Warum der Kalte Krieg im Weltall zurück ist

Der Wettlauf zum Mond war ein Wettstreit zwischen den USA und der Sowjetunion. Heuer wächst das Interesse an der bemannten Raumfahrt wieder.

Niederlage wettgemacht: Apollo-11-Astronaut Edwin «Buzz» Aldrin setzt seine Fuss auf den Mond. (Keystone/Nasa Handout/20. Juli 1969)

Niederlage wettgemacht: Apollo-11-Astronaut Edwin «Buzz» Aldrin setzt seine Fuss auf den Mond. (Keystone/Nasa Handout/20. Juli 1969)

Paul-Anton Krüger@pkr77

Der Countdown stand bei T -56 Minuten, als die indische Raumfahrtbehörde einen technischen Defekt in der 640 Tonnen schweren Trägerrakete feststellte. So musste die Mondmission Chandrayaan-2 am Sonntag abgebrochen werden – wenige Tage, bevor sich am 20. Juli die Mondlandung der Apollo 11 mit Neil Armstrong und Edwin «Buzz» Aldrin an Bord der Landefähre Eagle zum 50. Mal jährt. Noch heute fasziniert die Reise zum Mond, die technische Leistung verspricht internationales Prestige. Nur die Sowjetunion und China haben nach den USA weitere Mondlandungen vollzogen, unbemannt allerdings und in bescheidenerem Massstab. Nun strebt auch Indien danach.

Die amerikanischen Astronauten waren am 16. Juli 1969 mit einer Saturn-V-Trägerrakete vom Kennedy Space Center auf Merritt Island in Florida gestartet und landeten am 20. Juli im Mare Tranquillitatis, einer der Tiefebenen, die dem Mond sein Aussehen verleihen. Sie machten im Rennen der Supermächte um das Weltall eine Serie von Niederlagen gegen die Sowjetunion wett, als um 21.35 Uhr Ortszeit in Houston/Texas Armstrong als erster Mensch den Mond betrat, live im Fernsehen übertragen und von Hunderten Millionen Menschen verfolgt. «Es ist ein kleiner Schritt für einen Menschen», sagte er per Funk, nachdem er sich von der untersten Sprosse der Leiter der Eagle auf die Mondoberfläche heruntergelassen hatte – «aber ein gewaltiger Sprung für die Menschheit!»

Die Crew der Apollo 11: Michael Collins, Neil Armstrong und Edwin Aldrin (v.l.). (Bild: Nasa/Reuters/19. Juni 1969)

Armstrong und Aldrin pflanzten das Sternenbanner auf, als «symbolische Geste des nationalen Stolzes auf das Erreichte», wie der Kongress im entsprechenden Gesetz festhielt. Es stellte zugleich klar, dass die USA damit keine territorialen Ansprüche verbinden – abgelehnt wurde jedoch die in der Nasa erwogene Alternative, ein Flagge der Vereinten Nationen zu hinterlassen. Denn der Wettstreit der zivilen Raumfahrt war auch einer um Ansehen und militärische Übermacht – in dem die Sowjetunion lange vorne gelegen hatte. In beiden Staaten wurde der friedliche Charakter der Raumfahrtprogramme betont, organisatorisch, personell und technologisch waren sie jedoch eng mit der militärischen Raketenentwicklung verknüpft.

1961 schicken die Sowjets Gagarin als ersten Menschen ins All

Im Oktober 1957 schoss die Sowjetunion vom Weltraumbahnhof Baikonur Sputnik 1 ins All, den ersten künstlichen Satelliten, und setzte die USA damit unter Schock. Denn damit verfügte die Sowjetunion auch über die Technologie für Interkontinentalraketen, neben Langstreckenbombern ein weiteres, bald das bestimmende Trägersystem, um einen Atomsprengkopf auf das Territorium der USA feuern zu können. Am 12. April 1961 umrundete der Kosmonaut Juri Gagarin, Oberst der sowjetischen Luftstreitkräfte, in seinem Raumschiff Wostok 1 die Erde. Er war somit der erste Mensch im Weltraum, die USA sollten mit ihrem ersten bemannten Raumflug erst zehn Monate später folgen.

Erster Mensch im Weltall: Juri Gagarin. (Keystone/AP)

Wenige Tage nach Gagarins Raumflug verkündete Präsident John F. Kennedy im Kongress weit ambitioniertere Pläne: Bis zum Ende des Jahrzehnts würden es die USA unternehmen, einen Menschen auf den Mond und wieder sicher zurück zur Erde zu bringen. Er hatte sich dafür entschieden, nachdem es nicht als sicher erschien, dass die USA bei anderen zur Wahl stehenden Missionen der UdSSR zuvorkommen würden, etwa einen Menschen in den Mond-Orbit zu bringen oder eine bemannte Raumstation zu entwickeln. 1965 absolvierte Alexeij Leonow den ersten Weltraumspaziergang, 1966 landete die sowjetische Sonde Luna 9 auf dem Mond.

Beraten liess sich Kennedy von Vize-Präsident Lyndon B. Johnson und dem aus Deutschland stammenden Raketen-Ingenieur und Raumfahrt-Enthusiasten Wernher von Braun. Er hatte für die Nazis die V-2-Raketen mitentwickelt, die im Zweiten Weltkrieg London und Antwerpen terrorisierten. Zusammen mit Hunderten anderen deutschen Wissenschaftlern war er nach Kriegsende im Zuge der Operation Paperclip in die USA gebracht worden und arbeitete von 1959 an bei der Nasa an der Entwicklung der Saturn-Trägerraketen.

Der neue Konkurrent der USA im Weltraum heisst China

Doch das Apollo-Programm, für das sie bestimmt waren, erwies sich als technisch enorm anspruchsvoll und teuer. Nach heutigem Gegenwert verschlang es von 1961 bis 1973 mehr als 150 Milliarden Dollar. In einer Rede im Mai 1963 appellierte Kennedy in Houston an den Pioniergeist der Amerikaner: «Wir haben den Mond als Ziel gewählt, nicht weil es leicht zu erreichen ist, sondern gerade weil es schwierig ist», sagte er und stellte «die grösste und komplexeste Erkundung in der Geschichte der Menschheit» als unverzichtbar dar, wenn die USA ihre Führungsrolle gegenüber der Sowjetunion zurückgewinnen wollten.

Davon, dass die Sowjetunion den Wettlauf ins All gewonnen hatte, sprach bald kaum noch jemand – nur davon, dass die USA das Rennen zum Mond gewonnen hatten. Moskau schraubte seine Pläne bald zurück, schickte nie einen Kosmonauten auf den Mond. Alle zwölf Menschen, die dort landeten, waren Amerikaner, die im Zuge von Apollo-Missionen unterwegs waren. China startete sein Mondprogramm erst 1991, es befindet sich in der Phase der unbemannten Erkundung. Vergangenes Jahr wurde erfolgreich der Rover Yutu 2 ausgesetzt, die erste Landung auf der erdabgewandten Seite des Mondes.

In den USA wächst unter Präsident Donald Trump wieder das Interesse an der bemannten Raumfahrt. Im März rief Vizepräsident Mike Pence bei einer Rede in Cape Canaveral dazu auf, binnen fünf Jahren wieder US-Astronauten zum Mond zu bringen – zum Südpol, und damit den Chinesen zuvorzukommen, dem neuen strategischen Wettbewerber der USA. Dazu müssten «alle erforderlichen Mittel» bereitgestellt werden, sagte er als Vorsitzender des Nationalen Weltraumrates.

Der Wettlauf zum Mars hat längst begonnen

Wenn die Nasa dazu nicht in der Lage sei, müsse die Organisation verändert werden, nicht die Mission. So könnten private Trägerraketen zum Einsatz kommen. «Die Erkundung der Himmel in diesem noch jungen Jahrhundert wird voranschreiten, mit oder ohne die USA», fügte er hinzu. «Aber Amerikaner geben sich nicht mit Platz zwei zufrieden» – Worte, in denen auch Kennedys Rede nachklingt. Ähnliche Ankündigungen hatte es schon während der Regierung von George W. Bush gegeben – sie waren allerdings an den Kosten gescheitert und daran, dass sie anders als die frühe Raumfahrt kaum militärischen oder sicherheitspolitischen Nutzen abwerfen würden.

Dennoch entbrennt neue Konkurrenz um Unternehmungen im All. Indien will 2022 den ersten bemannten Raumflug absolvieren. Der Chef der chinesischen Weltraumbehörde, Zhang Kejian, kündigte im April eine Mondlandung von Taikonauten noch vor 2029 an, die zum Aufbau einer bemannten Forschungsstation am Südpol führen soll. Russlands Präsident Wladimir Putin hat die Modernisierung der Raumfahrtindustrie zur Priorität erhoben und ebenfalls eine neue Mondmission bis 2030 angekündigt.

Und der Wettlauf zum Mars hat längst begonnen. In den USA und in Russland werden neue superschwere Trägersysteme entwickelt. Die ersten Sonden hatte schon in den Siebzigerjahren die Sowjetunion auf den Planeten geschossen. Bemannte Missionen zum Mars würden nach Berechnungen der Nasa bis zu 1100 Tage dauern. Verglichen damit war die Mondlandung eher ein kleinerer Sprung: Nach acht Tagen, drei Stunden, 18 Minuten und 35 Sekunden war die dreiköpfige Crew, zu der auch noch Michael Collins zählte, sicher zurück auf der Erde.

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