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Der Dunblane-Effekt

Anders als bei früheren Amokläufen ist die US-Waffenlobby heute in der Defensive. Weil die Opfer kleine Kinder waren. Grossbritannien und Australien erlebten diesen Unterschied vor 16 Jahren schon.

Dunblane-Primarschule: Eine undatierte Aufnahme zeigt die Klasse von Gwenne Mayor (l.), die zusammen mit fünfzehn ihrer Schüler am 13. März 1996 Opfer eines Amokläufers wird.
Dunblane-Primarschule: Eine undatierte Aufnahme zeigt die Klasse von Gwenne Mayor (l.), die zusammen mit fünfzehn ihrer Schüler am 13. März 1996 Opfer eines Amokläufers wird.
Keystone
Der Täter: Der 43-jährige Pfadfinderleiter Thomas Hamilton erschiesst innert weniger Minuten 15 Kinder im Alter von fünf bis sechs Jahren. Sein Waffenarsenal hatte er legal erstanden.
Der Täter: Der 43-jährige Pfadfinderleiter Thomas Hamilton erschiesst innert weniger Minuten 15 Kinder im Alter von fünf bis sechs Jahren. Sein Waffenarsenal hatte er legal erstanden.
Keystone
Kippt die Stimmung? Nach dem schrecklichen Amoklauf in Newtown, bei dem 28 Menschen ums Leben kamen, gibt es Anzeichen, dass auch in Amerika ein Umdenken möglich scheint. Eine Waffengegnerin demonstriert vor dem Weissen Haus. (18.Dezember 2012)
Kippt die Stimmung? Nach dem schrecklichen Amoklauf in Newtown, bei dem 28 Menschen ums Leben kamen, gibt es Anzeichen, dass auch in Amerika ein Umdenken möglich scheint. Eine Waffengegnerin demonstriert vor dem Weissen Haus. (18.Dezember 2012)
Keystone
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Alles wird anders, wenn Angelsachsen von «children» sprechen, nicht von «kids». Die Opfer all der anderen Amokläufe an Schulen, auf Plätzen oder in Kinos der USA waren meist Kids, Jugendliche. Und Kids könnten sich wehren, könnten kämpfen, könnten zurückschiessen, heisst es. Aber die Opfer des Massakers von Connecticut, das waren Children. Kleine Kinder.

Das trifft selbst eine gewalterprobte Gesellschaft wie die amerikanische in ihrem Innersten. Vorschulkinder, praktisch Kindergärtner. Die Gestalt gewordene Unschuld und Hilflosigkeit. Konservative Demokraten, selbst Republikaner stellen jetzt bisher eisern geltende Waffenweisheiten infrage: Ist es wirklich einerlei, dass jeder an halbautomatische Kriegsgewehre herankommt? Weil es der Wille des Menschen sei, der tötet, und nicht der kalte Stahl?

Waffenlobby in der Defensive

Barack Obama, der das Thema Waffen als Kandidat und als Präsident niemals anrührte, befürwortet plötzlich ein Verbot halbautomatischer Waffen. Zumindest im Senat zeichnet sich eine mögliche Mehrheit für eine entsprechende Gesetzesvorlage ab. Und bald ist eine Woche vergangen, und die Debatte nimmt nicht an Emotionalität ab. Nicht nur Zyniker staunen darüber.

Und die Waffenlobby ist in der Defensive. Wohl zum ersten Mal in dreissig Jahren. Vier Tage schwieg die NRA. Erst gestern Abend meldete sie sich mit einem Communiqué, in dem wenig mitschwang von ihrem üblichen selbstsicheren und harten Tonfall: «Die NRA besteht aus vier Millionen Müttern und Vätern, Söhnen und Töchtern. Und wir waren schockiert, betrübt und gebrochenen Herzens, als wir von den schrecklichen und sinnlosen Morden von Newtown erfuhren.» Aus Respekt vor den Familien und «aus Anstand» habe man sich Zeit gegeben zur Trauer, zum Gebet und zum genauen Studium der Ereignisse, fügte die Lobby an. «Die NRA bietet sinnvolle Beiträge an, um mitzuhelfen, dass so etwas nie wieder geschieht.»

Immerhin, dass die sonst eher nassforsche Organisation so viel Wert auf Beileid legt, ist erstaunlich. Worin die «sinnvollen Beiträge» bestehen, will sie erst am Freitag mitteilen. Sie wird sich allerdings kaum den Verbotsideen anschliessen. Immerhin trägt der vorletzte Eintrag auf der Webseite den Titel: «Mehr Waffen, weniger Kriminalität in Virginia.»

Erinnerungen an Dunblane und Port Arthur

Doch die NRA erlebt nun, was bereits die britischen und australischen Waffenfreunde vor ihr erlebten: Gegen die Bilder toter Kleinkinder argumentiert es sich schwer. Denn was derzeit in den USA diskutiert wird, erinnert an das Nachspiel der Massaker von Dunblane, Schottland, und Port Arthur, Australien. Beide ereigneten sich 1996, innerhalb eines Monats.

Im März damals, in Dunblane, erschoss der 43-jährige Ex-Pfadfinderleiter Thomas Hamilton in der Turnhalle einer Primarschule innert weniger Minuten 15 Kinder im Alter von fünf und sechs Jahren sowie ihre Lehrerin, die versucht hatte, ihre Schützlinge vor den Kugeln abzuschirmen. Zwei weitere Lehrerinnen, ebenso heldenhaft, wurden schwer verletzt. Hamilton hatte vier Waffen dabei. Mit einer davon erschoss er sich nach seinen Morden selber.

Hamilton, ein Kauz, der kurz davor von der Polizei befragt worden war wegen angeblich «ungebührlichen» Verhaltens gegenüber Pfadfinderbuben, war vereinsamt und unbeliebt. Der lokale Schützenclub hatte ihn als Mitglied abgelehnt, weil er ihnen zu «schmierig» vorgekommen war. Doch sein Waffenarsenal hatte er legal erstanden.

Im April, nur einen Monat später, machte sich eines Morgens der damals 28-jährige Martin Bryant auf den Weg zum Tourismuszentrum von Port Arthur im australischen Tasmanien. In einer Gewaltorgie, die sich mehr als einen halben Tag hinzog und in einer Geiselnahme endete, erschoss Bryant 35 Menschen. Vor allem Touristen in einem Café, einem Geschenkshop und einer Parkgarage. 23 wurden verwundet. Die meisten seiner Opfer waren mittleren bis höheren Alters. Aber zwei von ihnen waren nur drei respektive sechs Jahre alt. Ein Baby entging seinem Wüten nur knapp.

Bryant, der als nicht geistig behindert gilt, aber bloss einen IQ von 66 hat, soll inspiriert gewesen sein vom Amoklauf in Dunblane. Er konnte am Ende verhaftet werden und sitzt nun im Gefängnis, ohne Chance auf Entlassung.

Drastische Waffenverbote

Die Folgen beider Massaker waren drastisch. In Grossbritannien ist der Privatbesitz von Handfeuerwaffen, auch Pistolen, seit 1997 verboten. Illegaler Waffenbesitz wird mit bis zu zehn Jahren Gefängnis geahndet. In der Folge ging die Zahl der mit Feuerwaffen verübten Morde drastisch zurück. Das Verbot geniesst bis heute breite Unterstützung, allerdings hatte Grossbritannien nie eine mit den USA vergleichbare Waffenkultur. Statt, wie in den Staaten, durchschnittlich eine Feuerwaffe pro Kopf war auf der Insel vor Dunblane bloss auf jeden 300. Einwohner eine im Umlauf.

Auch Australien verschärfte seine Waffengesetze. Selbstladende Gewehre und Pistolen sowie Pump-Action-Guns wurden verboten. Zudem finanzierte die Regierung grosszügige Rückkaufaktionen und konnte damit einen Grossteil der australischen Feuerwaffen aus dem Verkehr ziehen. Die Verbote in Grossbritannien wurden von einer sozialdemokratischen Regierung verabschiedet. In Australien waren es aber die Konservativen, die sich nicht zuletzt herausgefordert sahen durch die massive Einmischung der amerikanischen NRA. Die US-Waffenlobby investierte Millionen in eine Kampagne gegen schärfere australische Waffengesetze. Es wurde zum Eigengoal.

Was ist nun diesen drei Amokläufen, in Connecticut, Dunblane und Port Arthur, gemeinsam? Die Bilder von toten Kleinkindern. Noch letzten Sommer, nach dem Massaker im Kino von Aurora, Colorado, wurde in den USA darüber gestritten, ob es geholfen hätte, wenn jeder Kinobesucher auch eine Pistole getragen hätte. Der Amokschütze wäre nicht weit gekommen, fand die Waffenlobby. Eine beliebte und erstaunlich populäre Vorstellung, auch wenn es praktisch keine Beispiele gibt für derartige Abwehraktionen.

Noch mehr Waffen?

Doch diese Noch-mehr-Waffen-Stimmen sind diesmal sehr kleinlaut. Bisher fordern bloss die Republikaner des Staats Tennessee, dass es für Lehrer und Lehrerinnen obligatorisch sein solle, eine Waffe auf sich zu tragen. Doch für die Mehrheit der Amerikaner klingt das nach Wahnsinn. Der Gouverneur von Michigan, ein konservativer Republikaner, legte gegen ein Gesetz, das Waffen in Schulen oder Kirchen erlaubt hätte, das Veto ein. Der Entscheid ist kein Zufall.

Doch auch wenn der Dunblane-Effekt nun auch die USA erfassen sollte, gibt es formidable Hindernisse. Nicht zuletzt das Repräsentantenhaus, das fest in den Händen der konservativsten Republikaner ist. Und manche Amerikaner flüchten sich selbst angesichts von toten Vorschulkindern wieder in die Vorstellung, dass auch todesmutige Kinder einen mit einem Maschinengewehr bewaffneten Angreifer stoppen könnten, «wenn sich acht bis zwölf Körper auf ihn stürzen», wie eine Autorin von «Newsweek» schrieb.

Es hängt nun alles davon ab, wie schnell die Amerikaner die Bilder von erschossenen 6-Jährigen vergessen. Und sich ihren Heldenträumen hingeben.

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