Sie wollen sie lebend zurück

Von 43 mexikanischen Seminaristen, die der Drogenmafia in die Hände gefallen sind, fehlt jede Spur. Die Angehörigen hoffen, die Polizei sucht, die Regierung vertröstet. Und die Wut der Bevölkerung wächst.

Fast täglich finden in mexikanischen Städten Massenkundgebungen statt: Schulpulte mit den Bildern der Vermissten. Foto: Daniel Becerril (Reuters)

Fast täglich finden in mexikanischen Städten Massenkundgebungen statt: Schulpulte mit den Bildern der Vermissten. Foto: Daniel Becerril (Reuters)

Sandro Benini@BeniniSandro

Wäre die Geschichte nicht so brutal, könnte man sagen, sie weise Züge von dürrenmattscher Tragikomik auf: Im Städtchen Iguala de la Independencia, der Wiege der mexikanischen Unabhängigkeit, regiert Bürgermeister José Luis Abarca. Er steht im Dienste des Drogenkartells Guerreros Unidos (Vereinigte Krieger). Alle wissen es, niemand spricht darüber.

Seine Gattin María de los Ángeles Pineda ist die Schwester von mehreren Mafiabossen, worüber man in Iguala ebenfalls schweigt. Einem Augenzeugen zufolge hat Abarca vor gut einem Jahr einen Rivalen innerhalb der linken Partei der demokratischen Revolution (PRD) eigenhändig umgebracht, mit den Worten: «Ich werde mir jetzt das Vergnügen bereiten, dich zu töten.»

Über den Mord und Abarcas Mitgliedschaft beim organisierten Verbrechen ist die Staatsanwaltschaft informiert, unternimmt jedoch nichts. Die Gattin des getöteten Politikers ist Stadträtin, debattiert also im Amtshaus mit dem Mörder ihres Mannes über Steuern, Bauprojekte, Schulklassen. Laut einem verhafteten Mitglied der Guerreros Unidos finanzierten die Bürgermeistergattin und deren Brüder den Wahlkampf von Ángel Aguirre, dem Gouverneur des Bundesstaates Guerrero. Ja, mehr noch: María de los Ángeles Pineda sei Aguirres Geliebte, mit Wissen und Zustimmung des Bürgermeisters.

Kritik und Gebete

Am 26. September ereignet sich in Iguala ein Verbrechen, das Mexiko in den Augen der Welt einmal mehr als Hort der Grausamkeit, der Korruption, der staatlichen Inkompetenz erscheinen lässt. Es droht die Präsidentschaft des jungdynamischen Reformers Enrique Peña Nieto scheitern zu lassen, es veranlasst Menschenrechtsorganisationen, die US-Regierung, EU-Parlamentarier zu Ermahnungen und den Papst zu Gebeten für die Opfer. Zunächst erschiessen Gemeindepolizisten bei Auseinandersetzungen mit Studenten des ländlichen Lehrerseminars Ayotzinapa sechs Personen, danach nehmen sie 43 junge Männer im Alter zwischen 18 und 22 Jahren fest.

Auf Geheiss des Bürgermeisters übergeben sie die Gefangenen den Killern der Guerreros Unidos. Bis heute weiss man nicht, was dann passiert ist, doch enden derartige Vorfälle im mexikanischen Drogenkrieg fast immer mit dem Tod. Fünf Minuten bevor ein Aufgebot von 50 Polizisten Abarca im Stadthaus verhaften will, flieht er gemeinsam mit seiner Gattin und dem ebenfalls mit der Mafia verbündeten Polizeichef. Später muss Gouverneur Aguirre unter dem Druck der Öffentlichkeit zurücktreten.

Iguala de la Independencia vergangene Woche: In den Strassen patrouillieren Panzerfahrzeuge der Armee und Geländewagen der Policía Federal, der Bundespolizei. Genau wie in 16 weiteren Gemeinden des Bundesstaates Guerrero ist auch hier die lokale Polizei kollektiv abgesetzt worden. Insgesamt 60 Polizisten und Mitglieder der Guerreros Unidos sitzen im Gefängnis, weil man sie verdächtigt, am Verschwinden der Studenten beteiligt zu sein. Demonstranten haben das Stadthaus verwüstet und angezündet, die Fensterscheiben sind eingeschlagen, Computer, Ventilatoren, Bürostühle von Plünderern erbeutet.

Ein blutiges Seldwyla

Die Stadtregierung tagt nun im ebenerdigen Raum eines Kulturzentrums, ihre vierzehn Mitglieder sitzen auf Plastikstühlen um einen hufeisenförmigen Holztisch. Tags zuvor wurde interimistisch ein neuer Bürgermeister vereidigt, doch schon nach sieben Stunden legte er sein Amt nieder. Er habe festgestellt, wie tief die Behörden zerstritten seien, lautete seine Begründung. Jeder weiss, dass das gelogen ist.

Soeben hat die führungslose Regierung eine Sitzung beendet, eine Stadträtin ergreift vor den Fragen des ausländischen Journalisten die Flucht, eine andere behauptet, sie habe es wenigstens gewagt, dem Mafia-Bürgermeister Paroli zu bieten. Darauf habe ihr Abarca das Büro weggenommen. Zum Beweis schaltet sie ihr iPad ein und zeigt Fotos, auf denen sie vor dem Eingang des Stadthauses unter offenem Himmel an einem Bürotisch sitzt, vor sich Aktenordner und Dokumente. Iguala ist ein mexikanisches Seldwyla, aber ein blutiges. Tagsüber sind seine engen Strassen geschäftig, nach Einbruch der Dunkelheit ziehen sich die Bewohner in ihre Häuser zurück.

Auf der Suche nach Massengräbern

Auf dem Platz vor dem Stadthaus haben Männer mit misstrauischen Augen ein Zeltlager aufgeschlagen. Einer sagt, sei seien Bewohner der umliegenden Dörfer, die bei der Suche nach den Seminaristen helfen wollen. «Wenn wir von Bauern Hinweise auf ein Massengrab erhalten, fahren wir hin und bergen Überreste. Aber wir haben Informationen, dass die Studenten noch leben.»

Es werden derzeit viele Massengräber gefunden in den zerklüfteten Tälern und Gebirgszügen um Iguala – Deponien mit anonymen Opfern des mexikanischen Drogenkriegs, in dessen Verlauf mehr als 20'000 Menschen verschwunden sind. Vielleicht handelt es sich um Angehörige von Kartellen, die rivalisierende Gruppen hingerichtet haben, vielleicht um Entführte, deren Familien das Lösegeld nicht zusammenbrachten. Die Studenten waren bisher nicht darunter.

Zwei Dutzend Kartelle

Mit einer Mordrate von 60 Fällen auf 100'000 Einwohner ist der am Pazifik gelegene Bundesstaat Guerrero das gefährlichste Gebiet Mexikos, und gemeinsam mit Oaxaca und Chiapas gehört es zu seinen ärmsten. Boden und Klima eignen sich, um Marihuana und Schlafmohn anzubauen, aus dessen Milchsaft Heroin gewonnen wird. Seiner geografischen Lage wegen ist Guerrero ein Schmuggelkorridor für Drogen.

Laut dem Experten für organisierte Kriminalität Eduardo Guerrero Gutiérrez bekämpfen sich in dem Gebiet rund zwei Dutzend Kartelle. Die meisten sind entstanden, nachdem es den Ordnungskräften 2009 gelungen war, die einst übermächtige Organisation der Gebrüder Beltrán-Leyva zu zerschlagen.

Erfolge im Drogenkrieg haben oft verheerende Auswirkungen, weil die kleineren Kriminellengruppen nicht mehr in der Lage sind, Drogen in die USA zu schmuggeln, und auf Verbrechen ausweichen, die sich direkt gegen die Bevölkerung richten – Schutzgelderpressung, Entführung. Neben den Drogenkartellen sind in Guerrero drei Guerillagruppen, Bürgerwehren, teilweise bewaffnete Eingeborenen- und Bauernorganisationen sowie radikale Gewerkschaften und politische Extremisten aktiv. Guerrero ist ein gescheiterter Bundesstaat.

Täglich Kundgebungen

Am Freitag demonstrierten in der Touristenstadt Acapulco zehntausend Personen, unter ihnen Absolventen des Lehrerseminars von Ayotzinapa sowie Angehörige der Vermissten. Fast täglich finden auch in anderen mexikanischen Städten Massenkundgebungen statt. Der Slogan der Bewegung lautet: «Lebend haben sie die Studenten weggebracht, lebend wollen wir sie zurück.»

Der Vater des verschwundenen Jorge Álvarez Nava sagt gegenüber dem baz.ch/Newsnet, er sei zu allem bereit, um seinen Sohn zu befreien. «Ich kann nicht mehr schlafen, nicht mehr essen, nicht mehr denken, solange ich nicht weiss, was mit Jorge geschehen ist. Ich bin überzeugt, dass er noch lebt. Es war der Staat, der ihn entführt hat, nun soll ihn der Staat wieder nach Hause bringen.» Die Hoffnung auf ein glückliches Ende schürt auch Guerreros interimistisch eingesetzter Gouverneur Rogelio Ortega Martínez.

Das Versagen wird immer deutlicher

Inhaftierte Mitglieder der Guerreros Unidos hingegen behaupten, die verfeindete Gruppe Los Rojos (Die Roten) hätten sich mit den Seminaristen verbündet. Studenten und Verbrecher seien in einer vom Bürgermeister befohlenen Strafaktion hingerichtet worden. Ob das stimmt, ist ungewiss. Die Kriminalisierung von Opfern ist eine bekannte Taktik, welche Zorn und Verzweiflung der Angehörigen nur schürt.

Mit jeder Stunde, die vergeht, tritt das Versagen des Staates deutlicher zutage. Präsident Enrique Peña Nieto hat viel zu lange geschwiegen und versucht, die Verantwortung den lokalen Behörden in Guerrero aufzubürden – dabei haben seine Geheimdienste von Abarcas Verstrickungen gewusst. Letzte Woche hat er die Eltern der Verschwundenen während fast sechs Stunden empfangen. «Er hat uns zugehört und sich einfühlsam gegeben», sagt die Mutter eines Verschwundenen. «Aber geglaubt haben wir ihm kein Wort.»

Eine Blamage für Mexikos Präsidenten

Der mexikanische Innenminister Miguel Ángel Osorio Chong hat in ungewöhnlicher Aufrichtigkeit zugegeben, die Ereignisse um die 43 verschwundenen Studenten aus Iguala hätten zur schwersten Krise geführt, seit die Regierung unter Präsident Enrique Peña Nieto im Dezember 2012 ihre Tätigkeit aufgenommen hat. Die Eltern der Verschwundenen forderte er auf, sich auf das Schlimmste gefasst zu machen. Darauf schrieb ein Kommentator der Zeitung «Milenio»: «Wer sich auf das Schlimmste gefasst machen muss, ist die Regierung.»

Peña Nieto hat unsensibel auf das Verbrechen an den Absolventen des Lehrerseminars reagiert. Zunächst liess er tagelang nichts verlauten, dann schob er die Schuld der Regierung des Bundesstaates Guerrero und den Lokalbehörden aus Iguala zu. Erst, als es im ganzen Land zu Massendemonstrationen kam, wandte er sich in einer kurzen Fernsehansprache ans Volk. Er versprach, Bundespolizei, Armee und die neu geschaffene Gendarmerie würden alles tun, um die Vermissten zu finden und ihre Mörder zu bestrafen. Ausserdem traf er sich vergangene Woche mit den Eltern der Studenten. Die Geste kam jedoch viel zu spät und war viel zu deutlich auf Schadensbegrenzung im eigenen Interesse angelegt. Dass nach über einem Monat noch immer keine Spur der Entführten gefunden wurde und trotz zahlreichen Festnahmen mutmasslicher Täter ungewiss bleibt, was genau den Opfern widerfahren ist, bedeutet für Mexikos Ordnungskräfte eine Blamage sondergleichen. Genauso peinlich ist es, dass sie offensichtlich unfähig sind, Igualas flüchtigen Bürgermeister José Luis Abarca und dessen Gattin zu ergreifen.

Hartnäckig zirkulieren in Guerrero Gerüchte, wonach die Studenten noch leben und allenfalls gegen die Bezahlung eines Lösegeldes freikommen könnten. Angehörige und Öffentlichkeit weigern sich, die Hoffnung aufzugeben, was nur allzu verständlich ist. Für die Regierung jedoch ist es hochgefährlich. Denn irgendwann wird sie die Wahrheit verkünden müssen, und nach den bisher im mexikanischen Drogenkrieg gemachten Erfahrungen dürfte sie schrecklich sein. Sollte sich herausstellen, dass die Studenten vor ihrem Tod auch noch gefoltert wurden, warnen Experten vor einer sozialen Explosion in Guerrero. Bereits jetzt ist das Misstrauen gegenüber einheimischen Beamten so gross, dass argentinische Forensiker eingesetzt werden, um die Leichen aus all den Massengräbern zu identifizieren. Die Studenten waren bisher nicht darunter. Deren Angehörige wollen einzig gerichtsmedizinische Ergebnisse der argentinischen Experten akzeptieren. Ausserdem betonen sie, die bisher erfolgte Verhaftung von Gemeindepolizisten und Mafiakillern aus Iguala genüge nicht. Zu bestrafen seien auch die politischen Hintermänner, allen voran Bürgermeister Abarca und Guerreros zurückgetretener Gouverneur Ángel Aguirre.

Peña Nieto hat bisher alles unternommen, um den Drogenkrieg aus den nationalen und internationalen Schlagzeilen zu verbannen. Indem er mehrere jahrzehntelang verschleppte Reformen durch den Kongress brachte, ist ihm dies zunächst auch geglückt. Im Februar 2014 feierte ihn das amerikanische Time-Magazine als „Retter Mexikos“. Das Verbrechen an den 43 Studenten droht nun, sein Image als zupackender, reformfreudiger, moderner Politiker zu zerstören. Denn die Indizien, wonach die Bundesregierung seit längerem von den skandalösen Zuständen in Guerrero wusste und nichts unternahm, verdichten sich. Gross ist der Schaden auch bei der wichtigen mexikanischen Linkspartei Partido de la Revolución Democrática (PRD), zu welcher sowohl Bürgermeister Abarca als auch Gouverneur Aguirre gehören.

Peña Nietos Taktik bestand bisher darin, wenig über den Drogenkrieg zu sprechen. Während unter seinem Vorgänger Felipe Calderón den Medien fast täglich verhaftete Mafiosi samt Drogen und Waffen präsentiert wurden, spricht der neue Präsident bei Auftritten und auf internationalen Reisen lieber vom ökonomischen Segen seiner Reformpolitik. Nun setzt er sich dem Verdacht aus, das Schweigen über den Drogenkrieg sei in Wirklichkeit ein Vertuschen. Er schürt den Argwohn, seine revolutionäre institutionelle Partei (PRI) und deren Exponenten seien noch immer so autoritär, korrupt und verlogen wie während der ununterbrochenen PRI-Herrschaft zwischen 1929 und 2000. Indessen warnt Mexikos Wirtschaftsminister Luis Videgaray, soziale Unruhen könnten jene internationalen Investoren abschrecken, die Peña Nieto unbedingt ins Land locken will. Und die wirklich grosse Bewährungsprobe steht dem Präsidenten noch bevor: Dann nämlich, wenn die Wahrheit über das Schicksal der 43 Seminaristen aus Ayotzinapa ans Licht kommt.

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