Viel Lärm um nichts

Es ist mehr als fraglich, ob die Auswertung von 50 Millionen Facebook-Profilen wirklich ermöglichte, Einfluss auf die US-Präsidentschaftswahlen zu nehmen.

Schon lange spielen soziale Plattformen und Big Data eine grosse Rolle.

Schon lange spielen soziale Plattformen und Big Data eine grosse Rolle.

Ich gebe zu: Es entzieht sich meinem Verständnis, wie ein sogenannter Influencer Werbegeld wert sein kann, das man ihm dafür in die Hand drückt, dass er ein bestimmtes Produkt auf sozialen Plattformen anpreist. Aber da Firmen normalerweise nicht völlig sinnlos Geld verpulvern, muss sich ein Return on Investment messen lassen, also ein Zusammenhang zwischen Verkäufen und Werbeinvestition.

Wie steht es nun um die Beeinflussbarkeit des Wählers? In den US-Präsidentschaftswahlen ging es um eine banale binäre Entscheidung: Kandidat Clinton oder Kandidat Trump. Oder auf einen chancenlosen Aussenseiter setzen oder überhaupt nicht wählen. 41,1 Prozent aller Wahlberechtigten entschieden sich für Abstinenz. Um die Stimme der rund 200 Millionen Wahlberechtigten zu bekommen, gaben die beiden Kandidaten insgesamt die unvorstellbare Summe von über zwei Milliarden Dollar aus; Clinton alleine 1,3 Milliarden.

Angebliche Magier

Schon lange spielen das Internet, soziale Plattformen und Big Data, also das Analysieren von riesigen Datenhaufen zwecks punktgenauer und möglichst individueller Umwerbung des Einzelnen, eine grosse Rolle. Die ins Feuer der Kritik geratene Bude Cambridge Analytica ist nicht die einzige Firma, die behauptet, mit moderner Datenanalyse und dem Anwenden aller denkbaren Beeinflussungsmethoden den Ausgang von Wahlen mitentscheiden zu können. Gerade der US-Wahlkampf ist ein Tummelfeld für Spin Doctors, angebliche Magier, die zu wissen vorgeben, wie man den Wähler dazu bringt, an der richtigen Stelle sein Kreuzchen zu machen. Roger Stone soll Richard Nixon und Ronald Reagan ins Präsidentenamt gehievt, Paul Manafort das gleiche Werk bei Trump vollbracht haben.

Unvergessen der Ausspruch, der ohne richtigen Beleg dem Schweizer Werber Rudolf Farner zugeschrieben wird: «Gebt mir eine Million, und ich mache aus jedem Kartoffelsack einen Bundesrat.» Es sind moderne Alchemisten, die versprechen, ein goldenes Händchen für Wählerbeeinflussung zu haben, sich aber in erster Linie die eigene Tätigkeit vergolden lassen.

Auch ausländische Mächte mischen sich gerne in Wahlen ein. Nach einer wissenschaftlichen Untersuchung griffen zwischen 1946 und 2000 alleine die USA und die UdSSR bzw. Russland in 117 «freie und demokratische» Wahlen ein. Dabei kam alles zum Einsatz: finanzielle Unterstützung präferierter Parteien, Diskreditierung missliebiger Kandidaten oder politischer Bewegungen, ökonomische Sabotage, Unterstützung von Kandidaten durch die Entsendung von erfahrenen Wahlkampfmanagern. Gelegentlich, wie 1948 bei den Wahlen in Italien oder 1970 in Chile, intervenierten beide Grossmächte gleichzeitig.

Also ist das, was Cambridge Analytica zu tun vorgibt, weder neu noch speziell. Abgesehen vielleicht von der Dummheit des inzwischen beurlaubten CEOs, vor laufender verdeckter Kamera aus dem Nähkästchen zu plaudern, was man neben der Bewirtschaftung von Big Data noch so alles an schmutzigen Tricks auf Lager habe. Allerdings ist es mehr als fraglich, ob die Auswertung von angeblich 50 Millionen Facebook-Profilen ermöglichte, Einfluss auf das Abstimmungsverhalten bei den letzten US-Präsidentschaftswahlen zu nehmen. Denn entscheidend dabei ist, welche Kriterien zur Bestimmung des individuellen Persönlichkeitsprofils verwendet werden.

Unsinnige Verknüpfungen

Dazu dient das sogenannte Ocean-Modell, das die Persönlichkeit eines Menschen nach den fünf Massstäben Offenheit, Gewissenhaftigkeit, Extraversion, Verträglichkeit und Neurotizismus bestimmen will. Das ist seit den 30er-Jahren im Schwang; da Psychologie aber keine exakte Wissenschaft ist, bleibt bis heute umstritten, ob diese Methode belastbare Aussagen machen kann oder nicht. Also konkret, ob beispielsweise der Kauf eines US-Autos tatsächlich ein Indiz dafür ist, dass der Wähler den Republikanern zuneigt. Vielmehr handelt es sich häufig um unsinnige Verknüpfungen oder Rückkoppelungen. Ähnlich dem Phänomen, dass jemand, der nach Turnschuhen gegoogelt hat, anschliessend wochenlang von Werbung im Internet verfolgt wird, die ihm Turnschuhe anpreist. Viel wichtiger für den Ausgang von US-Wahlen dürfte beispielsweise das Zurechtschnitzen von Wahlkreisen oder das akkurate bzw. nachlässige Nachführen von Wählerlisten sein. Nimmt man den US-Wähler nicht als Volltrottel, der leicht zu beeinflussen oder zu manipulieren ist, dann war die Grundströmung, dass die Amerikaner lieber einen Schimpansen wählen wollten als Hillary Clinton und das von ihr verkörperte «weiter so», wohl wahlentscheidend. Schon Barack Obama hatte in seinen Wahlkämpfen die Bedeutung des Internets und der sozialen Medien erkannt. Allerdings nicht in erster Linie als Möglichkeit zur manipulativen Beeinflussung. Sondern als neue und billige Kanäle, auf denen viel besser als mit teuren Werbekampagnen in klassischen Medien Wähler erreicht werden können.

Diese Methode perfektionierte Trump. Nicht der inzwischen völlig abgehalfterte Steve Bannon oder Spin Doctors wie der dumme CEO Alex Nix (der Kalauer liegt auf der Hand, dass hier nomen est omen gilt) haben entscheidend Einfluss auf die letzten Präsidentschaftswahlen genommen. Wenn schon, war das ein unbekanntes Genie, das Trump empfahl, auf Twitter regelmässig einen rauszuhauen, damit Gratis-Werbezeit durch Interviews in den Massenmedien zu generieren und so seine Wahlkampfausgaben schön flach zu halten. Leider gibt es aber offenbar kein Genie, das Trump erklären kann, dass das im Wahlkampf wunderbar funktioniert, für einen Präsidenten aber eher unangemessen ist.

Basler Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt