Mexikos arg gemischte Drogenbilanz

Tausende Mordopfer, eine ganze Stadt in Panik, Gewerbler am Rande der Verzweiflung. Und doch ist die ökonomische Bilanz des Drogenhandels für Mexiko zwiespältig – denn die illegalen Geschäfte bringen Milliarden ins Land.

Sandro Benini@BeniniSandro

Der Tag wird als schwarzer Freitag in die Geschichte der mexikanischen Stadt Cuernavaca eingehen. Zunächst begann im Internet, vor allem über Facebook, eine Nachricht zu zirkulieren: «Wir sind Drogendealer, aber den Familien von Cuernavaca werden wir nie und nimmer etwas antun. Unser Chef hat uns vielmehr befohlen, unsere Rivalen zu töten, zu enthaupten und zu zerstückeln. Deshalb gilt heute ab 20 Uhr eine Ausgangssperre. Wir empfehlen allen, zu Hause zu bleiben, denn wir werden eine Operation lancieren und könnten euch verwechseln – dann habt ihr Pech gehabt.»

Da keine Verbrecherorganisation der Welt ihre kriminellen Pläne öffentlich ankündigt, war die Drohung als makabrer Internetscherz zu durchschauen. Und doch erwies sich ihre Wirkung als durchschlagend. Das Zentrum der 350'000 Einwohner zählenden Hauptstadt des Bundesstaates Morelos war das ganze Wochenende über ausgestorben.

Eine Stadt im Ausnahmezustand

Gut drei Wochen später – der schwarze Freitag fiel auf den 16. April 2010 – sitzt Juan Carlos Salgado, der Vorsitzende der lokalen Handelskammer, in einem Café und sagt, so könne es nicht weitergehen. Seit eine Sondereinheit der mexikanischen Marine im Dezember 2009 den Capo Arturo Beltrán Leyva in dessen Wohnresidenz erschossen hat, ist das zuvor eher beschauliche Cuernavaca zu einem Schauplatz des mexikanischen Drogenkriegs geworden. Die Auseinandersetzung zwischen rivalisierenden Banden hat über 50 Tote gefordert, mehrere wurden enthauptet, in einigen Fällen liessen die Mörder halb nackte Leichen von Autobahnbrücken baumeln. Laut Salgado haben die lokalen Gewerbetreibenden allein durch die Ausgangssperre umgerechnet fast 3 Millionen Franken verloren. Die Vereinigung der Diskotheken- und Barbesitzer beklagt, dass die Umsätze danach um zwei Drittel schrumpften. «Von den rund 200 Unternehmern in unserer Organisation erwägen 20 bis 30 Prozent, die Stadt zu verlassen», sagt Salgado.

Cuernavaca ist ein eindrückliches Beispiel, wie schnell und radikal der Drogenkrieg die ökonomischen Kapillargefässe schädigt. In anderen mexikanischen Städten, in denen das Gemetzel seit längerem und noch heftiger tobt, sind die Einbussen weit gravierender – etwa in der Grenzstadt Ciudad Juárez, wo das Nachtleben fast ganz zum Erliegen gekommen ist. Laut einer privaten Wirtschaftsuniversität belaufen sich die Folgekosten der Kriminalität auf insgesamt 15 Prozent des mexikanischen Bruttoinlandprodukts.

Tourismusindustrie besonders exponiert

Besonders exponiert ist die Tourismusindustrie, die 8 Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung ausmacht und damit neben dem Erdöl und den Überweisungen ausgewanderter Arbeitskräfte zu Mexikos wichtigsten Einnahmequellen gehört. Im letzten Jahr ist der durch ausländische Besucher erzielte Umsatz um 15 Prozent eingebrochen, wobei sich die weltweite Wirtschaftskrise und die Schweinegrippe zusätzlich niederschlugen.

Die Behörden bekämpfen den internationalen Imageverlust des Landes durch eine Doppelstrategie. Zum einen setzen sie Militär und Ordnungskräfte ein. Als etwa die Gewerbetreibenden in Cuernavaca lautstark nach Massnahmen riefen, forderte der Gouverneur des Staates Morelos 400 zusätzliche Bundespolizisten an. Zum anderen weisen offizielle Stellen darauf hin, dass sich die Drogenbanden gegenseitig bekriegen und Touristen deshalb kaum betroffen seien. Kürzlich rief der mexikanische Präsident Felipe Calderón die Medien auf, «gut von Mexiko zu sprechen».

Wichtige Einnahmequelle

Was ihm bei seiner Positivpropaganda zugute kommt, ist die internationale Mordstatistik. Denn trotz des Drogengemetzels gibt es in Mexiko «nur» 11,5 Morde auf 100'000 Einwohner. In Kolumbien, dessen Präsident Álvaro Uribe als grosser Held im Kampf gegen die Kriminalität gilt, ist der Wert fast viermal so hoch, im ökonomischen Wunderland Brasilien beträgt er das Doppelte und in der US-Stadt New Orleans gar das Siebenfache. Gegen die international immer häufiger verbreiteten Bilder von durchsiebten und enthaupteten Leichen kommen diese Zahlen allerdings kaum an.

Und so zynisch es klingen mag: Rein ökonomisch betrachtet, ist der Einfluss der grossen Drogenkartelle zwiespältig. Denn gemäss offiziellen Schätzungen spült der Drogenhandel pro Jahr 10 bis 15 Milliarden Dollar ins Land, unabhängige Experten gehen von 40 bis 50 Milliarden Dollar aus. Sollte Letzteres stimmen, wäre das Narco-Business Mexikos wichtigste Einnahmequelle überhaupt, noch vor dem Erdöl. In der Zeitung «El Universal» schrieb kürzlich ein Kommentator: «Wenn eine Gottheit beschlösse, dass heute Nacht der Drogenhandel in Mexiko aufhörte zu existieren, dann würden wir morgen verhungern. Oder fast.»

Tages-Anzeiger

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