Trumps Wut

Was treibt Donald Trump um? Fürchtet er sich vor dem Mueller-Report? Oder brennt er auf eine Abrechnung mit seinen Gegnern, weil der Report ihn reinwaschen wird?

Erwartet er die Absolution durch den Mueller-Report oder hat er Angst vor einem Schuldspruch? Donald Trump ballt die Fäuste.

Erwartet er die Absolution durch den Mueller-Report oder hat er Angst vor einem Schuldspruch? Donald Trump ballt die Fäuste.

(Bild: Keystone Craig J. Orosz /The Lima News)

Martin Kilian@tagesanzeiger

Selten agierte er so aggressiv: Seit dem Wochenende, als Donald Trump an einem einzigen Tag fast 50 Tweets publizierte und damit Fragen nach seiner geistigen Verfassung auslöste, befindet sich der Präsident in der Offensive. Furios holt er aus gegen echte und vermeintliche Gegner sowie seine Lieblingsfeinde, die liberalen Medien.

Im seit Tagen andauernden Twitter-Gefecht mit George Conway, dem Ehemann seiner engen Beraterin Kellyanne Conway, schleuderte Trump seinem Gegner am Mittwoch Beleidigungen wie «Loser» und «Verrückter» entgegen. Und so pietät- wie geschmacklos hieb er neuerlich auf den toten Kriegshelden John McCain ein, dass sich Senator Johnny Isakson (Georgia), der republikanische Vorsitzende des Veteranenausschusses, am Mittwoch vom Präsidenten distanzierte.

Was aber löst Trumps verbale Salven, seine Beleidigungen und seinen wachsenden Groll aus? Eine gängige Leseart in Washington sieht den Präsidenten unter erheblichem psychischen Druck: Der Abschlussbericht von Russland-Sonderermittler Robert Mueller stehe an, bald werde ihn das Justizministerium erhalten – und Donald Trumps Präsidentschaft in eine schwere Krise stürzen.

Dieser Version zu Folge wird Muellers Report den Demokraten neue Munition für ihre Ermittlungen geben und Trump bis zum Ende seiner Präsidentschaft oder sogar darüber hinaus verfolgen. Der Präsident müsse «mit der Zerstörung seines Unternehmens, seiner Stiftung, seiner Präsidentschaft und seines Vermächtnisses» rechnen, glaubt Frank Figliuzzi, der beim FBI zeitweilig für die Spionageabwehr zuständig war.

Trump selber schien diese These am Mittwoch zu stützen: Er müsse den Mueller-Report trotz einem der «grössten Wahlsiege» der amerikanischen Geschichte über sich ergehen lassen, klagte der Präsident und stellte einen Zusammenhang her, den es so nicht gibt.

Trump aus dem Schneider?

Eine alternative Erklärung für die Wut des Präsidenten geht von einem gänzlich anderen Szenario aus: Insider berichten, Trumps Umgebung rechne mit einer Absolution des Präsidenten durch Robert Mueller. Demnach ist der Sonderermittler nicht fündig geworden und seine Untersuchung verpufft, ohne Trump, seine Mitarbeiter im Wahlkampf 2016 sowie Angehörige seiner Familie überführt zu haben. Weder seien dem Präsidenten verschwörerische Absprachen mit Moskau nachgewiesen worden noch Justizbehinderung und andere Vergehen. Trump sei mithin aus dem Schneider.

Dies, so die Schlussfolgerung, öffnete dem Präsidenten Tür und Tor zu einem Rachefeldzug gegen seine Widersacher in den liberalen Medien, der Demokratischen Partei und beim «Deep State». Trump könnte zu Recht behaupten, er sei Opfer einer von seinen Widersachern inspirierten «Hexenjagd», mit deren Hilfe versucht worden sei, ihn aus dem Amt zu drängen.

Nicht nur fühlte sich der Präsident rehabilitiert, er hätte zudem einen plausiblen Vorwand, gegen weitere Ermittlungen der demokratischen Mehrheit im Repräsentantenhaus zu mauern. Schon jetzt weigert sich das Weisse Haus, der Aufforderung des demokratischen Vorsitzenden des Aufsichtsausschusses, Elijah Cummings, auf Herausgabe diverser Dokumente nachzukommen.

Sollte Robert Muellers Report Trump tatsächlich reinwaschen, könnte der Präsident zudem in Versuchung geraten, in seinem Justizministerium aufzuräumen – und damit eine neue politische Krise in Washington herbeiführen. Was immer Donald Trump in diesen Tagen aufzuregen scheint: Eine erwartete Absolution durch Robert Mueller würde das Verhalten des Präsidenten geradeso gut erklären wie seine Angst vor einem Schuldspruch.

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