«Was Raúl Castro macht, wollte Fidel nie»

Kuba will in einer Sonderwirtschaftszone den Kapitalismus erproben, um die Wirtschaft zu beleben. Korrespondent Oscar Alba über das grösste Infrastrukturprojekt Kubas seit der Revolution 1959.

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Vincenzo Capodici@V_Capodici

Kuba baut westlich von Havanna einen Megahafen mit Sonderwirtschaftszone. Wie viel Verzweiflung des Castro-Regimes steckt hinter diesem Projekt? Verzweiflung mag vielleicht eine gewisse Rolle spielen. Es ist aber vor allem die Erkenntnis von Präsident Raúl Castro, dass seine bisherigen Reformen nicht genügen, um die kubanische Wirtschaft in Schwung zu bringen. Deshalb setzt Kuba nun derart stark auf diese neue Sonderwirtschaftszone. Da hat Castros Regierung lokal begrenzt andere Gesetze und Regeln erlassen, die ausländische Investoren unter anderem mit Steuerprivilegien anlocken sollen. Ausländische Unternehmen sollen Kapital bringen und Arbeitsplätze schaffen – das ist das, was Kuba dringend benötigt. Solche Sonderwirtschaftszonen haben andere Länder, insbesondere China, schon mit Erfolg erprobt.

Vor der heutigen Einweihung des ersten Containerterminals des neuen Hafens haben Sie Mariel besucht. Was ist Ihr Eindruck? Es ist eine hochmoderne Baustelle, wie es sie nirgends gibt in Kuba. Es ist ein Ort, wo rund 4000 Arbeiter im 24-Stunden-Betrieb rackern. In die Stadt Mariel zu kommen, ist kein Problem. Der Zugang zur Grossbaustelle wird hingegen streng kontrolliert.

Wie stehen die Chancen, dass das grösste Infrastrukturprojekt Kubas seit der Revolution 1959 ein Erfolg wird? Zunächst wird der neue Hafen gebaut. Das knapp eine Milliarde Dollar teure Vorhaben wird grösstenteils durch Kredite aus Brasilien finanziert. Ob die Sonderwirtschaftszone ein Erfolg wird, hängt davon ab, wie viele Freiheiten die Unternehmen erhalten werden und wie sehr sich die kubanische Staatsbürokratie zurückhalten kann. Es gibt offenbar bereits Interessenten aus Brasilien, Chile, Argentinien, Venezuela, Mexiko und China. Auch deutsche Unternehmen scheinen sich für den Standort Mariel zu interessieren. Die Zone mit dem neuen Handelshafen liegt wirtschaftsstrategisch sehr gut, nahe beim Panamakanal und den USA.

Wichtig für Kuba wären auch US-Unternehmen. Es gibt aber immer noch das Embargo. Wie schwer wiegt dies für die Sonderwirtschaftszone in Mariel? Das US-Embargo ist zwar schon ziemlich löchrig geworden. Aber es stellt tatsächlich ein Hemmnis dar, weil Schiffe, die in Kuba anlegen, erst sechs Monate später wieder einen US-Hafen anlaufen dürfen. Zwischen den beiden Ländern findet seit längerer Zeit eine Annäherung statt. Mit Präsident Barack Obama haben die USA einen Präsidenten, der sehr offen ist für einen Dialog. Das ist auch Castro, aus wirtschaftlichen Gründen. Lockerungen des Embargos kann Obama teilweise in Eigenregie, ohne den Kongress, veranlassen. Schliesslich haben US-Unternehmen auch ein Interesse, mit und in Kuba Geschäfte zu machen. Sie wollen diese nicht einfach nur der Konkurrenz überlassen.

Wie wird das Mariel-Projekt in der kubanischen Öffentlichkeit diskutiert? Gibt es auch Kritik? Die Staatsmedien stellen es kritiklos als das grosse Projekt dar, das Kuba wirtschaftlichen Segen bringen wird. Inoffiziell gibt es aber auch kritische Stimmen. Etwa, dass es eine Sonderwirtschaftszone sei, die primär für ausländische Geldgeber und Unternehmen reserviert sei. Befürchtet wird auch, dass diese Firmen und der Staat sich auf Kosten der Kubaner und Kubanerinnen bereichern, die dort wohl zu Tieflöhnen arbeiten werden.

Mit der Einrichtung der Sonderwirtschaftszone begeht Raúl Castro quasi einen Verrat an den Idealen der kubanischen Revolution. Was sagt sein Bruder Fidel dazu? Fidel Castro hat sich nie offiziell dazu geäussert. Aber es ist klar: Was Raúl Castro macht, wollte Fidel nie in seiner Regierungszeit. Mitte der 1990er-Jahre liess Fidel eher widerwillig drei streng kontrollierte Freihandelszonen zu – ohne grossen Erfolg. Unter Raúl Castro öffnet sich Kuba. Er gewährt mehr wirtschaftliche Freiheiten, möchte ausländisches Geld und internationale Unternehmen ins Land holen. Zudem baut er die Wirtschaftsbeziehungen mit zahlreichen Ländern aus – natürlich aus der Not heraus. Kuba hat kein Geld, um selbst in grossem Stil in die Wirtschaft zu investieren.

Wie geht es eigentlich Fidel Castro? Er ist Anfang Januar überraschend an der Eröffnung eines Kunstraums in Havanna aufgetreten. Er wirkt sehr alt, ist dünn und gebrechlich. Fidel Castro ist zwar noch da, hat offensichtlich aber keinen Einfluss mehr auf die Politik seines Bruders.

Lesen Sie in der morgigen Ausgabe des «Tages-Anzeigers» einen Bericht von Oscar Alba aus Mariel, wo die Sonderwirtschaftszone Kubas entsteht.

baz.ch/Newsnet

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