Zum Hauptinhalt springen

Der missverstandene Präsident

Kein Tag ohne Trump. Er beschäftigt die Welt. Was treibt ihn an? Auskünfte seines Botschafters in Bern.

Die Kritiker überrumpelt. US-Präsident Donald Trump hat einen neuen Führungsstil in die Politik gebracht. «Er weiss genau, was er will», sagt Ed McMullen, US-Botschafter in Bern.
Die Kritiker überrumpelt. US-Präsident Donald Trump hat einen neuen Führungsstil in die Politik gebracht. «Er weiss genau, was er will», sagt Ed McMullen, US-Botschafter in Bern.
Keystone

Nach einer weiteren Woche des kalten Bürgerkriegs in Washington, nach Tagen des Wahnsinns auf beiden Seiten des politischen Spektrums, ist es jetzt vielleicht ein guter Zeitpunkt, auf ein Gespräch zurückzukommen, das ich vor einigen Wochen mit dem amerikanischen Botschafter in Bern, Ed McMullen, geführt habe. Ein guter Zeitpunkt für den richtigen Mann, denn kaum jemand lebt derzeit in unserem Land, der öfter über Donald Trump und dessen Politik, dessen Tweets, dessen Triumphe und Krämpfe Auskunft zu geben hat. Darüber hinaus verdankt McMullen seinen Posten in Bern dem Präsidenten persönlich: Seit Längerem mit ihm bekannt, hat er in den Wahlen von 2016 für ihn die Kampagne in South Carolina organisiert – und mit ihm gewonnen. Wer ist Trump? Ich suchte McMullen in seiner Residenz auf, einer stattlichen Villa, die auf jenem Plateau ruht, wo auch das Bundeshaus steht, und das einen freien Blick auf die Berner Alpen gewährt, sofern das Wetter dies erlaubt. Schöner kann man in Bern kaum residieren, und es spricht für den guten Geschmack der aufsteigenden Weltmacht, dass Amerika diese Residenz kurz nach dem Zweiten Weltkrieg erworben hat.

Noch herrschten in Bern jene heissen Tage, die zum längsten Sommer der jüngeren Schweizer Geschichte beitragen sollten, als ich den Botschafter traf, und wir nahmen auf der Terrasse der Villa Platz, wo mir die Sicht auf Eiger, Mönch und Jungfrau noch spektakulärer vorkam – spektakulärer gar als in den Büros unserer Bundesräte. War ich beim Statthalter des Imperiums zu Gast? «Die Schönheit der Schweiz ist grandios, man kann diese Schönheit kaum fassen», stellte McMullen fest, während wir die Berner Viertausender in der Ferne betrachteten. «Die Alpen sind schlicht atemberaubend. Für einen jungen Mann aus Amerika war dies ein einzigartiges Erlebnis.»

Schöne Tage in den Bergen

Schon als Knabe hatte McMullen in den 1970er-Jahren mit seinen Eltern regelmässig die Ferien in der Schweiz verbracht, man fuhr Ski, man wanderte, man liebte das Land, dessen Bewohner, so erzählte McMullen, stets freundlich, warm und offen gewesen waren, was sie in seinen Augen nach wie vor sind. Einige Jahre später lernte er die Schweiz zudem durch das Young Leaders Programm der American-Swiss Foundation kennen. Für ihn war die Schweiz deshalb kein Neuland, als Trump ihn zum Botschafter in Bern berief.

Damals, in seiner Jugend, die noch vom Kalten Krieg gezeichnet war, hatte der junge Amerikaner indessen ein Land besucht, das politisch und wirtschaftlich zu den besten Freunden seiner Heimat zählte, das sich zwar strikte neutral gab, faktisch aber und im Verborgenen als einer der nützlichsten, kleinen Verbündeten der USA fungierte. Offiziell war das den meisten Beteiligten nicht bewusst, auch McMullen merkte davon nie etwas, noch würde er das heute so beschreiben. Doch implizit schützte die Nato auch die Schweiz, während die Schweizer Armee aus Sicht der Nato-Planer als sichere Bank galt, wenn es notfalls darum gegangen wäre, den «weichen Bauch» Europas, den Süden, insbesondere Italien abzuriegeln oder zu sichern, sollten in diesem unstabilen Land je die Kommunisten an die Macht kommen und die Sowjets sich hier breitmachen.

Beginn einer wunderbaren Freundschaft

Das alles ist lange vorbei. Inzwischen ist der Kalte Krieg Geschichte, und seitdem, seit 1989, haben sich die Konflikte zwischen der Schweiz und Amerika gehäuft. Insbesondere die Amerikaner behandelten die einstigen Schweizer Freunde zusehends ruppiger und desinteressierter. Hat die winzige Schweiz für die USA, die einsame Supermacht, überhaupt noch eine Bedeutung? «Aber sicher», meinte McMullen, «heute mehr denn je» – und McMullen liess durchblicken, dass die Administration für Gespräche über ein Freihandelsabkommen mit der Schweiz bereit wäre, nicht ohne zu betonen, dass der erste Schritt aber von der Schweiz kommen müsste. Tatsächlich, so viel habe ich aus dem Bundeshaus vernommen, sind unsere Diplomaten bereits eifrig am Vorbereiten und Explorieren – und wenn jemand dies vorantreibt, dann Johann Schneider-Ammann, der abtretende Wirtschaftsminister, der als einstiger Unternehmer mit blühenden Geschäften in Amerika zu den begeisterten Promotoren dieser Idee zählen dürfte.

Für McMullen würde ein solches Abkommen in jeder Hinsicht Sinn machen: «Unsere beiden Länder sind wahre Kraftwerke, einzigartig gut aufeinander abgestimmt. Schon heute sind unsere wirtschaftlichen Beziehungen eng, ein Abkommen könnte sie vertiefen. Nie war die Zeit dafür günstiger.» Bei allem Enthusiasmus, den McMullen verströmt, so weit waren wir auch schon zur Zeit von George W. Bush, der als Republikaner ähnlich wie Trump die Schweiz wohlwollend betrachtete, als ein erzkapitalistisches, freiheitliches, also den amerikanischen Konservativen liebes und teures Land, mit dem man gerne zu einem Abkommen käme. Damals scheiterte dieses in der Schweiz am Widerstand der Bauern und der Pharmaindustrie. Auch die Banken, noch berauscht vom unwiderstehlichen Reiz des Bankgeheimnisses, blieben skeptisch, so dass die Idee versandete, zumal auch die Administration Bush anderes für dringender hielt.

Heute, so versicherte mir McMullen, scheinen die Amerikaner sich bewusst zu sein, wie diffizil gewisse Fragen für die Schweizer sind, insbesondere die Landwirtschaft. Daran, so machte McMullen den Eindruck, sollte es dieses Mal nicht scheitern. Selbstlos sind allerdings weder die Amerikaner noch die Schweizer – und bei beiden schwingen politische, wenn nicht taktische Motive mit. Für die Amerikaner wäre ein Abkommen mit der nach wie vor als solide und kapitalistisch geltenden Schweiz von einem gewissen Wert mit Blick auf die kommenden Auseinandersetzungen mit der EU, die bald anstehen, nachdem sich die USA diese Woche mit Kanada und Mexiko auf eine neue Nafta geeinigt haben. Tempo ist daher von Belang. Wenn die Schweiz mit den USA ins Geschäft kommen möchte, so glaubte ich zu spüren, dann muss sie die Gelegenheit entschlossen ergreifen.

Die Einigung mit der Nafta erfolgte in letzter Minute, und ein weiteres Mal hat Trump seine Kritiker überrumpelt. Hat er nicht als Liquidator jedes freien Handels gegolten? Und wie hat Trump ausgerechnet mit den Kanadiern den Ausgleich zustande gebracht, über die er sich noch vor Kurzem lustig gemacht hatte? Für McMullen liegen hier fundamentale Missverständnisse vor. «Trump polarisiert? Das mag zutreffen. Doch handelt es sich bei ihm um den einzigen Politiker dieser Art im Westen – oder ist nicht der gesamte Westen gespalten?», hält er mir entgegen. «Trump sticht als sehr starke Führungspersönlichkeit heraus, die genau weiss, was sie will. Ohne Frage – er hat einen neuen, robusteren Stil, Politik zu machen, eingeführt. Aber viele in Europa erkennen mittlerweile, dass er damit seine Ziele erreicht. Denken Sie an die Nato! Jahrelang haben die Amerikaner ihre Verbündeten darauf hingewiesen, dass sie zu wenig für die Rüstung leisteten, weniger auf jeden Fall, als sie selber versprochen hatten. Nichts geschah. Dann tauchte Trump auf und drohte damit, sich aus der Nato zurückzuziehen. Und siehe da: Die meisten Nato-Partner haben reagiert und sind im Begriff, ihre Rüstungsausgaben zu erhöhen.» Tatsächlich haben sogar die Deutschen diese Woche angekündigt, am grössten Manöver der Nato seit Ende des Kalten Krieges, das bald in Norwegen stattfindet, mit einer Rekordbeteiligung teilnehmen zu wollen. Die Bundeswehr schickt 10 000 Soldaten – das entspricht rund einem Viertel aller involvierten Truppen. Mit anderen Worten, selbst Angela Merkel, die Bundeskanzlerin, hat verstanden. Trump siegt.

Der New Yorker

«Trump ist ein Geschäftsmann», fuhr McMullen fort – und ich merkte, dass ich nicht der erste Schweizer war, dem er das, was den Präsidenten im Innersten antrieb, zu erläutern hatte. «Seine Erfahrungen in der Geschäftswelt, die Methoden, die er hier gelernt hat, wendet er auf die Politik an. Überdies stammt Trump aus New York. Manche Leute verstehen deshalb seinen Humor nicht, der sehr typisch für einen New Yorker ist. Sie nehmen Trump daher viel zu wörtlich und übersehen dessen Gutmütigkeit, die den New Yorker auszeichnet. Glauben Sie mir, ich weiss, wovon ich spreche, auch ich bin in New York aufgewachsen. Den New Yorker Humor zu verstehen, ich räume es ein, fällt manchmal schwer.»

Wer hier, in einem der schönsten Länder der Welt, als Botschafter arbeiten darf, muss hoch in der Gunst des Präsidenten stehen. Von Trump nach Bern geschickt zu werden, ist tatsächlich eine spezielle Auszeichnung: Es handelt sich um einen Trostpreis und eine Ehre zugleich. Zwar ist die Schweiz klein und neutral, aber wirtschaftlich allemal gewichtig genug, um die Aufmerksamkeit des Geschäftsmannes Trump auf sich zu ziehen. Ausserdem, McMullen hat es oft genug betont, erinnert das Land viele Amerikaner an glückliche Ferientage, die Alpenrepublik ist auch eine amerikanische Ikone, das Land der Berge schlechthin, das die Amerikaner, die sich so gerne in der Natur aufhalten, allein deshalb schätzen – auch wenn sie es hin und wieder mit Schweden verwechseln.

McMullen scheint sich dessen bewusst zu sein. Er brennt darauf, unsere Länder einander näherzubringen. Und angesichts der Begeisterung, mit der er davon spricht: Es dürfte ihm gelingen.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch