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Der Tag, an dem Cecil getötet wurde

Angesichts der Aktualität unfassbarer Menschenjagden in Nahost erscheint vielen die Trauer um einen getöteten Löwen als realitätsfremd und infantil. Eine amerikanische Satirepublikation reagiert ätzend-böse auf den Cecil-Kult. Eine Randnotiz.

Der Aufschrei wegen Cecil ist für viele zum Davonlaufen.
Der Aufschrei wegen Cecil ist für viele zum Davonlaufen.
Keystone

Die internationale Trauer um das im fernen ­Zimbabwe getötete Löwenmännchen Cecil, eine Art Prinzessin Diana mit Reisszähnen, ist ­überwältigend. Ebenso wie der Hass auf den Täter, den amerikanischen Trophäenjäger Palmer, ein Zahnarzt mit unnatürlich weissen Zähnen. Aber nicht alle können diese Gefühlswallungen nachvollziehen. Viele finden, dass es unendlich grössere und näherliegende Tragödien gibt, und dass der Kult um den Rudelchef Cecil infantile und realitäts­verleugnende Züge verrät. Dieser Meinung sind auch die amerikanischen Macher des Duffel Blog, einer von jungen Kriegsveteranen gegründeten satirischen Internetpublikation, die sich u. a. ­militärischer Tabuthemen annimmt und mit den Mitteln der Parodie und der ­Übertreibung deren Absurdität blossstellt. Diese Haltung und ein harter, im Gefecht gestählter Humor prägen auch den aktuellen Blog-Beitrag eines gewissen «Mohammed», einem «syrischen Kriegsflüchtling».

«Ich erinnere mich genau, wo ich war, als ich es erfuhr. Es war ein gewöhnlicher Tag in meinem Dorf. Die syrische Luftwaffe warf Fassbomben auf Wohnquartiere und die Schule ab. Und als ich die Körper einiger Frauen aus den Trümmern grub, fragte mich einer der Helfer, ob ich schon gehört habe, dass Cecil, der Löwe, getötet worden sei. Ich erstarrte vor Schreck und liess das Teil zu Boden fallen, das wahrscheinlich einmal zu einem Arm gehört hatte. ‹Nicht Cecil, der Löwe›, rief ich, ‹nicht er! Gibt es denn keine Unschuld mehr in dieser Welt?› Ich schrie noch lauter, als ich kurz darauf erfuhr, dass mein Bruder schwul ist, und wir deswegen vom Islamischen Staat (IS) ­gezwungen wurden, ihn von einem Hochhaus herunterzuwerfen.

Den Rest des Tages war ich wie betäubt: Ich sah, wie mein Nachbar auf Nahrungssuche in ausgebombten Gebäuden von Scharia-Voll­streckern geköpft wurde; ich beerdigte meine an Cholera gestorbene Tochter; und ich spürte meine Wut darüber, dass reiche Amerikaner überall in der Welt hinfliegen und töten können, was immer sie wollen.

Tote Löwen, tote Zahnärzte

Meine ganze Familie – der Teil, der nicht ­vergast wurde – steht ebenfalls unter Schock. Meine Schwester ist ganz in Tränen aufgelöst von der Säure, die ihr ins Gesicht geschleudert wurde, aber ich bin sicher, dass die Tränen dem armen, majestätischen Cecil gelten.

In Zeiten wie diesen danke ich Allah, dass meine Frau im letzten Jahr verschleppt und ­versklavt wurde und ihr so die Horrornachricht vom Schicksal dieser wunderbaren und ­majestätischen Kreatur erspart worden ist.

Ich frage mich oft, was bloss mit Amerika los ist. Solche Geschichten hört man bei uns in Syrien nicht. Zum Teil, weil wir unsere Löwen schon alle getötet, und zum Teil, weil wir auch alle ­Zahnärzte getötet haben.

Angemessene Bestrafung

Am schwierigsten war es, meinem ältesten Sohn zu erklären, warum Cecil umgebracht ­worden war. Er hatte gefragt, ob Cecil Kurde oder Christ gewesen sei, und ich antwortete, weder noch, manchmal würden Menschen oder Tiere aus völlig ungerechtfertigten Gründen getötet. Ich muss jetzt aufhören. Die Shabiha (Todesschwadronen von Präsident Assad, Anm. d. Red.) haben unser Haus umstellt. Entweder wir ­schliessen uns der Armee an oder sie bringen uns um. Egal.

Nun, wenn wir sterben, dann im Wissen, dass der ungläubige Zahnarzt auf Facebook angemessen bestraft worden ist.

Hoffentlich werde ich Cecil im Himmel wieder- treffen, zusammen mit meinen Grosseltern, die im Massaker von Hama umgebracht worden sind.

Gegrüsst seist du, Cecil.»

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