genossen der SPD sind entsetzt und wollen ihn aus der Partei ausschliessen. Die rechtsextreme NPD hingegen jubelt: Sarrazins Aussagen würden den «Geist nationaldemokratischer Überfremdungspolitik» atmen, verkünden sie begeistert.

Die USA bereiten sich auf die Kongresswahlen im November vor. Ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückt zunehmend die Tea-Party-Bewegung. Eine klassisch konservative Protestbewegung mit christlich prüden Werten und puritanischen Sitten. Wer ein Büro von Freedom Works, der Avantgarde der Tea Party, betritt, hat das Gefühl, eine Reise in die Vergangenheit angetreten zu haben. Er trifft gemäss «New York Times» auf eine Mischung von neoliberaler Ideologie und typisch linkem Aktivismus der Hippiezeit. An den Wänden hängen nicht nur Bilder von Ayn Rand, der exzentrischen Ikone der Liberalanarchisten, sondern auch von Jerry Garcia, dem verstorbenen Bandleader der Hippie-Kultgruppe Grateful Dead.

Eine Lebensgemeinschaft

Grateful Dead, das war einst weit mehr als eine Rockband. Obwohl nur zwei ihrer Alben zu Hits wurden («American Beauty» und «Workingman’s Dead»), war die Band um Jerry Garcia vor allem in den USA extrem populär. Es gab sogar sogenannte «Deadheads», Fans, die der Band zu all ihren Konzernten quer durch den Kontinent folgten. Die Grateful Dead waren eine Lebensgemeinschaft, die ihre Fans als Freunde behandelten und sie sogar aufforderten, bei den Aufnahmen dabei zu sein.

Heute gibt es anscheinend keine Grenzen im Denken mehr. Die gängigen Stereotypen werden über den Haufen geworfen. Einst waren konservative Amerikaner prüde und gläubig und Mitglied der John Birch Society, etwa so, wie das im Film «The Graduate» Mrs Robinson und ihre Familie darstellen. Die Fans der Grateful Dead ihrerseits haben gegen das Kleinbürgertum revoltiert, die Bücher von Carlos Castaneda gelesen und mit psychedelischen Drogen ihr Bewusstsein erweitert. Heute lesen die Mitglieder der Tea Party Bücher wie «Der Weg in die Knechtschaft» des erzkonservativen österreichischen Ökonomen August Friedrich von Hayek und verteilen Hundekuchen in Vorstädten. Am Wochenende ist nicht mehr eine Drogen-Party angesagt, sondern ein Auftritt von Glenn Beck, dem fanatischen Talkmaster von Fox News, der so etwas wie der Chefideologe der Tea Party geworden ist.

Ein bunter Mix

In einer globalisierten Welt hungern immer mehr Menschen nach einem neuen Gemeinschaftsgefühl. Dieses Bedürfnis wird anscheinend befriedigt, wenn man den Geist der Hippies mit anarcholiberalem Gedankengut mischt oder wenn man sozialdemokratische Werte mit Hass auf den Islam anreichert. Angesichts einer sich abzeichnenden Verschärfung der Wirtschaftskrise ist das eine sehr beängstigende Entwicklung.

baz.ch/Newsnet

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