Trumps Wahlkampf der verbrannten Erde

Donald Trumps Verschwörungstheorien und Tiraden rütteln am Fundament amerikanischer Demokratie. Selbst eine Niederlage wäre gefährlich.

Beschert den USA eine existenzielle Krise: Der republikanische Präsidentschaftskandidat Donald Trump betritt in Iowa eine Bühne. (28. September 2016)

Beschert den USA eine existenzielle Krise: Der republikanische Präsidentschaftskandidat Donald Trump betritt in Iowa eine Bühne. (28. September 2016)

(Bild: Keystone Kristin Streff/Lincoln Journal Star)

Martin Kilian@tagesanzeiger

Es begann 1992 mit einem anonymen Brief an US-Medien. Eine junge Frau, Susan Coleman, sei nach einer Affäre mit Bill Clinton schwanger geworden und habe Selbstmord begangen, stand darin.

David Bossie, der damals für eine den Republikanern nahestehende Organisation arbeitete, machte sich sofort an die Arbeit. Er reiste in Clintons und Colemans Heimatstaat Arkansas, obschon Colemans Familie erklärt hatte, der Inhalt des Briefs sei «unwahr». Laut einem Report des TV-Sender CBS besuchte Bossie sogar ein Hospital, in dem sich Colemans Vater von einem Schlaganfall erholte, und bedrängte den Kranken und die Mutter Colemans – alles war erlaubt, wenn es darum ging, eine Präsidentschaft Bill Clintons zu verhindern.

Auf der Verliererstrasse

Das gesamte Jahrzehnt über blieb Bossie den Clintons auf den Fersen, ein Fanatiker, dessen Treiben der damalige Präsident George Herbert Walker Bush als «Abschaum» bezeichnete, «der den politischen Prozess beschmutzt».

Jetzt sitzt Bossie in Donald Trumps Bunker mit dem Häuflein der letzten Aufrechten: Rudy Giuliani, Trumps Mann fürs Allergröbste, sowie Wahlkampfmanagerin Kellyanne Conway und Steven Bannon, ehemals Chef der skurrilen Webseite «Breitbart» und ein Verschwörungstheoretiker der Extraklasse.

Vulgär und abwertend: Das Gespräch, das Trump als blosses Umkleidekabine-Geplapper unter Männern abtut. (Video: Tamedia)

Im Gefolge von Trumps Schmuddel-Video und den sexuellen Anschuldigungen einer nahezu täglich wachsenden Schar von Frauen ist es einsamer geworden um den republikanischen Präsidentschaftskandidaten, gewiss auch deshalb, weil sich Trump auf der Verliererstrasse befindet. Von New Jerseys Gouverneur Christ Christie ist nicht mehr viel zu sehen, desgleichen von Newt Gingrich, dem ehemaligen Sprecher des Repräsentantenhauses und ein früher Fan Trumps.

Härter und ruppiger

«Es gibt einen grossen Trump und einen kleinen Trump, und der kleine Trump ist offen gesagt erbärmlich», klagte Gingrich nach der Flut der Enthüllungen über Trump und Frauen. Wie Gingrich sind Bossie und Conway Veteranen des republikanischen Kriegs gegen Bill und Hillary Clinton. Im Gegensatz zu Gingrich aber würden Bannon, Bossie und Conway niemals öffentlich Kritik an Trump üben: Sie sind Strategen der Konfrontation ohne Rücksicht auf Verluste.

Das Trio dürfte höchst zufrieden mit Trump sein: Zusehends härter und ruppiger führt er seinen Wahlkampf, immer schriller geht der Kandidat auf die Clintons los und verliert sich dabei in wilden Verschwörungstheorien.

«Es gibt einen grossen Trump und einen kleinen Trump, und der kleine Trump ist offen gesagt erbärmlich.»Newt Gingrich

Lustig ist daran nichts mehr: Trump versucht der amerikanischen Demokratie das rechtsstaatliche Fundament zu entziehen und drängt das Land damit an einen historischen Scheideweg. «Diese Bedrohung der Legitimität der Bundesregierung mitsamt Trumps Behauptung, der ganze Staat sei korrupt und das gesamte System manipuliert – so etwas haben wir seit 1860 nicht mehr erlebt», sagt der Präsidentschaftshistoriker Doug Brinkley.

Ein US-Amerika weisser Wunschträume

1860 wurde Abraham Lincoln zum Präsidenten gewählt, bald zog der Bürgerkrieg zwischen Nord und Süd am Horizont herauf. Nun ist es Donald Trump, der den USA eine existenzielle Krise beschert. Auch eine Niederlage könnte diese Krise verschärfen: Trump hat mehr als einmal angedeutet, er werde das Wahlergebnis nicht akzeptieren.

Und seine Anhänger würden eine Niederlage womöglich erst recht nicht hinnehmen: Glaubt man Trump, ist die Wahlentscheidung 2016 die letzte Chance, ein US-Amerika weisser Wunschträume wiederherzustellen. Deshalb kann nach einer Wahlniederlage des Matadors nicht einfach zur Tagesordnung übergegangen werden.

Um so mehr als Trump schon jetzt eine internationale Verschwörung für eine Niederlage verantwortlich macht. «Hillary Clinton trifft sich insgeheim mit internationalen Banken, um die Zerstörung amerikanischer Souveränität zu planen», erklärte Trump in seiner bizarren Tirade am Donnerstag in Florida – und greift damit unterschwellig anti-semitische Themen auf: Eine Kabale «internationaler Banken» und Globalisten, angeführt von Hillary Clinton, macht amerikanischer Selbstständigkeit klandestin den Garaus.

Furcht vor Verlust der Privilegien

Einige Anhänger Trumps behaupten, das Schmuddel-Video, auf dem sich Trump mit sexuellen Übergriffen brüstet, sei von Dan Senor, einem jüdischem Mitarbeiter des republikanischen Präsidenten George W. Bush, im Auftrag der republikanischen Führung um Sprecher Paul Ryan an die Öffentlichkeit bugsiert worden. In Trumps Bunker wird zudem spekuliert, die «New York Times» habe Storys über Frauen, die sich von Trump sexuell bedrängt fühlten, nur deshalb lanciert, weil der grösste Aktionär der Zeitung, der mexikanische Milliardär Carlos Slim, ein Freund der Clintons sei.

Verzerrte Wahrnehmung: Trump hat nicht viel mit Menschlichkeit zu tun. (Bild: Reuters).

Je näher eine Niederlage rückt, desto verwegender wird die Suche nach den «wahren» Gründen dieser Niederlage ausfallen und desto rabiater werden Zweifel an der Legitimität einer Clinton-Präsidentschaft geschürt. Möglich wird Trumps Wahlkampf der verbrannten Erde unter anderem, weil der Kandidat eine Mehrheit weisser amerikanischer Männer hinter sich hat. Sie fühlen sich von Frauen und Minderheiten unter Druck gesetzt und befürchten einen Verlust ihrer Privilegien.

Die Frauen bestimmen die Wahl

Als Michelle Obama in ihrer weithin beachteten Rede in New Hampshire am Freitag die Amerikanerinnen mehr oder weniger zu einem Aufstand an der Wahlurne aufrief, sprach sie eine einfache Wahrheit aus: Nur die Amerikanerinnen stehen zwischen Trump und dem Weissen Haus.

Votierten weisse verheiratete Frauen in den US-Vorstädten für Trump, könnte er die Wahl am 8. November gewinnen. Weil sie es anscheinend nicht tun, wird er wahrscheinlich verlieren, zum Entsetzen einer Fan-Gemeinde, in der verschiedentlich der Ruf laut wird, den 19. Verfassungszusatz zu kassieren, dank dem die Amerikanerinnen das Wahlrecht erhielten.

«Wir sind alle Sünder»

Trumps erstaunlicher Aufstieg und sein fundamentaler Angriff auf die amerikanische Demokratie verdankt sich vor allem der Komplizenschaft von Segmenten der Republikanischen Partei, darunter dem evangelikalen Christenflügel. Dass Trumps Verhalten gegenüber Frauen christlicher Moral widerspricht, hinderte Power-Figuren wie Jerrey Falwell jr., Rektor der grössten evangelikalen Universität der USA, nicht daran, sich hinter den Kandidaten zu stellen.

Ob er Trump wählen würde, falls die Anschuldigungen wegen sexueller Belästigung wahr seien? «Ich beantworte keine hypothetischen Fragen», sagt Falwell im Interview mit CNN.

«Wir sind alle Sünder», erklärte Falwell, dessen Vater die Evangelikalen-Bewegung «Moral Majority» gründete und Ronald Reagan 1980 mit zur Präsidentschaft verhalf. So ungeniert hält der jüngere Falwell nach wie vor zu Trump, dass Studenten seiner Universität vor wenigen Tagen rebellierten: «Wir sind Studenten der Liberty Universität, die enttäuscht sind von Rektor Falwells Unterstützung für Trump; wir sind es müde, mit einem der schlimmsten Kandidaten der amerikanischen Geschichte verbunden zu sein».

Eine Scheibe abschneiden könnten sich Falwell und seine evangelikalen Kumpane wie etwa der einflussreiche Pastor und Radio-Talker James Dobson von den Mormonen: Im Mormonen-Staat Utah versagen mächtige republikanische Amtsträger Trump die Gefolgschaft, nur mit Mühe wenn überhaupt wird Trump einen Staat für sich entscheiden, der seit 1964 stets überwältigend republikanisch gewählt hat.

Eine historische Abfuhr ist möglich

Am bitteren Ende des traurigen Spektakels, den Trumps Wahlkampf inzwischen bietet, wird die Zahl 38 als Messlatte für den Schaden herhalten, den Trump und seine Bunker-Besatzung angerichtet haben: Lediglich 37.5 Prozent der Stimmen gewann der Demokrat George McGovern bei der Präsidentschaftswahl 1972 gegen Richard Nixon, 38.5 Prozent holte der Republikaner Barry Goldwater 1964 gegen Lyndon Johnson – beides negative Rekorde für die jeweiligen Parteien.

Bleibt Trump darunter, hätten ihm die Amerikaner und vor allem die Amerikanerinnen eine historische Abfuhr erteilt: Er wäre der grösste Loser einer Präsidentschaftswahl seit 1945. Ob Trump danach in Frieden ziehen wird, muss bezweifelt werden. Vielleicht geht es danach erst richtig los.

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