Mit der Bibel unter dem Arm

Luis Fernando Camacho half, Evo Morales zum Rücktritt zu zwingen. Jetzt könnte er selbst nach der Macht greifen.

Forderte als Erster öffentlich den Rücktritt von Morales: Camacho (rechts, mit der Bibel in der Hand) begrüsst Anhänger in La Paz. Foto: Reuters

Forderte als Erster öffentlich den Rücktritt von Morales: Camacho (rechts, mit der Bibel in der Hand) begrüsst Anhänger in La Paz. Foto: Reuters

Christoph Gurk@gurk_christoph

Luis Fernando Camacho hat ­viele Spitznamen. Da wären «bolivianischer Bolsonaro», «El Macho» oder auch «El Presidente», der Präsident. Bislang wurde der Anwalt nur in seiner Heimatprovinz so genannt, doch das könnte sich bald ändern. Es wäre der radikalste Politikwechsel, den man sich in Bolivien überhaupt nur vorstellen könnte.

Camacho stammt aus ­Santa Cruz im Osten von Bolivien, gleich an der Grenze zu Brasilien und Paraguay, wo es flache Felder und Hunderttausende Rinder gibt.Nach der Eroberung Südamerikas durch die Spanier kamen zuerst die Jesuiten in die Region, dann europäische Einwanderer. ­Heute ist Santa Cruz das unternehmerische und landwirtschaftliche Zentrum Boliviens. Die Provinzhauptstadt Santa Cruz de la ­Sierra steht in ewiger Konkurrenz zu La Paz im Hochland.

Wie der Vater, so der Sohn

Hier wurde Camacho geboren und hier wuchs er auf. 40Jahre ist er alt, der Spross einer wohlhabenden lokalen ­Unternehmerfamilie. Er hat in SantaCruz und in Barcelona Jura studiert und danach in den Konzernen seiner Eltern mitgearbeitet. Ausserdem war Camacho mit Anfang 20 Leiter der «Unión Juvenil Cruceñista», einer Gruppe, die für mehr Autonomie des Tieflands kämpft und als zumindest paramilitärisch, wenn nicht gar rechts­extrem gilt.

Anfang dieses Jahres wurde Camacho zum Präsidenten des Komitees «Pro-Santa Cruz» gewählt, einer Bürgervereinigung aus einflussreichen Unternehmernund sozialen Gruppen. Schon sein Vater hatte diesen Posten inne, der normalerweise ein bisschen lokales Ansehen verspricht. Cama­cho aber hat ihn genutzt, um sich an die Spitze der aktuellen Protestbewegung zu stellen. Er hat massgeblich daran mitgewirkt, Evo Morales zum Rücktritt zu zwingen, und es so zu landesweiter Berühmtheit gebracht.

Er hatte noch nie ein politisches Amt und gehört keiner Partei an.

Morales hatte Bolivien für mehr als 13 Jahre regiert. Die Wirtschaft wuchs in dieser Zeit, Millionen schafften es aus der Armut. Der Präsident beugte aber auch die Verfassung, um sich immer wieder wählen zu lassen. Das führte zu Unmut, der in offenen Protest umschlug, als es Unregelmässigkeiten gab bei den ­Wahlen Ende Oktober. Die Opposition forderte eine Stichwahl, Camacho aber als Erster öffentlich den Rücktritt von Morales.

Camacho ist zwar ­vergleichsweise jung, kein Mitglied einer Partei, und er hatte noch nie ein gewähltes öffentliches Amt inne. Im Zuge der Proteste aber bewies er, wie viel politisches Gespür er dennoch besitzt. Denn als diese immer grösser wurden, stellte Camacho erst ein Ultimatum an Morales, dann flog er selbst öffentlichkeits­wirksam nach La Paz, unter dem einen Arm ein vorgefertigtes Rücktrittsschreiben, unter dem anderen eine Bibel.

Parallelen zu Bolsonaro

Denn auch das ist Teil seiner Inszenierung: Wann immer er kann, sinkt Camachos zum Gebet auf die Knie, reckt eine Faust mit Rosenkranz in die Luft oder zitiert Bibelverse.

All das steht in strengem Widerspruch zu Morales. Als erster indigener Präsident seines Landes förderte dieser die traditionellen Religionen, er berief sich auf Pachamama und Tata Inti, Mutter Erde und Vater Sonne. Camacho dagegen steht den fundamental-christlichen Politikern aus Paraguay und Brasilien viel näher, ­insbesondere Jair Bolsonaro. Mit frommer Rhetorik und dem Image vom starken Mann hat es dieser bis ins Präsidentenamt seines Landes geschafft. Und wie es aussieht, will auch Camacho dorthin.

Die Chancen jedenfalls stehen nicht schlecht, vor allem auch wegen eines weiteren Punkts, der Camacho und Bolsonaro eint: Beide pflegen nicht nur das Image vom starken und frommen Mann, sondern auch das des politischen Outsiders. Er habe nie Präsident sein wollen, so Bolsonaro. Camacho dagegen hat versprochen, nach dem Rücktritt von Morales nach Santa Cruz ­zurückzukehren und sich ausschliesslich seinen Geschäften zu widmen. Es wird sich zeigen, ob er dieses Versprechen hält.

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