Szenen des mexikanischen Wahnsinns

In Mexiko sorgen zwei Entführungen für grosses Aufsehen. Im einen Fall handelt es sich bei den Opfern um Polizisten. Im anderen um Ausländer.

Screenshot aus dem Entführervideo.

Screenshot aus dem Entführervideo.

Sandro Benini@BeniniSandro

Das Video erinnert an die Gräuelpropaganda des IS: Zwei Männer sprechen kniend in die Kamera, hinter ihnen stehen vier maskierte Gestalten, das Maschinengewehr im Anschlag. Die beiden Opfer sind aber nicht von radikalen Islamisten entführt worden, sondern wahrscheinlich von Mitgliedern des Drogenkartells Jalisco Nueva Generación, das gegenwärtig in Mexiko mehr Schrecken verbreitet und mehr Blut vergiesst als jede andere Verbrecherorganisation.

Octavio Martínez und Alfonso Hernández, 26 und 28 Jahre alt, sind Polizisten, deshalb haben ihre Henker sie gezwungen, ein T-Shirt mit der Aufschrift «Seido» anzuziehen: «Seido» steht für Subprocuraduría Especializada en Investigación de Delincuencia Organizada, eine Behörde also, die auf Ermittlungen gegen das Organisierte Verbrechen spezialisiert ist.

Genau wie viele Gefangene des IS müssen auch Martínez und Hernández ein Bekenntnis rezitieren: Das Innenministerium, das Verteidigungsministerium und die Armeeführung hätten sie losgeschickt, um zu ermitteln, aber sie hätten von den Behörden auch die Erlaubnis erhalten, «zu foltern, zu entführen und zu stehlen, ohne Rücksicht auf Frauen, Kinder und alte Leute».

Systematische Folter

Das Perfide an der erzwungenen Selbstbezichtigung: Mexikanische Polizisten begehen tatsächlich häufig Übergriffe, auch gegen Unschuldige. Armee und Polizei foltern laut den jährlichen Berichten des UNO-Sonderberichterstatters über Folter «systematisch». Genauso systematisch bestreitet die mexikanische Regierung, dass die Vorwürfe zutreffen. Was die beiden gekidnappten Polizisten in dem Video behaupten, ist wahrscheinlich falsch. Aber wer daran glauben will, kann genügend Beispiele von anderen Uniformierten anführen, um die Beteuerungen für wahr zu halten.

Im mexikanischen Drogenkrieg sind Tausende Personen spurlos verschwunden. Die Öffentlichkeit hat sich an Entführungen, Folter und Morde gewöhnt, und selbst Enthauptungen vermelden mexikanische Medien in routinierter Knappheit, als handle es sich um Verkehrsunfälle. Aber dass es ein Drogenkartell wagt, Mitglieder der Sicherheitskräfte derart vorzuführen, ist auch für mexikanische Verhältnisse ungewöhnlich.

Verschwunden sind Martínez und Hernández bereits am 5. Februar, laut Polizeiangaben, als sie während eines freien Tages unterwegs zu einem Fest im Bundesstaat Nayarit waren. Eine Woche später erschien das Video, und mittlerweile herrscht die traurige Gewissheit, dass auch diese Geschichte so geendet hat, wie solche Geschichten in Mexiko meistens enden: Am Freitag fand man zwei Leichen, gestern teilten die Forensiker mit, dass es sich um die Körper der beiden Polizisten handle.

Unbarmherzige Grausamkeit

Obwohl es über die Täter keine gesicherten Erkenntnisse gibt, gehen die Ermittler davon aus, dass sie zur Gruppierung Jalisco Nueva Generación (JNG) gehören. Die Organisation ist eine Abspaltung des Sinaloa-Kartells und hat sich in den letzten Jahren vom Bundesstaat Jalisco aus in den Norden und Osten des Landes ausgedehnt, in stetem Kampf mit ihren Widersachern aus Sinaloa.

Das Kartell ist straff geführt, seine Mitglieder sind militärisch hervorragend ausgerüstet und von unbarmherziger Grausamkeit. Spätestens seit Chapo Guzmán, der einstige Boss des Sinaloa-Kartells, vor zwei Jahren verhaftet wurde, ist Jalisco Nueva Generación die mächtigste Verbrecherorganisation des Landes. Die Buchstaben JNG stehen für Mexikos schlimmsten Albtraum.

Vor kurzem hat die Organisation mitten in Mexiko-Stadt eine sogenannte «Narcomanta» aufgehängt, ein grosses, weisses Tuch mit einer Botschaft an die Bevölkerung: «Durch diese Nachricht teilen wir mit, dass wir hier angekommen sind und dass der bevorstehende Kampf sich nicht gegen Zivilisten richtet. Aber wir werden all jene eliminieren, die sich Kartell des H nennen, Hugo und sein Onkel Don Agustín aus dem Viertel Santo Domingo, Coyoacán. (...) Wir werden sie einer nach dem anderen vernichten, genauso wie die Beamten, die sie unterstützen.» Da die Hauptstadt vom mexikanischen Drogenkrieg bisher weitgehend verschont blieb, löste die Nachricht grosse Sorge aus. Dass der Bürgermeister Miguel Ángel Mancera an einer eigens einberufenen Pressekonferenz beteuerte, JNC sei in Mexiko-Stadt nicht präsent, beruhigte niemanden.

Letzte Nachricht über Whatsapp

Gegenwärtig beschäftigt Mexiko ein zweiter Entführungsfall, der sich vom alltäglichen Grauen ebenfalls durch den besonderen Status der Opfer abhebt: drei Ausländer, genauer, drei Italiener aus Neapel. Raffaele Russo (60), sein Sohn Antonio (25) und sein Neffe Vincenzo Cimmino (29) waren nach Mexiko gereist, um als ambulante Händler elektronische Geräte zu verkaufen. Begleitet wurden sie von zwei weiteren Söhnen Russos, Daniele und Francesco. Am 31. Januar verschwindet zunächst der Vater Raffaele Russo in der Nähe des Ortes Tecalitlán im Süden von Jalisco. Antonio und Vincenzo versuchen verzweifelt, ihn telefonisch zu erreichen, doch Russo nimmt sein Handy nicht ab.

Die drei verschwundenen Italiener. Foto: repubblica.it

Sein Sohn und sein Neffe lokalisieren über GPS das Mietauto, mit dem er unterwegs ist. Mit ihrem eigenen Wagen machen sie sich auf die Suche. An einer Tankstelle werden sie von einer Polizeipatrouille zum Mitkommen aufgefordert. Antonio Russo gelingt es noch, seinem Bruder Daniele via Whatsapp mitzuteilen, dass sie gerade verhaftet werden. Danach bleiben auch die Handys der beiden jungen Neapolitaner stumm.

Daniele ruft die Polizeistation in Tecalitlán an. Ja, es seien vor wenigen Minuten zwei Italiener verhaftet worden, habe der Beamte gesagt, sie würden jetzt nach Tecalitlán gebracht. Über Raffaele Russo hingegen habe man keine Informationen. Bei einem späteren Anruf habe die Behörde plötzlich nichts mehr von einer Verhaftung wissen wollen. Dies ist die Version, die Daniele Russo später italienischen Medien erzählt. Die mutmassliche Entführung der drei Italiener durch mexikanische Gemeindepolizisten wird in Mexiko und Italien mit mehr als zweiwöchiger Verspätung bekannt, weil die Familie auf eine Lösegeldforderung wartet und das Leben der Opfer nicht gefährden will.

Daniele und Francesco Russo halten sich zur Tatzeit in einem anderen Teil Mexikos auf. Sie sind mittlerweile nach Italien zurückgekehrt. Die aus einem ärmlichen neapolitanischen Viertel stammende Familie sieht sich mit Gerüchten aus sozialen Medien konfrontiert, wonach die drei Verschwundenen in Mexiko Kontakt zu Drogenkartellen gesucht hätten, um in den Drogenhandel einzusteigen. «Ich komme mir vor wie in einem Horrorfilm», sagt Daniele Russo zum Reporter einer italienischen Zeitung. Das italienische Aussenministerium hat sich eingeschaltet, die italienische Staatsanwaltschaft hat zu ermitteln begonnen und die mexikanischen Kollegen um Hilfe ersucht.

Doch mexikanische Lokalpolizisten stehen häufig im Dienste des organisierten Verbrechens. Die Hoffnung, Raffaele und Antonio Russo sowie Vincenzo Cimmino lebend wiederzufinden, sind gering.

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