Nach der Sint- die Ölflut

Nur fünf Jahre nach dem Wirbelsturm Katrina steht das Mississippi-Delta vor der nächsten Katastrophe. Die Fischerei-Industrie steht vor dem Kollaps.

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Jan Knüsel

Die meteorologischen Karten, welche die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko illustrieren, erinnern an die bedrohlichen Radarbilder des Hurricane Katrina vom August 2005. Der Ölteppich ist im Mississippi-Delta angekommen. Diesmal wird zwar keine Stadt im Wasser versinken, doch die fruchtbaren Küstengebiete der Bundesstaaten Louisiana, Mississippi und Alabama stehen vor einer Umweltkatastrophe. Eine ganze Industrie vor dem Kollaps.

Der Geruch des Öls durchringt bereits die Luft im Südwesten Lousisianas, wie die Onlineausgabe der «Times Picayune» aus New Orleans berichtet. Die Gesundheitsbehörde hat begonnen, die Luftqualität zu messen. Der Geruch könne bei gewissen Menschen Übelkeit, Brechreiz und Kopfweh hervorrufen. Die Behörde rät Menschen mit entsprechenden Symptomen zu Hause zu bleiben.

Böse Erinnerungen an Katrina

Louisianas Gouverneur Bobby Jindal hat bereits am Donnerstag den Notstand ausgerufen, nachdem bekannt wurde, dass fünf Mal mehr Öl aus dem Leck ausfliesst als bisher erwartet. «Wir unternehmen Sicherheitsvorkehrungen wie bei einem Hurricane», sagt er gegenüber der «Financial Times».

US-Präsident Barack Obama hat derweil die Region zum Katastrophengebiet erklärt und angekündigt, alle möglichen Ressourcen aufzubieten. Auch die Nationalgarde steht bereit. Bis zu 6000 Soldaten sollen aufgeboten werden. Obama will ein Versorgungsdesaster wie zu Zeiten Katrinas unter US-Präsident Bush unter allen Umständen verhindern.

Sorgenfalten bei Politikern und Fischern

Trotzdem zeigen sich Politiker aus Louisiana besorgt. Das Vertrauen in die Bundesbehörde hat nach Katrina arg gelitten. «Ich mache mir Sorgen über die bislang nachlässige Reaktion zur Eindämmung des Ölteppichs», sagt der Sam Jones, Abgeordneter vom Parlament des Staates Louisiana. Der Staat führe eine Aufräum-, aber keine Präventionspolitik.

Die Fischereibranche, die sich eben erst gerade von den finanziellen Ausfällen Katrinas erholt hat, steht vor neuen Existenzängsten. Das Küstengebiete Louisianas sind überaus reich an Meeresfrüchten. Die Krabben und Austern gehören zu den besten des Landes. Jährlich werden zwei Milliarden US-Dollar umgesetzt.

Fast vierzig Prozent der in den USA verkauften Austern und ein Viertel aller Meeresfrüchte stammen aus Louisiana. Die Austernzüchter befürchten gar einen Totalausfall. Experten schätzen die sich anbahnende Katastrophe höher ein als bei einem Hurricane. Denn im Gegensatz zu einem Sturm sei ein Ende der Verunreinigung des Meeres nur schwer abschätzbar.

Katastrophe wie nie zuvor

Für die Fischer bleibt einzig der Galgenhumor: «Man könnte weinen oder lachen. Ich bevorzuge, lieber zu lachen», sagt James Gerakines von einer lokalen Fischereivereinigung gegenüber der «Times Picayune». Meeresfrüchte sind im Bundesstaat Louisiana nicht nur ein bedeutender Wirtschaftsfaktor, sondern auch ein zentraler Teil der Esskultur.

«Ich befürchte, dass die Ölkatastrophe einen Einfluss auf die Fischerei und Gastronomie haben wird, wie wir es noch nie zuvor erlebt haben», sagt Frank Bringtsen, Besitzer eines Restaurants in New Orleans. Sollte das Öl bis zur Flussmündung gelangen, seien die Hälfte ihrer Fischgründe zunichte.

Auch der Tourismus wird leiden

Die Behörden haben aus diesen Gründen frühzeitig die Krabbenfangsaison am Mississippi für die Fischer eröffnet. Zumindest ein Teil der Beute soll gesichert werden, bevor das Öl die Küstengebiete komplett verschmutzt.

Nicht nur die Fischerei, sondern auch die Tourismusindustrie muss mit riesigen Ausfällen für die Sommersaison rechnen. Alabama setzt mit dem Strandtourismus jährlich 2,3 Milliarden US-Dollar um. 41'000 Menschen arbeiten in dieser Branche.

Die Hoffnung auf Entschädigung

Die Hoffnung, in absehbarer Zeit eine finanzielle Entschädigung von BP per Gericht zu erzwingen, ist gering. Bei der Ölkatastrophe von Exxon Valdez 1989 dauerte es 19 lange Jahre, bis eine finanzielle Einigung zustande gekommen war.

baz.ch/Newsnet

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