Tante Hillarys einzigartige Position in ihrer Partei

Die meisten demokratischen Bewerber fürs Weisse Haus wollen von Clintons Erfahrung profitieren. Drei Schwergewichte verzichten aber darauf.

Wen Hillary Clinton am liebsten als Kandidat oder Kandidatin sähe, ist noch nicht bekannt.

Wen Hillary Clinton am liebsten als Kandidat oder Kandidatin sähe, ist noch nicht bekannt.

(Bild: Keystone)

Christof Münger@ChristofMuenger

Amy Klobuchar, demokratische Senatorin aus Minnesota, will amerikanische Präsidentin werden. Und sie hat auch schon mitgeteilt, wo sie ihre Kampagne eröffnen werde: in Wisconsin. «Weil es dort 2016 nicht viel Wahlkampf gab», sagte sie. «Mit mir wird sich das ändern.»

Das war offensichtlich ein Seitenhieb gegen Hillary Clinton. Denn die demokratische Präsidentschaftskandidatin hatte 2016 diesen wichtigen Bundesstaat im amerikanischen Rostgürtel, traditionell Territorium der Demokraten, überraschend gegen Donald Trump verloren. Danach wurde Kritik laut, weil Clinton dort kaum Wahlkampf gemacht hatte.

Klobuchars spitze Bemerkung kam für Clinton aus dem Nichts. Denn angeblich nur Tage zuvor waren die beiden Politikerinnen in Clintons Haus in Washington zusammengesessen, um Klobuchars Wahlkampf zu besprechen, wie die «New York Times» berichtete.

Die Senatorin aus Minnesota war nur die letzte einer Reihe demokratischer Bewerber und Bewerberinnen für den Job im Weissen Haus, die bei Clinton Rat holten. Selbst Joe Biden, seit 40 Jahren in der Politik, ist bei ihr aufgetaucht. Barack Obamas einstiger Vize soll derzeit eine Kandidatur ernsthaft erwägen.

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Je nach Sichtweise ist Hillary die grosse Dame oder die alte Tante der demokratischen Partei. Unbestritten ist, dass niemand sonst im amerikanischen Politikbetrieb über so viel Erfahrung verfügt. Nach acht Jahren als First Lady, acht Jahren als Senatorin des Bundesstaates New York, vier Jahren als Aussenministerin und fünf Monaten als erste Präsidentschaftskandidatin der Demokraten hat sie eine einzigartige Position innerhalb der Partei.

Auch wenn sie selbst nicht noch einmal antritt, die demütigende Niederlage von 2016 überschattet die Wahlen von 2020. Clinton weiss deshalb aber auch viel über Trump und was für ein harter und unangenehmer Gegner er ist.

Mentorin, Kollegin, Anhängerin oder Rivalin

Gleichzeitig kennt sie die Stärken und Schwächen der inzwischen 14 demokratischen Kandidaten. In den vergangenen 25 Jahren war Hillary Clinton irgendwann deren Mentorin, Kollegin, Anhängerin oder Rivalin. Und sie prüfte mindestens fünf der aktuellen Bewerber als mögliche Vizekandidaten bei ihrer Kandidatur 2016.

Für Cory Booker, Senator aus New Jersey, soll damals – etwas verfrüht – bereits Werbematerial gedruckt worden sein, wie die «New York Times» weiter berichtet. Dazu kommt, dass Clinton immer noch über viele loyale und zum Teil einflussreiche Anhängerinnen verfügt. Kein Kandidat möchte in einer Präsidentschaftswahl auf diese Stimmen verzichten.

Neben Biden, Booker und Klobuchar sprach Clinton auch mit Kamala Harris, der Senatorin aus Kalifornien, Elizabeth Warren, Senatorin aus Massachusetts, und John Hickenlooper, dem ehemaligen Gouverneur von Colorado. Auch der eine Generation jüngere Julian Castro, unter Obama Wohnungsbauminister, holte sich Clintons Rat. Um einen Termin bemüht sich angeblich Steve Bullock. Dem Gouverneur von Montana werden seit Jahren präsidiale Ambitionen nachgesagt.

Nachwehen der Affäre Lewinsky

Kein Interesse an einem Treffen hat dagegen Senator Bernie Sanders aus Vermont, der nochmals antritt. Seit der harten Auseinandersetzung in den Vorwahlen 2016 habe er nicht mehr mit Clinton gesprochen, das Verhältnis sei zerrüttet, heisst es. Und auch der als politischer Jungstar gefeierte Beto O’Rourke aus Texas hat bisher bei Clinton nicht angeklopft.

Bemerkenswerter ist, dass Senatorin Kirsten Gillibrand aus New York nicht um eine Audienz gebeten hat. Dem Ehepaar Clinton einst freundschaftlich verbunden, hat sich die Beziehung abgekühlt, nachdem Gillibrand öffentlich sagte, Präsident Bill Clinton hätte nach seiner Affäre mit Monica Lewinsky zurücktreten sollen.

Wen Hillary Clinton am liebsten als Kandidat oder Kandidatin sähe, ist nicht bekannt. Offenbar will sie sich während der Vorwahlen, die Anfang 2020 beginnen, nicht festlegen, dem einmal nominierten Kandidaten dann aber beistehen.

Die Veteranin bleibt für ihre Partei unverzichtbar.

Amy Klobuchar hat nach ihrer Bemerkung zum geplanten Auftritt in Wisconsin realisiert, dass sie irgendwann auf Hillary Clintons Unterstützung angewiesen sein könnte. Um den Schaden zu begrenzen, schrieb sie ihrer Parteikollegin kurz darauf eine E-Mail und entschuldigte sich auch am Telefon.

Selbst wenn sie inzwischen am Rand der politischen Bühne steht, Veteranin Hillary Clinton bleibt für ihre Partei bis auf weiteres unverzichtbar. Vor allem, wenn es darum geht, Donald Trump 2020 zu schlagen.

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