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Das bessere Amerika

China wirbt in Berlin für Freihandel und Klimaschutz – eine Message an Donald Trump.

Über Trump reden, ohne Trump zu sagen. Li Keqiang und Angela Merkel bei der Pressekonferenz in Berlin. Foto Keystone
Über Trump reden, ohne Trump zu sagen. Li Keqiang und Angela Merkel bei der Pressekonferenz in Berlin. Foto Keystone

Alles wäre gut gewesen, wenn Li Keqiang, der chinesische Ministerpräsident, nur nicht so viel geredet hätte. Der ­Chinese war zwei Tage zu Gast in Berlin, gestern gab er mit Bundeskanzlerin Angela Merkel eine Pressekonferenz im Kanzleramt. Li, ein Mann mit kontrollierter Mimik und strenger Brille, war euphorisch: Die Sonne scheine, und sie werde auch morgen und übermorgen noch scheinen.

Insgesamt könne er sagen: «Wir blicken voller Optimismus auf die Welt.» Merkel kniff die Augen zusammen, guckte von Zeit zu Zeit auf die Uhr und immer wieder verwundert von der Seite her zu ihrem Gast. Nicht, dass sie mit Li nicht einverstanden gewesen wäre, aber musste das alles so lange dauern?

Li hatte eine Menge guter Nachrichten zu verkünden und war von der Einsicht geleitet: Besser etwas zu repetieren als zu vergessen. Über zehn Verträge zwischen deutschen und chinesischen Unternehmen wurden alleine vor den Augen der Journalisten unterzeichnet. Draussen habe es noch mehr Vereinbarungen gegeben, sagte Li. «Das war sehr, sehr ergiebig.»

Zwei Musterknaben

China ist Deutschlands grösster Handelspartner weltweit, sagte Li. Beide Länder seien auf der Seite des Utilitarismus. «Wir leben in einer zunehmend unberechenbareren Welt, aber wir haben stabile und reife Beziehungen», sagte Li. Das Verhältnis von China und Deutschland präsentierte er als das zweier Musterknaben. Wobei Li Deutschland den Vorrang gab. China sei immer noch ein Entwicklungsland, betonte er mehrmals. Diese Bemerkung schien Bescheidenheit signalisieren zu wollen und auch eine gewisse weltpolitische Harmlosigkeit.

Auch Merkel redete von «sehr beeindruckenden Zahlen». Das bilaterale Handelsvolumen zwischen China und Deutschland betrage 170 Milliarden Euro. Zusammen setzte man auf offene Märkte und einen regelbasierten Welthandel. Wenn Merkel sprach, hörte Li zu, mit schläfrigen Augen, den Mund leicht geöffnet, aber scheinbar ­konzentriert.

Keiner der beiden sagte auch nur einmal «Donald Trump», und doch schienen sie permanent über ihn und zu ihm zu reden. Am Tag, an dem der US-Präsident seine Haltung zum Pariser Klimaschutzabkommen bekannt geben wollte, sagt Li, er wolle das Klima­abkommen vorantreiben. China wolle «ein grünes, nachhaltiges Wachstum». Trump wetterte in seinem Wahlkampf gegen den Freihandel. Li sagte in Berlin: «Die Zeit ist reif für Diskussionen um ein Freihandelsabkommen.»

Freude über deutsche Produkte

Der Ministerpräsident des formal-kommunistischen Landes warb geradezu penetrant für Freihandel und Klimaschutz. Li versuchte in jedem Satz China als verlässlicheren Partner als die USA zu profilieren. Für alle, die die Message bis dahin nicht verstanden hatten, wurde Li deutlicher: «Deutschland erzielt grosse Handelsüberschüsse, wir sind damit aber nicht unzufrieden.»

Im Gegenteil, sagte Li, «China freut sich über eine grosse Auswahl hochwertiger deutscher Produkte». Es war eine Bemerkung, die man nur unter der Folie von Trumps Kritik an der deutschen Wirtschaft lesen konnte. Der US-Präsident hatte Deutschland wegen seines Handelsüberschusses wiederholt attackiert. So beklagt er sich etwa darüber, dass in Deutschland nicht ebenso viele Chevrolets herumfahren wie Mercedes in den USA.

Was der chinesische Ministerpräsident sagte, passt in Merkels Kalkül. Ähnlich wie Li hatte sie bei ihrer Münchner Bierzeltrede über Trump geredet, ohne ihn zu nennen: «Die Zeiten, in denen wir uns auf andere völlig verlassen konnten, die sind ein Stück vorbei», sagte sie. Lis Auftritt in Berlin sorgt dafür, dass der Druck auf Trump in Sachen Freihandel und Klimaschutz hoch bleibt. Das dient Deutschland, auch wenn Merkel genau weiss, dass Chinas Markt nicht annähernd so liberal ist, wie Li vorgibt.

Wie technisch mühsam der bilaterale Prozess zwischen China und Deutschland ist, wurde an der Pressekonferenz vorgeführt: Eine Frage wird gestellt. Dann wird sie auf deutsch oder chinesisch übersetzt. Es folgt eine Antwort, und diese Antwort wird wieder übersetzt. All dies geschah nicht synchron, sondern diachron, nacheinander. Die Folge war, dass alles doppelt so lange dauerte. Li gab manchmal dreiteilige Antworten, oft eingeleitet mit dem provokativen Hinweis: «kurze Ergänzung». Für Merkel war die Pressekonferenz eine zen-buddhistische Übung. Li steckte die Wartezeit souveräner weg. Im Kommunismus lernt man warten.

Kurz vor Schluss hatte Li noch eine kurze Ergänzung. «Wir machen immer gegenseitig Kompromisse», sagte er und meinte Deutschland und China. Nun wurde selbst Merkel die Eintracht zu viel. «Ja, leider», sagte sie. «Wir würden uns über einseitige Kompromisse freuen.» Li lächelte ein bisschen gequält.

Am Ende der Pressekonferenz griff Li aber zu seiner Armbanduhr, die auf dem Rednerpult lag, und grinste breit. Er hatte viel geredet und alles gesagt, Trump nie erwähnt, und immer gemeint. Er blieb bescheiden und unüberhörbar. Sein Text war: China ist das bessere Amerika.

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